Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 03.06.2018


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„Es ist Wahnsinn, dass der Bund kürzt, obwohl der Bedarf steigt“

Tirols Familienberatungen steigen wegen gekürzter Geldleistungen auf die Barrikaden. Man müsse nun Beratungen zurückfahren, obwohl es mehr Familien in Krisen gibt.

© OblasserDas Bezirksgericht in Lienz.



Von Liane Pircher

Innsbruck — „Alles neu" heißt es seitens der schwarz-blauen Bundesregierung nicht nur bei der Mindestsicherung. Mit weniger Budget müssen künftig auch Österreichs Familienberatungen auskommen — eine Million Euro will die Bundesregierung hier einsparen. „Auf eine genaue Information warten wir noch, der Bund lässt uns momentan komplett in der Luft hängen", sagt Karin Urban, Leiterin des Tiroler Zentrums für Ehe- und Familienfragen.

Fakt sei jedoch, dass der Bund bereits bei der jüngsten Tranche — die Förderungen werden vierteljährlich überwiesen — weniger Geld fließen lassen hat. Die Kürzungen greifen damit sofort: „Für unsere Arbeit ist das ein Wahnsinn, weil wir natürlich fürs Jahr geplant haben. Wir müssen jetzt sofort einsparen, was heißt, dass wir Beratungen zurückfahren werden müssen, weil wir weniger Geld für Mitarbeiter haben", so Urban.

Nachdem die Familienberatungen bis dato zur Gänze vom Bundesministerium für soziale Sicherheit gefördert wurden, gibt es auch seitens des Landes kein Signal, hier einzuspringen. Warum ausgerechnet bei Familien gespart wird, kann Urban nicht nachvollziehen: „Unsere psychosozialen Beratungen sind eine immens wichtige Präventionsarbeit, wenn es um das Abfangen von Negativspiralen geht. Wenn Menschen unzufrieden und gefrustet sind, steigt auch die Bereitschaft zu Aggressivität. Unsere Fallzahlen steigen seit Jahren, wir merken, dass sich heutzutage viele Familien unter Druck fühlen und vom modernen Leben aus vielfältigsten Gründen oft überfordert sind. Hier zu sparen, ist sehr kurz gedacht." Ähnlich sehen das auch nachfolgende Einrichtungen, die mit Familien zu tun haben. „Bei uns landen Jugendliche, die aus verschiedensten Gründen mit ihren Eltern nicht mehr klarkommen. Wir merken auch sehr stark, dass viele Familien heute unter hohem Druck stehen — Geldverdienen, teures Wohnen, Überforderungen, psychische Probleme, Depressionen, Erschöpfung spielen oft eine Rolle, wenn Familiensysteme kippen", erzählt Sabine Trummer vom Chill Out. Anders als die Familienberatungen sind Kriseneinrichtungen wie das Chill Out oder das KIZ zu 100 Prozent vom Land Tirol ausfinanziert. Dennoch sehen auch solche Einrichtungen negative Folgen, wenn bei Familienberatungen gespart werde. Wenn Familien in Krisen im Vorfeld weniger Hilfe bekommen, betreffe das automatisch alle Sozialeinrichtungen. Trummer: „Sparen heißt, auf Dinge zu verzichten, die nicht notwendig sind. Soziale Einrichtungen sind weder verzichtbar noch unnütz, sondern dringend notwendig." Politisch ein fatales Zeichen.

Was leisten Familienberatungsstellen eigentlich?

Eine Million Euro wird bei der Familienberatung gekürzt. Mit 8 Prozent weniger müssen die knapp 400 Familienberatungsstellen wirtschaften. Sie sollen die körperliche, soziale und psychische Gesundheit von Familien, Paaren und Kindern in Österreich absichern, so steht es im Gesetz.

Prävention ist die Hauptarbeit von Familienberatungsstellen. Es geht darum, Familien in Krisensituationen zu unterstützen und Konflikte zu lösen, bevor sie eskalieren. Es geht um schnelle, unkomplizierte Hilfe bei Erziehungsproblemen, Streit, Trennung, aber auch bei Misshandlung, Gewalt oder schulischen Problemen. Anonym, kostenlos. Auch an den Bezirksgerichten gibt es Beratungen an den Amtstagen.

Der Dachverband Familienberatung erklärt, was die 8 % Kürzung tatsächlich bedeuten: 18.000 Familien sind davon betroffen — 26.000 Beratungsstunden müssen eingespart werden.

In Tirol betreibt das Zentrum für Ehe- und Familienfragen derzeit 12 Außenstellen. Die Familienberatung gibt es seit 40 Jahren, finanziell gefördert ausschließlich vom Bund. Das Land bietet davon unabhängig Sachleistungen.

Was leisten Familienberatungsstellen eigentlich?

Eine Million Euro wird bei der Familienberatung gekürzt. Mit 8 Prozent weniger müssen die knapp 400 Familienberatungsstellen wirtschaften. Sie sollen die körperliche, soziale und psychische Gesundheit von Familien, Paaren und Kindern in Österreich absichern, so steht es im Gesetz.

Prävention ist die Hauptarbeit von Familienberatungsstellen. Es geht darum, Familien in Krisensituationen zu unterstützen und Konflikte zu lösen, bevor sie eskalieren. Es geht um schnelle, unkomplizierte Hilfe bei Erziehungsproblemen, Streit, Trennung, aber auch bei Misshandlung, Gewalt oder schulischen Problemen. Anonym, kostenlos. Auch an den Bezirksgerichten gibt es Beratungen an den Amtstagen.

Der Dachverband Familienberatung erklärt, was die 8 % Kürzung tatsächlich bedeuten: 18.000 Familien sind davon betroffen – 26.000 Beratungsstunden müssen eingespart werden.

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