Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 07.12.2017


Missbrauch im Sport

Neustift: Schulkarriere trotz sexueller Übergriffe

Zwei Fälle, ein Schema in Neustift: Der Heimleiter sowie der suspendierte Beamte stiegen später die Schulleiter hinauf.

© thomas boehm(Symbolfoto)



Von Peter Nindler

Innsbruck, Neustift – Der am Montag suspendierte höhere Beamte in der Tiroler Schulverwaltung stolperte letztlich über einen Aktenvermerk aus dem Jahr 1998, aufgetaucht in der Sportabteilung des Landes. Der damalige Pädagoge und Trainer an der Skihauptschule in Neustift war in einem ano­nymen Schreiben beschuldigt worden, Schülerinnen unsittlich angefasst zu haben. Daraufhin hatte das Land das Kinderschutzzentrum Tangram eingeschaltet. Mögliche Konsequenzen hatte es aber nicht gegeben, schließlich wurde der Lehrer Jahre später nicht nur in der Schule selbst befördert, sondern wechselte vor wenigen Jahren in eine höhere Funktion in der Tiroler Schulverwaltung.

Allerdings dürfte 1998 kein Einzelfall gewesen sein. Denn bereits Mitte der 1990er-Jahre, so berichten ehemalige Schülerinnen, soll es Übergriffe des Pädagogen gegeben haben. Als Trainer kümmerte er sich nämlich auch um kleinere Weh­weh­chen nach Trainingseinheiten. „Da kam es zu den unsittlichen Berührungen bzw. Massagen“, berichtet eine ehemalige Neustift-Schülerin. Zwei Schülerinnen seien damals betroffen gewesen und haben das auch den Erziehern im Heim gemeldet. „Darüber wurde geredet, die Verantwortlichen haben davon gewusst.“ Und schon damals wurden die Vorfälle gemeldet und das Kinderschutzzentrum Tangram eingeschaltet. Doch Unterlagen dazu sind nicht vorhanden, lediglich die besagte Aktennotiz aus dem Jahr 1998.

Vieles liegt noch im Dunkeln, jetzt ist die Staatsanwaltschaft Innsbruck am Zug. Die jetzt ausgehobenen Protokolle hat das Land zusammen mit den vier Meldungen – zwei davon betreffen Neustift, zwei das Schigymnasium Stams – an die Opferschutzstelle der Anklagebehörde übergeben. Offensichtlich hat der suspendierte Schulbeamte seine Neigungen über Jahre ausgelebt.

Der Tiroler Pädagoge soll immer wieder anzügliche Gespräche mit Schülerinnen geführt und sich öfters bei Trainingslagern zu ihnen auf die Bettkante gesetzt haben. Nur: Obwohl laut Standard von den damaligen Schulverantwortlichen in Neustift beteuert wird, dass alles dem Land weitergemeldet worden sei, finden sich in der Schulabteilung keine Unterlagen dazu. In dieser Zeit war der 2000 verstorbene Landesrat Fritz Astl in der Landesregierung für Schule und Sport zuständig. „Nach heutigen Maßstäben hätte es natürlich Konsequenzen für den Pädagogen gegeben“, beteuert Schullandesrätin Beate Palfrader (VP). Die Beförderungen fallen jedoch in Palfraders Amtszeit. „Doch es lag in der Schulabteilung überhaupt nichts vor.“ Wie das sein habe können, wird in den nächsten Wochen wohl auch im Land untersucht werden.

Der Fall des dienstfrei gestellten Pädagogen erinnert an den ebenfalls seit Tagen ins Visier geratenen Internatsleiter aus den 1970er-Jahren in Neustift. Gegen ihn werden massive Vorwürfe von sexuellen Übergriffen gegen Schüler vor rund 40 Jahren erhoben, der Erzieher und Päda­goge weist sie heftig zurück. Ex-Skirennläuferin Nicola Werdenigg brachte diese Vorgänge ans Tageslicht. 1976 wurde der Heimleiter vom Tiroler Skiverband (TSV) suspendiert und abgezogen, aber er blieb drei weitere Jahre im Schuldienst. Der TSV, der in dieser Zeit noch für das Internat zuständig war, hat damals keine Anzeige erstattet. Danach zog der Heimleiter nach Vorarlberg und machte an der Päda­gogischen Akademie Karriere. In dortigen Bildungskreisen galt er als Experte und wurde sogar politisch aktiv.

Die Missbrauchsvorwürfe im Nachwuchssport weiten sich jetzt aber über die Tiroler Grenzen aus. Jetzt wurden an der Skihauptschule bzw. dem Sportinternat in Schladming ebenfalls angebliche Übergriffe unter Schülern in den 1990er-Jahren bekannt.