Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 14.06.2018


Exklusiv

Fünf Lehrlingen im Bezirk Landeck droht Abschiebung

In Ausbildungsbetrieben im Bezirk Landeck herrscht Empörung über die Asylpolitik: Fachliche Qualifikation und gutes Deutsch nützen den jungen Asylwerbern nichts. Bundesverwaltungsgericht verweist auf Gesetzeslage.

© APA/Neubauer(Symbolfoto)



Von Helmut Wenzel

Landeck, Zams, Serfaus – Fünf junge Männer im Bezirk Landeck müssen um ihre Zukunft in Österreich bangen. Sie kommen aus Afghanistan, haben (derzeit noch) Asylwerberstatus, machen eine Lehre, lernen Deutsch, integrieren sich und ernten dickes Lob in ihren Ausbildungsbetrieben. Trotz alledem droht ihnen die Abschiebung – wenn der negative Asylbescheid trotz Berufung rechtskräftig wird.

Einer der Burschen ist Hassan Rezaee (22). Er wurde in der Volksgruppe der Hazara in Afghanistan geboren, kam mit seiner Familie illegal in den Iran und hielt sich als junger Tagelöhner über Wasser. 2013 stellten ihn die Behörden vor die Wahl: „Entweder du kämpfst gegen Syrien oder du gehst zurück nach Afghanistan.“ Der Jugendliche entschied sich für die Flucht.

Im Landecker Asylwerberheim Kaifenau (seit März geschlossen) erwies er sich als fleißiger Schüler in den Deutsch- und Wertekursen. Die Integrationsbetreuerin vermittelte ihm eine Lehrstelle im Traditionsbetrieb Elektro Müller. Derzeit macht er das zweite Lehrjahr, zur vollen Zufriedenheit seines Betriebes. Doch das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) schickte ihm einen negativen Bescheid. Afghanistan sei ein sicheres Land, hieß es darin. Die Behörde habe seine Aktivitäten für Integration und Berufsausbildung nicht im Geringsten berücksichtigt, sagte er enttäuscht.

„Mein Lehrling muss jeden Tag zittern, ob er einen negativen Berufungsbescheid bekommt“, schilderte kürzlich Firmenchef Markus Müller, der um den jungen Mann kämpft. „Jeder mag ihn, er integriert sich, die Leistungen im Betrieb und in der Schule sind tadellos. Er nimmt keine staatlichen Sozialleistungen in Anspruch.“ Müller würde sich von den Gerichten erwarten, dass auch der Betrieb gefragt wird, „ob wir mit dem Lehrling zufrieden sind“. Die Politik habe jedenfalls akuten Handlungsbedarf, resümiert der Firmenchef.

Mehr als enttäuscht sind auch Serfauser Ausbildungsbetriebe, etwa die Seilbahn Komperdell. „Wir haben auf Empfehlung der damaligen Landesrätin Baur einen Asylwerber aufgenommen, der bei uns eine Kochlehre macht“, bestätigt Geschäftsführer Georg Geiger. Der bürokratische Aufwand sei groß gewesen. Doch das Schlimmste: Der 24-Jährige muss ebenfalls fürchten, dass er Österreich verlassen muss. Den negativen BFA-Bescheid hat er bereits. Eine Abschiebung wäre für den Kochlehrling eine Katastrophe. „Einmal hat er geweint und gesagt, wenn er nach Hause muss, wird er als Verräter abgestempelt und muss um sein Leben bangen“, so Geiger am Mittwoch.

In einem Serfauser Hotel haben zwei Asylwerber einen Lehrvertrag unterschrieben, beide machen eine Kochlehre. „Ich kann nur Positives über die Burschen sagen und hoffe, dass sie bei uns den Lehrabschluss machen können“, sagte der Lehrherr, „Koch ist ein Mangelberuf. Es wäre ein Wahnsinn, wenn man uns die Burschen wegnimmt.“ Einer der Serfauser Kochlehrlinge sei bei einem Feldkircher Gericht zum Interview vorgeladen worden. Trotz qualifizierter Antworten und guten Referenzen habe der Lehrling dann einen negativen Asylbescheid bekommen.

In Zams macht ein junger Afghane die Ausbildung zum Installations- und Gebäudetechniker. Firmenchef Erwin Bouvier findet ebenfalls nur lobende Worte: „Er ist fleißig, spricht gutes Deutsch und integriert sich. Ich würde es nie verstehen, wenn der Lehrling gehen muss und keinen Abschluss machen kann.“

Teils mit Unterstützung des Innsbrucker Vereins „Menschenrechte Österreich“, Caritas und/oder Anwälten haben die Lehrlinge Einspruch gegen den negativen BFA-Bescheid erhoben – jeder für sich. Aus dem Bundesverwaltungsgericht (BVwG) in Wien hieß es am Mittwoch: „Es stimmt nicht, dass alle Asylwerber aus Afghanistan automatisch einen negativen Bescheid bekommen. Jeder Fall wird individuell überprüft. Eine wichtige Rolle spielen die Umstände der Flucht.“ Basis aller BVwG-Entscheidungen sei jedenfalls die aktuelle Asylgesetzgebung.

Für den Aufschrei aus dem Tourismusort Serfaus habe er Verständnis, sagte NR Dominik Schrott am Mittwoch. „Einige der Fälle sind auch an mich herangetragen worden. Aber Fakt ist, dass wir unabhängige Gerichte haben.“ Man solle sich an die große Flüchtlingswelle 2015 erinnern, plädierte Schrott. „Aus dieser Zeit müssen die Asylgerichte noch viele offene Verfahren abarbeiten.“