Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 18.05.2018


Landespolitik

„Nur mit Umweltpickerl ins Lechtal“

Der Beginn der Motorradsaison vereinte die Lärmgegner im Lechtal. Weit über 200 Interessierte kamen zur Podiumsdiskussion in den Gemeindesaal Stanzach. Diese blieb trotz starker Emotionen äußerst sachlich.

© Vor vollem Haus diskutierten am Podium: (v. l.) Fritz Gurgiser (Transitforum Tirol), Helmut Mittermayr (Tiroler Tageszeitung, Moderation), Reinhard Oberlohr („Xund’s Lechtl“), Andrea Kärle (Anrainerin), Peter Lercher (Sozialmediziner) und Naturparkobmann BM Heiner Ginther.Foto: Nikolussi



Von Hans Nikolussi

Stanzach – Wenige Stunden bevor die Wintersperre am Hahntennjoch wieder aufgehoben wird, lud die Initiative „Xund’s Lechtl“ zur Podiumsdiskussion in den Gemeinde­saal Stanzach. Es ging wie schon so oft um die Problematik Verkehrslärm und der brechend volle Saal spiegelte das Interesse der Bevölkerung am Dauerbrenner mehr als deutlich wider. Wenn sich ein Teil der Bevölkerung für die Wochenenden schlechtes Wetter wünscht, wie an diesem Abend vielfach artikuliert, um damit dem unerträglichen Motorradlärm entkommen zu können, lässt das schon tief blicken.

Dass Lärm krank macht, untermauerte Univ.-Prof. Pete­r Lercher vom Institut für Hygiene und Sozialmedizin der Uni Innsbruck sehr akademisch, aber eindrucksvoll. Über 70 Prozent des Motorradlärms in Alpentälern lägen über einer Schwelle, die als extrem eingestuft werden könne und für die Gesundheit nicht tolerierbar sei, meinte der Wissenschafter. Vor allem die Problematik von Grenzwerten, bei denen nicht zwischen Flachland und alpinen Tälern unterschieden werde, kam in seinem Statement zutage. Was sich im flachen Gelände nach wenigen hundert Metern bereits relativiere, sei an den Hängen in den Tälern kilometerweit zu hören. Instrumente, wie sie die Alpenkonvention durchaus böte, würden zu wenig genutzt. Auch neue Verordnungen auf EU-Ebene, hier seien Ruhegebiete mit gänzlich anderen Lärmbestimmungen als sonst üblich angedacht, müssten konsequent verfolgt werden.

Der Exekutive sei in einigen Fällen von lauten Rennmaschinen die Hände gebunden, wusste BPKdt-Stv. Walter Schimpfössl zu berichten. Er wies Kritik über ein zu lasches Vorgehen der Polizei heftig zurück. Und dabei erfuhr er unerwartet Unterstützung durch einen Südtiroler E-Biker, der extra angereist war. Diesem kam die Präsenz der Überwachungsorgane in Tirol überdurchschnittlich hoch vor, verglichen mit der Schweiz, Deutschland oder Italien. Schimpfössl wies auf Zulassungen mancher Modelle hin, bei denen eine Lärm­emission von 100 Dezibel erlaubt sei und ein Eingreifen unmöglich mache.

Hier gelte es anzusetzen, kam eine Anregung aus dem Publikum. Marc Baldauf, der TVB-Obmann Lechtal, zeigte den Zwiespalt zwischen Lärm und notwendigen Einnahmen im Tourismus auf. Aber wenn in europäischen Großstädten Umweltpickerln inzwischen obligatorisch seien, warum könne eine derartige Plakette nicht auch sinnvoll für den Alpenraum oder eben eine Naturparkregion sein? Fahrzeuge, die eine bestimmten, definierten Pegel überschreiten würden, blieben ausgeschlossen. Baldaufs Vorschlag fand großen Anklang. Angeregt wurde auch, bestehenden Geschwindigkeitsbeschränkungen an manchen „Hotspots“, wie den Aufstiegen am Gaichtpass und bei Elmen, durch ein Überholverbot noch mehr Wirkung zu verleihen.

Der Verkehr sei ein „Eindringling“ und müsse mit allen Mitteln bekämpft werden, zog Fritz Gurgiser vom Transitforum Tirol vom Leder. Lärmüberschreitungen von über 240 Prozent im Lechtal seien nicht tolerierbar. Es sei absurd, von Landesseite ein Ruhegebiet Muttekopf auszuweisen und gleichzeitig Motorrädern mit einem Krach über dem Erträglichen die Fahrt zu erlauben.

Maria Scheiber brachte die Werbeschiene des Lechtales aufs Tapet. Versprechungen einer Idylle seien schlicht und einfach nicht mehr wahr. Auf diese Problematik wurde der Elmer Bürgermeister Heiner Ginther, Obmann des Naturparks Tiroler Lech, angesprochen. Ein Miteinander sei wünschenswert, aber nicht leicht umsetzbar, meinte er. Als letztes Mittel könnte ein Wochenendfahrverbot für Motorräder ins Auge gefasst werden. Auch Ginther hatte wie Baldauf einen überraschenden Vorschlag. Ihm schwebte eine Ziel- und Quellverkehrslösung wie bei der Lkw-Tonnagebeschränkung vor, um das dauernde, ziellose Hin- und Herfahren vieler Motorradfahrer zu unterbinden. Biker, die eine Buchung im Naturpark vorweisen könnten, wären dann herzlich willkommen. Der Rest müsse außerhalb der Naturparkgrenzen bleiben.

Ein Mitglied eines Motorradclubs aus Innsbruck sprach von Einsicht des überwiegenden Teils der Biker. Sie würden die Bedenken der Bevölkerung durchaus teilen. Lediglich zehn Prozent der Motorradfahrer gehörten zu den „schwarzen Schafen“ in der Branche, gab er zu bedenken. Gerade diese zehn Prozent seien aber das Problem, meinte Klaus Perl als Anrainer in Bschlabs. Wenn an „schlechten Tagen“ rund 4000 Biker am Joch unterwegs seien, gebe es also doch 400 Lärmtäter, die lauter als eine Sirene in 100 Metern Entfernung direkt an seinem Wohnzimmer vorbeibrausten.

Zum Schluss der Veranstaltung unter dem Motto „Ohne Dröhnen“, die von TT-Redakteur Helmut Mittermayr moderiert wurde, bat noch der Sprecher der Initiative, Reinhard Oberlohr, um Unterstützungserklärungen für das Anliegen „Xund’s Lechtl“, das auch viele andere Gebiete im Außerfern tangiere.




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