Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 05.07.2018


Landespolitik

Abtreibungen: Fischer pocht auf „kostenfrei und niederschwellig“

Die grüne Soziallandesrätin Gabi Fischer hält nicht daran fest, dass Abtreibungen an öffentlichen Spitälern stattfinden sollten.

© Thomas Boehm / TTNach massiven Protesten hat Polens Regierung 2016 ihren Kurs geändert und ein drohendes komplettes Abtreibungsverbot gekippt. 2018 wurde in Irland das Abtreibungsverbot durch ein Referendum beendet. Foto: AFP/Radwanski



Innsbruck – Für die neue grüne Soziallandesrätin Gabi Fischer ist „das Dogma“, dass Abtreibungen an öffentlichen Krankenhäusern möglich sein müssen, „überholt“. Zumindest aus medizinischer Sicht sei dies nicht mehr notwendig, erklärt Fischer gebenüber der TT. „Der Eingriff kann ambulant durchgeführt werden und muss nicht dort stattfinden, wo er am meisten kostet, nämlich im Spital.“ Jahrzehntelang hatten Frauenorganisationen dafür gekämpft, dass Betroffene in öffentlichen Spitälern einen Abbruch vornehmen lassen können. Bis dato in Tirol ohne Erfolg.

Damit legt die Grüne aber auch eine von ihrer Partei lang gehegte Forderung beiseite. Ihre Vorgängerin im Amt, Christine Baur, ebenfalls von den Grünen, hatte oft darauf verwiesen, dass Schwangerschaftsabbrüche eine Aufgabe der Gesundheitspolitik seien und damit an öffentlichen Krankenhäusern ermöglicht werden sollten. Die SPÖ sieht das immer noch so. Dementsprechend fällt die Kritik an Fischer von SPÖ-Frauenvorsitzender und Nationalrätin Selma Yildirim aus. „Abtreibungen sind ein Tabuthema, aber Aufgabe der öffentlichen Hand“, sagt Yildirim. Für sie ist klar, ein Arzt im niedergelassenen Bereich könne nur ein zusätzliches Angebot sein.

Einen Arzt zu finden, der öffentlich dazu steht, Schwangerschaftsabbrüche zu machen, dürfte in Tirol sehr schwer werden. Soziallandesrätin Fischer hofft dennoch darauf, dass sich jemand finden wird. „Es gibt intensive Bestrebungen, bis jetzt hat sich aber noch kein Arzt gemeldet.“

Seit Langem gibt es in ganz Tirol nur einen einzigen Wahlarzt in Innsbruck, der Abtreibungen vornimmt. „Der sollte möglichst nie krank werden oder auf Urlaub gehen“, sagt Yildirim. Auch Fischer ist klar, dass das Angebot knapp ist. „Unser Ziel ist es, einen kostenfreien und niederschwelligen Zugang für betroffene Frauen gewährleisten zu können“, meint Fischer.

Von diesem Ziel ist Tirol aber nach wie vor meilenweit entfernt. Mindestens 500 Euro kostet ein medikamentöser Abbruch, bis zu 800 Euro der operative Eingriff. „Betroffen sind oft junge Frauen, die sich das nicht leisten können“, kritisiert Yildirim. Fischer verweist bei der Gelegenheit auf den Härtefallfonds, den ihre Vorgängerin 2015 eingeführt habe. Im Fonds liegt Geld, um Frauen finanziell bei Schwangerschaftsabbrüchen zu helfen, und für Verhütungsmittel.

„Die Zahl der Abtreibungen ist in Tirol rückläufig, auch weil die Nachfrage nach Langzeitverhütungsmitteln gestiegen ist“, sagt Fischer. Die Grüne würde es begrüßen, „wenn Abtreibungen kostenlos vorgenommen werden würden“. Zwingen könne man Ärzte weder an Spitälern noch im niedergelassenen Bereich. Die Soziallandesrätin glaubt, „dass sich Patientinnen in einem geschützten, individuellen Umfeld wohler fühlen als im Spital“. Bevor sie also die Forderung erneuere, Abtreibungen an öffentlichen Krankenhäusern durchführen zu lassen, denkt Fischer an „ein Ambulatorium“ in Kliniknähe, das es einzurichten gelte.

Gescheitert sind bis jetzt alle Pläne an der ÖVP. Sowohl die SPÖ als auch die Grünen seit 2013 bissen sich am Koalitionspartner die Zähne aus.

ÖVP-Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg sieht keinen Engpass in Tirol. „Auch der Landessanitätsrat, das oberste medizinische Beratungsgremium der Landesregierung, sieht die Versorgungssituation als adäquat und ausreichend an.“ Schwangerschaftsabbrüche gehörten gemäß Fristenlösung nicht zu den primären Aufgaben der Spitäler, sagt Tilg. (aheu)