Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 18.02.2018


Exklusiv

Hartinger-Klein: ,,Bin gegen ein Medizinstudium light“

Sozial- und Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein (FP) will die Allgemeinmediziner stärken. Der geplanten Medical School in Tirol steht sie vorerst aber skeptisch gegenüber.

Gesundheits- und Sozialministerin Hartinger-Klein (l.) – hier mit Carmen Schimanek – will die Ausbildung der Allgemeinmediziner fördern.

© TTGesundheits- und Sozialministerin Hartinger-Klein (l.) – hier mit Carmen Schimanek – will die Ausbildung der Allgemeinmediziner fördern.



Von Peter Nindler

Innsbruck – Die neue Sozial- und Gesundheitsministerin muss gleich zu Beginn ihrer Amtszeit große Herausforderungen stemmen. Der Landärztemangel wird immer prekärer, in Tirol geht allein die Hälfte der 180 praktischen Ärzte in den peripheren Regionen in den nächsten zehn Jahren in Pension. Derzeit werden wieder 22 Ärzte für Stellen der Gebietskrankenkasse gesucht, zuletzt fanden sich bei 19 ausgeschriebenen Praxen lediglich vier Bewerber. Dazu hat die Ministerin noch die Abschaffung des Pflegeregresses geerbt, Länder und Gemeinden fordern bereits bis zu 500 Mio. Euro mehr vom Bund.

Am Freitag machte sich Beate Hartinger-Klein ein Bild von der Situation in Tirol. Was die Allgemeinmediziner angeht, will sie mit einem Maßnahmenbündel vermehrt Medizinstudenten für diesen Zweig gewinnen, sagte sie gestern zur TT. Damit soll auch das Abwandern von Ärzten verhindert werden. An den Medizinischen Universitäten schweben ihr deshalb Kampagnen vor, um für den „praktischen Arzt“ zu werben. Weiter will sie sich jedoch nicht vorwagen.

Dass es aber an der Medizinischen Universität Innsbruck nicht einmal einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin gibt, nimmt die Gesundheitsministerin so zur Kenntnis. „Mir wurde gesagt, dass die Versorgungsmedizin dort nicht als Schwerpunkt gilt.“ Aber gerade dies kritisiert die Tiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin schon seit Jahren, Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (VP) wäre sogar bereit, der Med-Uni einen Stiftungslehrstuhl zu finanzieren. Überhaupt würde er sich wünschen, wenn die Medizin-Uni mehr die Versorgungsmedizin in den Vordergrund stellen würde.

So hält Tirol, gemeinsam mit Südtirol und Vorarlberg, eben an der geplanten Medical School fest. Weil auch in den vergangenen sieben Jahren die Zahl der Medizin-Absolventen aus Österreich von 1566 auf 824 österreichweit gesunken ist. 100 Studienplätze sollen in der Medical School angeboten werden, rund 20.000 Euro kostet einer. Gleichzeitig sollen sich die Allgemeinmediziner über ein Stipendiensystem dazu verpflichten, nach dem Studium für eine gewisse Zeit in Tirol, Südtirol oder Vorarlberg zu ordinieren. Ministerin Hartinger-Klein tritt diesem Ausbildungsmodell vorerst eher skeptisch entgegen. „Entscheidend ist der Lehrplan. Ich bin gegen ein Medizinstudium light.“ Die enge Einbindung der Medizin-Uni sei unbedingt notwendig.

Was die unendliche Debatte über die ärztlichen Hausapotheken betrifft, ist die Gesundheitsministerin offen für Gespräche mit den Systempartnern. Die Hausapotheke bezeichnet sie gerade im ländlichen Raum als gutes Angebot für die Bevölkerung. Anfang März ist übrigens in Tirol eine Informationsveranstaltung der Plattform „Einarztgemeinde“ geplant. Sie fordert Hausapotheken für alle Orte, in denen es nur einen Arzt gibt. „Landarztordinationen sind oft kleiner als Ordinationen in Städten. Eine ärztliche Hausapotheke ist ein wichtiger Bestandteil dieser Landmedizin“, heißt es von der Initiative.

Kommt der blaue Dunst zur Sprache, geht die Gesundheitsministerin einmal mehr auf Distanz zu der von ihrer Partei im Koalitionsprogramm mit der ÖVP geforderten Lockerung des Rauchverbots. Wann wird sie den Gesetzesentwurf vorlegen? „Sie wissen, dass ich keine Freude damit habe. Für den Gesetzesentwurf ist das Parlament zuständig, dort ist nämlich ein Initiativantrag geplant“, sieht sich Hartinger-Klein bewusst außen vor.

Beim Pflegeregress zweifelt Hartinger-Klein nach wie vor die Zahlen der Gemeinden an. „Hier bin ich aber in guten Gesprächen mit Finanzminister Hartwig Löger. Die Zahlen und Fakten der Länder müssen auf den Tisch.“ Bis 1. Juni soll bekanntlich eine Bewertung vorliegen, „den Ländern wurden vorerst einmal 100 Millionen Euro überwiesen“. Den Beschluss zur Abschaffung des Pflegeregresses im Sommer 2017 befürwortet die Sozialministerin, doch wegen der offenen Fragestellungen hätte sie ihn nicht so getroffen, gibt die FPÖ-Politikern unumwunden zu.

Anlass ihres Besuches in Tirol war u. a. die FPÖ Frauenkonferenz zu „100 Jahre Frauenwahlrecht“. FP-NR Carmen Schima- nek wurde am Freitag von den freiheitlichen Frauen erneut zur Bundesvorsitzenden gewählt.