Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 01.05.2018


Exklusiv

Plagiatsvorwurf: Gutachter zieht selbst die Reißleine

Kein Universitätsprofessor? Das Landesgericht leitete ein Prüfverfahren gegen einen Sachverständigen ein. Der ließ sich jetzt von der Gutachterliste streichen.

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© thomas boehm(Symbolfoto)



Von Peter Nindler

Innsbruck – „Die Urteile von allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Sachverständigen, ja mehr noch, von Amtssachverständigen, spielen häufig eine große Rolle vor Gericht und bei Behörden.“ Das sagt der bekannte Plagiatsexperte Stefan Weber. Seit einiger Zeit hat er sein Visier allerdings nicht nur auf die inhaltliche Qualität von Sachverständigen-Gutachern eingestellt.

Ein Fall in Innsbruck beschäftigt den Salzburger Medienwissenschafter schon seit mehr als einem Jahr. Es geht um einen im Sachverständigenregister des Landesgerichts Innsbruck eingetragenen Gutachter. Und das brachte Weber sogar ein Gerichtsverfahren ein. Der Plagiatsexperte hatte dem bekannten Gutachter, der österreichweit auch als Universitätsprofessor auftritt, vorgeworfen, auf 53 von 178 Seiten Passagen seiner Doktorarbeit abgeschrieben zu haben. Doch am zweiten Verhandlungstag am Landesgericht wurde die Klage gegen Weber zurückgezogen.

Nach der Klagszurückziehung war für Weber die Angelegenheit aber noch nicht beendet. Schließlich hatte er ernsthafte Zweifel daran, dass der Betroffene den Professorentitel tatsächlich führen darf. Denn an welcher Universität wurde der Gutachter berufen, wo ist er als Professor angestellt? Webers Recherchen in Innsbruck, Bozen oder Wien verliefen im Nichts, deshalb wandte er sich an das Landesgericht. Zumal nicht mehr oder weniger der gute Ruf von gerichtlich beeideten Sachverständigen auf dem Spiel steht. Welchen Stellenwert hat nämlich ein Sachverständiger, der sich zu Unrecht mit der universitären Berufsbezeichnung „Universitätsprofessor“ schmückt?

Dessen Rechtsanwalt hatte mit juristischen Schritten gedroht, sollte diese Sache thematisiert werden; weil alles seine Richtigkeit habe und sein Mandant diesen Titel auch führen dürfe. So weit, so gut. Dennoch dürfte Stefan Weber mächtig Staub aufgewirbelt haben, denn Ende Jänner wurde der Eintrag im Sachverständigenregister geändert. Der Professorentitel bezog sich plötzlich auf eine Wiener Privatuniversität, das Landesgericht verwies auf entsprechende Dokumente, die der Gutachter vorgelegt hatte. Nur: Recherchen der TT ergaben, dass der Sachverständige an der betreffenden Privatuniversität ebenfalls nicht berufen wurde. Außerdem wiesen Rektor und Dekan der Uni in Stellungnahmen an Weber ebenfalls darauf hin, dass ihm der Titel des Professors nicht verliehen worden sei.

Danach ging alles sehr schnell. Der „Universitätsprofessor“ wurde aus dem Verzeichnis der Privatuniversität herausgenommen und seit wenigen Tagen scheint er auch nicht mehr als Gerichtssachverständiger auf. Der Vizepräsident des Landesgerichts Innsbruck, Andreas Stutter, erklärte auf Anfrage der TT, dass sich der Gutachter von sich aus von der Liste habe streichen lassen. Währenddessen sei jedoch noch das Prüfverfahren über die Berufsbezeichnung „Universitätsprofessor“ gelaufen.

Die Konsequenz aus der Geschichte? Hinsichtlich des Plagiatsvorwurfs entscheidet die Universität Innsbruck über mögliche Maßnahmen oder sie legt den Fall zu den Akten. Im Zusammenhang mit den Gerichtssachverständigen fordert der Medienwissenschafter Stefan Weber ganz allgemein, dass das Sachverständigen- und Dolmetschergesetz reformiert gehöre. Es sollten Mindestanforderungen bzw. Qualitätskriterien für Gutachten allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger aufgenommen werden. „Nachgewiesenes wissenschaftliches Fehlverhalten muss zum Entzug des Sachverständigen-Status führen können“, rät Weber abschließend.