Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 11.05.2018


Landespolitik

Bauchfleck in Gnadenwald: Behörden in Erklärungsnot

Vernichtendes Gutachten zur umstrittenen Rodung von drei Hektar Wald liegt vor. Hochwasserschutz wurde ausgehebelt, BH Innsbruck gerät jetzt ins Visier.

© TT, HehenwarterTrügerische Idylle: Nach Starkregen versickert das Wasser nicht und beeinträchtigt angrenzende Häuser.



Von Peter Nindler

Gnadenwald — Die Geschicht­e sollte versickern, denn in Gnadenwald wird bald ein neues Projekt realisiert: eine Bodenaushubdeponie, die ebenso umstritten ist wie die recht gefällig bezeichnete „Kultivierung Speckhöfe". Dahinter verbirgt sich jedoch die 2013 genehmigte Rodung von drei Hektar Wald in der gelben Schutzzone (!). Vorbei am Gemeinderat, obwohl der damalige Bürgermeister Günter Strasser zufällig Eigentümer davon ist. Ein kleiner Teil gehört Eduard Fröschl. Gemeinsam mit ihm wollte der heutige Ex-Gemeindechef Strasser aus dem Wald eine Mähwiese machen, um sich Futterkosten zu ersparen. Unterstützt von der Landwirtschaftskammer, die das Einreichprojekt (Agrarstrukturverbesserung) ausgearbeitet hat. Und heute?

Weil 10.000 Kubikmeter Schotter zu viel aufgebracht, die Schütthöhen deutlich überschritten, die Schutzmaßnahmen für den Wasserabfluss sowie die Retentionsbecken nur mangelhaft errichtet wurden, haben seitlich angrenzende Häuser plötzlich ein massives Wasserproblem. So konnten allerdings auch die vielfältigen Interessen, die hinter der Kultivierung stehen, zwischenzeitlich nicht versickern:

Warum hat die Bezirkshauptmannschaft Innsbruck die Rodung trotz negativer Stellungnahmen von Gutachtern überhaupt genehmigt? Wieso hat die Kontrolle der Behörde versagt? Weshalb gab es bereits zwei Monate nach Ende der „Kultivierung" 2015 einen letztlich abgewiesenen Antrag von Fröschl, seinen Bereich der Wiese in Bauland umzuwandeln? Dass jetzt plötzlich der darunter gelegene Waldschutzgürtel im Raumordnungskonzept als bebauungsfähig ausgewiesen wird, wirft ebenfalls Fragen auf. Schließlich heißt der Besitzer Ex-Ortschef Strasser. Er, die Wildbach- und Lawinenverbauung des Ministeriums, die BH Innsbruck, die Bauernkammer und das Land sind in die Angelegenheit verstrickt und haben Erklärungsnotstand. Ein aktueller Befund des Leiters der Wildbach- und Lawinenverbauung Mittleres Inntal Josef Plank hält ihnen schonungslos den Spiegel vor.

Seinerzeit (August 2014) wurde vom Mitarbeiter der Lawinen- und Wildbachverbauung Leopold Stepanek noch erklärt, zusammenfassend könne festgestellt werden, „dass insgesamt die bewilligten und erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen (Schutzdamm und Sickerbecken) umgesetzt" seie­n. Auch der stellvertretende Bezirkshauptmann Wolfgang Nairz meinte im September 2014: „Das Ergebnis der Überprüfung hat letztlich ergeben, dass bis auf die Nichteinhaltung einer Nebenbestimmung (...) das Vorhaben projekt­mäßig ausgeführt wird." Und was schreibt Josef Plank am 18. April 2018 an Nairz?

„In der jetzigen Ausführungsart ist damit zu rechnen, dass selbst bei einem jährlichen Niederschlagsereignis die Retentionsbecken (...) versagen. Die Kultivierung Speckhöfe wurde nicht projektmäßig ausgeführt. Die ausgeführten Becken entsprechen in keinster Weise den im Projekt vorgesehenen Maßnahmen zur Vermeidung von Schäden im Unterliegerbereich durch die Erhöhung des Oberflächenabflusses. Somit wurden durch die Kultivierung Speckhöfe eindeutig die natürlichen Abflussverhältnisse verändert und es liegt somit nach Ansicht des Gefertigten ein wasserrechtlicher Tatbestand vor." Na bumm, das sitzt.

Für GR Josef Hehenwarter, der seit Jahren das Desaster rund um die Kultivierung minutiös aufzeigt, ist das Gutachten Balsam für die Seele: „Es bestätigt uns vollinhaltlich. Die Schutzmaßnahmen müssen bescheidmäßig umgesetzt und der Bereich wieder aufgeforstet werden." Doch mitnichten.

Ursprünglich forderte die BH, als sie den Kultivierungs-Murks schlussendlich erkannte, ein Abtragen des Schotters, dagegen hat Strasser ohne Erfolg rechtlich angekämpft. Um den „Schwarzbau" zu sanieren, greift ihm jetzt ein Erdbau­unternehmen unter die Arme. Es wurde einfach eine Bodenaushubdeponie beantragt. Nachträglich und im vereinfachten Verfahren (unter 100.000 Kubikmeter) ohne Parteistellung der Gemeinde. Die Umweltabteilung im Land ist jetzt am Zug. Werden dadurch die offenkundigen Missstände aus der Vergangenheit einfach zugeschüttet? Für GR Hehenwarter müssen endlich die behördlich vorgeschriebenen Maßnahmen für den Wasserabfluss errichtet werden.

BH-Vize Wolfgang Nairz weist gegenüber der TT die Kritik am Verfahren und der Kontrolle zurück. „Die Behörde hat sich keinen Vorwurf zu machen. Alles, was dahinter liegt, obliegt nicht unserer Beurteilung." Da könne man eine schiefe Optik jedoch nicht verhehlen, so Nairz.

Kritik an nächster Bodenaushubdeponie

Auseinandersetzung an zwei Fronten. Angesichts der durchgedrückten Rodung und der Rekultivierung an den Hochwasserschutz-Auflagen vorbei ist das Misstrauen in Gnadenwald groß. Jetzt soll plötzlich eine weitere Aushubdeponie mit 55.000 Kubikmetern auf einer landwirtschaftlichen Fläche errichtet werden.

Einstimmig dagegen, negative Gutachten. Der Gemeinderat ist einstimmig dagegen. Die Zufahrtstraße sei ungeeignet, die Belastungen mit 10.000 Lkw-Fahrten wären massiv, heißt es. Wieder soll ein vereinfachtes Verfahren durchgezogen werden, erneut liegen negative Gutachten vor. Ein Bedarf muss für die Deponie nicht nachgewiesen werden. Detail am Rande: Der Antrag stammt von jenem Erdbauunternehmen, das jetzt auch in die Speckhöfe involviert ist.

Verfahren ruht derzeit. Die Gemeinde will ein 12-Tonnen-Limit erlassen. Bis zur Entscheidung darüber ruht das Verfahren.