Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 12.06.2018


Bezirk Schwaz

Wasser am Berg zurückhalten

„Nicht ohne uns“ – sagen die Bauern im Bezirk. Sie wollen gemeinsam mit den Gemeinderäten über Hochwasserschutz diskutieren und entscheiden. Weiters fordern sie alpine Retention.

© WeratschnigRetentionsbecken am Berg – wie hier in Gerlos – sind für die Bauern ein Muss beim Hochwasserschutz.Foto: Weratschnig



Von Eva-Maria Fankhauser

Schwaz – Es geht los. Die Diskussionen rund um den Hochwasserschutz schwappen nun vom Unteren Unterinntal ins Mittlere Unterinntal über. Doch der Ärger ist keineswegs geringer geworden. Zwar hat das Land schon viel Übung im Umgang mit den Betroffenen und ein ausgearbeitetes Konzept, doch einfach werden es die Gemeinden und Grundbesitzer der Landespolitik nicht machen. Schon vor der ersten Infoveranstaltung kochen die Emotionen hoch.

In der jüngsten Schwazer Gemeinderatssitzung versprach BM Hans Lintner (VP), einen Infoabend zu veranstalten, zu dem alle Interessierten eingeladen seien. Das haben ihm BH Michael Brandl (als künftiger Vorsitzender des geplanten Wasserverbandes) und das Land Tirol abgenommen, immerhin solle die Veranstaltung über die Bezirkshauptstadt hinausgehen und alle betroffenen Gemeinden von Pill bis Kramsach einbinden. Doch eingeladen wurden nur die Gemeinderäte. Die Ortsbauern sind sauer. „Das werden wir so sicher nicht stehen lassen. Wir werden die Grundbesitzer aktivieren“, ärgert sich Alfred Enthofer vom Verein Hochwasserschutz Tirol und Gemeindevorstand in Strass. Auch für den Schwazer Ortsbauernobmann Franz Geisler sind getrennte Infoveranstaltungen nicht sinnvoll. „Das ist eine Herummauschelei. Ich weiß nicht, ob sie mit den Gemeinderäten anders reden als mit uns oder ob sie etwas zu verbergen haben“, so Geisler. Es sei ein ungutes Gefühl, wenn „andere über unseren Grund entscheiden“. Auch für GR Hermann Weratschnig (Grüne) ist unverständlich, warum nicht alle an einen Tisch gesetzt werden. „Die Angst des Landes vor den Grundbesitzern und der kritischen Öffentlichkeit ist spürbar. Viele Fragen sind offen“, sagt er.

BM Hans Lintner setzt sich nun über die Einladung der BH und des Landes hinweg und hat auch den Schwazer Ortsbauernobmann sowie Grundbesitzer eingeladen. „Das gehört alles transparent und öffentlich behandelt“, sagt er. Franz Geisler bestätigt die Einladung: „Wir kommen auf jeden Fall!“

Enthofer kritisiert zudem den „hohen Druck“, den man seitens des Landes auf die Gemeinderäte ausübe. „Es werden Beschlüsse eingefordert, ohne alle Karten auf den Tisch zu legen. Denn die Haftung bleibt bei den Gemeinden. Ich bezweifle, dass sich alle Gemeinderäte der Tragweite ihrer Entscheidung bewusst sind“, sagt er. Auch für Weratschnig fehlen wichtige Infos zum geplanten Hochwasserschutz. „Der Gemeinderat wird zwar informiert, ich hatte aber noch nie ein Gutachten in der Hand“, sagt er. Wie etwa jenes von Hydrologe Günter Blöschl, der erklärt, dass alpine Retention fürs Inntal wenig bringe. Das wollen aber weder die Bauern noch Weratschnig glauben.

Daher hat sich Weratschnig ein Bild von alpiner Retention im Schönachtal in Gerlos gemacht. Er spricht sich gegen „meterhohe Dämme mitten in den Feldern“ aus und fordert, dass der Hochwasserschutz bereits im hochalpinen Bereich beginnen müsse. „Was im Zillertal funktioniert, kann im Inntal auch funktionieren. Die Geschiebeanlage mit einem Wildholzfang kann bis zu 200.000 Kubikmeter Wasser stauen“, sagt Weratschnig.

Der große Kritikpunkt von Blöschl am alpinen Hochwasserschutz ist, dass sich der Regen nicht gleichmäßig verteile und die Becken in den Tälern kaum gleichzeitig wirksam würden. „Das ist uns schon klar. Aber es würde zum einen den Schutz dieser Täler verbessern und zum anderen wird das Wasser ja trotzdem dort aufgefangen, wo es ein Zurückhalten braucht. Egal, ob zwei Täler weiter das Becken leer bleibt“, sagt Enthofer. Auch für Franz Geisler ist die alpine Retention die einzig sinnvolle Lösung. „Warum das Wasser im Inntal wüten lassen, wenn wir es schon vorher abfangen könnten“, sagt er.

Auch LHStv. Josef Geisler habe gehofft, dass die alpine Retention die Lösung sei: „Aber wir haben es durch Experten prüfen lassen und gesehen, dass so maximal zwei bis drei Prozent weniger Wasser in Wörgl ankommt.“ Das sei deutlich zu wenig. Der Vorwurf, dass die Maßnahmen einfach nur zu teuer seien, lässt er nicht gelten. „Es wäre sogar billiger, wegen der Grundpreise“, sagt Geisler. Doch der „Fleckerlteppich mit etwa 130 Rückhaltebecken“ sei keine Alternative. Dass man Grundbesitzer und Mandatare getrennt informiert, habe man aus den Erfahrungen im Unterinntal gelernt. Er habe aber nichts dagegen, wenn die Ortsbauern Ende Juni ebenfalls zum Infoabend kommen.




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