Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 05.05.2018


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Berg statt Wahlkabine: Warum die Städter wahlmüde sind

Bei der Bürgermeister-Stichwahl am Sonntag in Innsbruck könnte die Wahlbeteiligung noch geringer sein als zuletzt.

© iStockNur die Hälfte der Wahlberechtigten konnte sich im April dazu aufraffen, zur Innsbrucker Gemeinderatswahl zu gehen.



Von Anita Heubacher

Innsbruck — An und für sich sind die Innsbrucker nicht so schwer zu bewegen — auf die Berge hinauf. Weniger aber hin zur Wahlkabine. Bei Schönwetter scheine die Gesinnung bei vielen im Rucksack zu landen, stellte Innsbrucks legendäre Altbürgermeisterin Hilde Zach bereits 2003 kritisch fest.

Damals wie heute ließ die Wahlbeteiligung zu wünschen übrig. Vor zwei Wochen gingen 50,4 Prozent der Wahlberechtigten in Innsbruck zur Gemeinderats- und Bürgermeisterdirektwahl. Bei der Stichwahl zwischen der amtierenden bürgerlichen Stadtchefin Christine Oppitz-Plörer und ihrem grünen Herausforderer Georg Willi dürfte die Wahlbeteiligung erneut sinken. Bei der letzten Stichwahl 2012, bei anderer Besetzung, war das so.

Während auf dem Land die Kommunalwahlen ihre Zugkraft voll entfalten, hinkt die Wahlbeteiligung in den Städten hinterher. In Kleinstgemeinden wie Stanzach im Außerfern wählten 92 Prozent aller Wahlberechtigten 2016 ihren Gemeinderat und den Bürgermeister, in Kaunerberg waren es gar rekordverdächtige 94 Prozent. Werte wie in den 1950er-Jahren in der Stadt.

„Ein Stadt-Land-Gefälle haben wir österreichweit. In kleinen Gemeinden fällt es auf, wenn man nicht zur Wahl geht", sagt Eva Zeglovits vom Institut für empirische Sozialforschung IFES in Wien. Anrufe von Fraktionsvertretern bei Wahlfaulen mit der Bitte um Bewegung zur Urne seien ebenso überliefert. Man könne dies auch positiv formulieren und sagen, auf dem Land sei der Bezug der Bevölkerung zum Bürgermeister größer, erklärt die Wissenschafterin.

Nur die Hälfte der Wahlberechtigten konnte sich im April dazu aufraffen, zur Innsbrucker Gemeinderatswahl zu gehen.Foto: iStock
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Das Stadt-Land-Gefälle führt auch Christoph Hofinger vom Forschungsinstitut SORA ins Treffen. Innsbruck sei durchaus mit Graz oder anderen österreichischen Städten zu vergleichen. Das liege auch an der Zusammensetzung der Wählerschaft, sagt Hofinger. „In den Städten leben mehr EU-Bürger und eingebürgerte Migranten. Beide Gruppen gehen weniger zur Wahl." Die Identifikation der „Zuagroasten" mit der Lokalpolitik sei geringer. Einige würden nur zur Ausbildung in die Stadt kommen. „Die wohnen dann emotional woanders und sehen deshalb keinen Grund zu wählen", sagt Hofinger. Die Teilnahme der Studenten an Wahlen sei so oder so nicht „kriegsentscheidend".

Der Wahltag auf tt.com

Georg Willi oder Christine Oppitz-Plörer? Mehr als 100.000 Innsbrucker können am Sonntag entscheiden, wie das neue Stadtoberhaupt heißen soll. TT Online berichtet den ganzen Tag über in einem Live-Ticker.

Ob die 17.881 EU-Bürger unter den insgesamt 104.245 Wahlberechtigten stärker durch Abwesenheit glänzten, lässt sich für die letzte Gemeinderatswahl nicht sagen. Auch nicht, wie viele Studenten tatsächlich gewählt haben. Das Stadtmagistrat kann diese Information noch nicht herausrücken.

Zeglovits und Hofinger gehen beide davon aus, dass die Wahlbeteiligung am Sonntag in Innsbruck sinken dürfte. „Es sind nur noch zwei Parteien, die mobilisieren", sagt Hofinger. „Es ist keine echte Richtungswahl", meint Zeglovits. „Zumindest ist die Wahl nicht so stark polarisierend wie die Bundespräsidentenwahl zwischen Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen", sagt sie. Das Spannungselement hat bereits öfter die Wahlbeteiligung gehoben. So auch in Wien 2015. Das Duell Michael Häupl (SPÖ) gegen Heinz Christian Strache (FPÖ) brachte 75 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne. In Wien sind allerdings Gemeinderatswahlen Landtagswahlen. „Wenn die Wähler das Gefühl haben, es geht um etwas, dann gehen sie hin", sagt Zeglovits.

Neben Richtungswahlen hebt auch die Kombination von Wahlen, beispielsweise von Gemeinderats- und Landtagswahlen, wie 2015 in Oberösterreich die Lust und Laune zu wählen. „Der Mensch ist ein Homo oeconomicus: Es lohnt sich hinzugehen, wenn man mit einem Gang zwei Wahlen erledigen kann."

In Österreich lasse sich kein permanenter Abwärtstrend bei der Wahlbeteiligung feststellen. „Es geht auf und ab und hängt eben von den erwähnten Faktoren ab." „Die Talsohle ist durchschritten", sagt Hofinger. Im EU-Vergleich sei die Wahlbeteiligung in Österreich hoch. Innerhalb Österreichs erkennt er ein „Ost-West-Gefälle". Im Osten sei die Bindung an die Parteien durch die Gewerkschaften oder Vorfeldorganisationen höher als im Westen. „In Tirol und Vorarlberg gibt es mehr Wählermobilität."

Wie mobil im Sinne von zur Wahl gehen die Innsbrucker am Sonntag sein werden, wird man sehen. „Das hängt auch vom Wetter ab", meint Hofinger. Sonnenschein lasse die Wahlbeteiligung um „ein paar Prozent" sinken, sagt er. Das klingt ein bisschen ähnlich wie das Hilde Zach'sche Erklärungsmodell.