Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 11.01.2018


Bezirk Reutte

Frau Bürgermeister managt Dorf zwischen den Welten

Die Jungholzer Ausdauersportlerin Karina Konrad beweist auch in der Politik Beharrungsvermögen. Mehr EU-Bürger als Österreicher im Ort.

Eine selbstbewusste Bürgermeisterin – Karina Konrad leitet seit März 2016 die Geschicke der Gemeinde Jungholz.

© MittermayrEine selbstbewusste Bürgermeisterin – Karina Konrad leitet seit März 2016 die Geschicke der Gemeinde Jungholz.



Von Helmut Mittermayr

Jungholz – Sportliche He­rausforderungen hat Karina Konrad immer mit Bravour gemeistert. Im Allgäu zählte sie lange zu den besten Mountainbikerinnen. Gerade diesen Sommer hat sie am Gardasee an einem einzigen Tag 3300 Höhenmeter „gemacht“. Die Jungholzer Bürgermeisterin kann mit ihrer Fähigkeit, langanhaltende Belastungen auszuhalten, nun in der Gemeinde Ausdauer zeigen. Natürlich gehe es gut im Ort, sagt sie vorab prinzipiell. Konrad, selbst Bankerin in Kaufbeuren, steht aber vor der schwierigen Aufgabe, den Exodus der Banken bestmöglich zu managen. Die Enklave Jungholz durfte sich zwei Jahrzehnte lang privilegiert schätzen. Das kleine Örtchen war Arbeitsplatz von Scharen von Bankern, die Kommunalsteuer sprudelte. Heute ist alles anders. Zwei von drei Banken haben geschlossen, von ehemals 120 Bankdienstleistern arbeiten gerade noch 28 im Ort. Nach den fetten kommen nun die mageren Jahre, würden Bibelfeste wohl das Buch Genesis zitieren.

Abseits der täglichen kommunalen Aufgaben geht es ihr im großen Wurf „nun vor allem darum, die jungen Familien im Dorf zu halten. Wir haben keine Firmen hier und keine Industrie. Es gilt, den Tourismus gezielt voranzutreiben.“ Deshalb freut sich Konrad beim Blick aus ihrem Büro, dass der große Skiliftparkplatz schon um neun Uhr vormittags voll belegt ist. Das sichert Arbeitsplätze.

Jungholz ist ein Dorf, das viele Besonderheiten aufweisen kann. Als Enklave nur über Deutschland zu erreichen, haben sich die Grenzländer auf ein Leben zwischen den Welten eingerichtet. Die Bürgermeisterin verhandelt bald ebenso viele Projekte mit dem Allgäuer Landrat als mit der BH Reutte oder dem Land Tirol. Die Jungholzer Kiddies gehen im deutschen Unterjoch in den Kindergarten, dafür besuchen die Unterjocher Kinder die Volksschule in Jungholz. Auspendeln zur Arbeit nach Bayern ist Alltag in Jungholz. Ärztliche Versorgung, Nahverkehr, weiterführende Schulen – alles Dinge, die die Tiroler aus Jungholz in Bayern erledigen. Wobei der Großteil der Jungholzer gar keine Tiroler sind. 60 Prozent der Einwohnerschaft stellen EU-Ausländer, die allermeisten sind Deutsche. Konrads Schwager ist CSU-Bürgermeister im Allgäu, sie selbstverständlich bei der ÖVP, die bei Wahlen oft an der 80-Prozent-Marke im Ort kratzt. Jungholz sei wie „das kleine gallische Dorf“. Nur der Zaubertrank fehlt – wobei ja mit der Festlegung auf Alpenkräuterdorf erste Versuche im Laufen sein könnten.

„Die Infrastruktur im Ort ist top“, zollt sie ihrem Vorgänger Bernhard Eggel Lob. „Er hat zu einer Zeit, als noch mehr Mittel zur Verfügung standen, in der Gemeinde alles erledigt, sie super hinterlassen.“ Jungholz ist praktisch schuldenfrei. Welche Kommune möchte nicht – wie jetzt beim 2018er-Budget – Einnahmen von 1,8 Millionen Euro beschließen, denen Ausgaben von 1,2 Millionen gegenüberstehen?

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Die 297 Menschen am Fuß des Sorgschrofen wissen, dass sie ein Alleinstellungsmerkmal haben. Die Grenze ist für sie nichts Trennendes, sie leben quasi auf ihr. „Als Kind verstehst du es nicht, dass du irgendwie nirgends dazugehörst. Bist du in Bayern, heißen sie dich ,Nusser‘. Und bist du auf Tiroler Seite, dann werden wir die ,Dei­tschn‘ genannt“, gewährt die Bürgermeisterin einen tiefen Blick in die Jungholzer Seele.