Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 06.06.2018


Exklusiv

Heiß-kalt für Pflegelehre, Hickhack um 24-h-Betreuung

Liste Fritz fordert ein Gütesiegel für Vermittler von Betreuungspersonal, VP und SP sehen Bund in Reformpflicht. Ruf nach Pflegelehre polarisiert.

© iStockDie Abschaffung des Pflegregresses für die stationäre Pflege führt nicht nur zu Mehrkosten, sondern auch zu einem rechtlichen Chaos.



Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck – 2012 waren es 910, vier Jahre später bereits knapp 1900 Personen, die in Tirol eine 24-Stunden-Betreuung in Anspruch nehmen mussten und hierfür finanzielle Unterstützung bekamen. 2016 wurden in Summe 2,8 Mio. € ausbezahlt. Der Bund trägt 60, das Land 40 Prozent. Auf die Gemeinden entfallen keine Kosten. Über den tatsächlichen Bedarf sage das freilich wenig, sagt Liste-Fritz-Klubobfrau Andrea Haselwanter-Schneider. Viele Familien könnten sich diese Hilfe nämlich nicht leisten. Denn trotz Zuschüssen und Förderungen sei das, was im Einzelfall noch aus der eigenen Tasche zu bezahlen ist, zu viel. Oft bleibt als einzige Alternative das Pflegeheim. Zumindest, sofern man auch einen Platz bekommt.

Dass es in der 24-Stunden-Betreuung derzeit keine einheitlichen Qualitätsstandards gibt und somit die Vermittlungsagenturen schier nach Belieben schalten und walten können, stößt der Liste Fritz sauer auf. Das Land müsse dem einen Riegel vorschieben – etwa in Form eines speziellen Gütesiegels. Auch in Salzburg ist dieser Ruf bereits laut geworden. Die Vermittler der zumeist aus dem Osten stammenden Betreuungskräfte sollten sich diesen noch festzulegenden Standards verpflichten. Wer dies tut, soll auch eine finanzielle Unterstützung vom Land erhalten – eine, die dann aber an die Familien weitergegeben werden müsse, so Haselwanter-Schneider.

Eigenen neuen Fördersystemen erteilte die ÖVP gestern aber postwendend eine Absage. Die Reform der 24-h-Betreuung sei im Koalitionspakt auf Bundesebene vereinbart worden. Insofern sei Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) auch angesichts des abgeschafften Pflegeregresse nun aufgefordert, dieses Vorhaben gemeinsam mit den Ländern anzugehen, fordert VP-Pflegesprecherin Martina Nowara.

Dass einerseits die Anrechenbarkeit im Ausland erworbener Qualifikationen nur mit großen Auflagen verbunden, die Übernahme einer 24-Stunden-Betreuung aber schier ohne Qualifikationsnachweis möglich sei – das hält SPÖ-Nationalrätin Selma Yildirim für scheinheilig. Auch sie plädiert für einheitliche Standards – das Wirtschaftsministerium sei gefordert. Ebenso wie LA Claudia Hagsteiner (SPÖ) steht Yildirim der Einführung einer Pflegelehre, wie sie gestern ISD-Chef Hubert Innerebner gefordert hat, positiv gegenüber. Nicht so Haselwanter-Schneider. Weder seien Interesse noch gesetzliche Voraussetzungen da, um 15-Jährige an ein Krankenbett zu lassen.

Laut WIFO benötigt es in Österreich bis zum Jahr 2023 29.000 zusätzliche diplomierte Pflegekräfte, 9700 Assistenzjobs im Gesundheitswesen und 20.900 Stellen für einfache Pflegetätigkeiten. Alles, was diese Jobs attraktiver mache, sei zu tun, so die beiden SP-Politikerinnen Yildirim und Hagsteiner.

Hier hakt Grünen-Pflegesprecher und Klubobmann Gebi Mair ein. Für ihn sei weniger der fehlende Nachwuchs ein Problem, sondern die frühzeitigen Drop-out-Quoten. Niedrige Gehälter, starke Belastung und schlechte Arbeitszeitmodelle seien hier hauptverantwortlich: „Wir wollen Menschen im Pflegeberuf halten.“ Deshalb müsse man zunächst die Rahmenbedingungen verbessern.