Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 02.07.2018


Exklusiv

Das Drehen an der Tarifschraube

Bis zum Jahr 2020 soll in allen Tiroler Wohn- und Pflegeheimen ein einheitlicher Tagsatzschlüssel gelten. Seit Jahresbeginn läuft ein Pilotprojekt mit 22 Heimen. Die Qualitätssteigerung führt auch zu Mehrkosten.

© KeystoneHeim ist nicht gleich Heim. In Tirol gibt es derzeit 150 verschiedene Tagsätze. Diese sollen bis 2020 harmonisiert werden.Symbolfoto: Keystone



Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck – Es war bis dato ein mitunter schwieriges Unterfangen, die Tiroler Heimlandschaft kostenmäßig auf einen Nenner zu bringen. Weil schier jedes Heim seine eigenen kleinen Besonderheiten aufzuweisen wusste. Ein transparenter Vergleich fiel daher schwer. Beispiel gefällig? Was die Heizkosten betrifft, hatte es ein Heim nicht einfach. Der Verbrauch war unverhältnismäßig hoch – weil offenbar auch andere öffentliche Gebäude wie Gemeinde, Schule und Feuerwehrhaus an dem Heim-Öltank mitnaschten. In einem anderen wiederum war der Friseurbesuch für alle Heimbewohner gratis. Unterschiedlich auch die Handhabe der persönlichen Hygieneartikel: Manche stellten diese pro Person und Jahr im Wert von rund 150 Euro zur Verfügung – in anderen Heimen waren diese aus der eigenen Tasche zu bezahlen.

Tirol zählt 89 Wohn- und Pflegeheime (18 bis 217 Betten), hinzu kommen zwei private. Zentrales Kriterium für deren Finanzierung des täglichen Betriebs sind die so genannten Tagsätze. Diese werden pro Heim und Bewohner vom Land gewährt. Die Sätze gliedern sich in eine „Hotelleistung“ (Wohnen, Reinigung, Wäsche etc.) und eine „Pflegeleistung“ (Personalkosten). Das Problem: In Tirol gibt es 150 unterschiedliche Tagsätze. Die meisten von ihnen sind historisch gewachsen. Und daher die Heime kaum miteinander zu vergleichen.

Mit Beschluss der Landesregierung im Juli 2017 wurde ein einheitliches Kosten- und Tarifmodell für alle Tiroler Heime in Auftrag gegeben. Dieses soll nicht nur mehr Transparenz in das System bringen, sondern auch die bestehenden Unterschiede zwischen großen und kleinen Heimen reduzieren. Verantwortlich für die „Tagsatzkalkulation neu“ zeichnet eine Arbeitsgemeinschaft aus Gemeindeverband, der Stadt Innsbruck und der ARGE Altenheime. Für die operative Umsetzung des neuen Konzeptes sorgen der Pflegekoordinator des Landes, Christian Schneller, und sein Team.

Seit 1. Jänner befinden sich 17 Heimträger mit in Summe 22 Heimen in einer Pilotphase. Sie testen nun den von der Arbeitsgemeinschaft erarbeiteten neuen Leistungskatalog in der Praxis aus. Der Katalog umfasst zehn Bereiche. Von der Verwaltung über die Führung, den Betrieb, die Soziale Betreuung, die Küche bis hin zur Reinigung. Er legt einheitliche Leistungs- und Qualitätsstandards fest, welche die Heime zu erbringen haben. Beispiel gefällig? In nur rund der Hälfte aller Heime gibt es bis dato eine Wahlmöglichkeit bei den Hauptmahlzeiten. Laut Leistungskatalog ist die Wahlmöglichkeit künftig vorgeschrieben. Standard-Hygieneartikel (Duschgel, Zahnpasta, Shampoo etc.) sind vom Heim zu stellen. Einen Friseurbesuch müssen die Bewohner selbst bezahlen. Darauf baut das Grundtarifmodell auf. Der Tarif variiert je nach Heimgröße – hierfür wurden fünf Tarifgruppen etabliert.

Weiters: Der Pflegepersonalzuschlag soll mit diesem Modell nur noch Personalkosten, keine Pflegehilfsmittel – diese sind vom Grundtarif abgedeckt – mehr enthalten. Ein Zuschlag, der sich auch nach der Pflegestufe der Bewohner richtet und somit auch einen Qualifikationsmix beinhaltet. Der vielfach zitierte „Minutenschlüssel“ soll demnach zu 23 Prozent von diplomierten Pflegekräften, zu 65 Prozent von Pflegeassistenz und zu zwölf Prozent von Heimhilfen zu bewältigen sein. Ein Mix, der laut Schneller aber nur als vorläufig zu betrachten und im Zuge der Evaluierung wohl noch zu ändern sein dürfte. Zudem wurden die bisher als ein Tarif verrechneten Pflegestufen 5 bis 7 in einzelne Tarifstufen aufgeteilt.

Ein wichtiger Bestandteil sei aber auch, so Schneller, dass Leistungen wie Sozialbetreuung, präventive Gesundheitsförderung, aber auch Führungsaufgaben (Bsp.: Pflegedienstleitung) nicht mehr zum Personalzuschlag, sondern in den Grundtarif eingerechnet würden. Dadurch hätte einerseits das Pflegepersonal mehr für Zeit für die Betreuung übrig, andererseits könnte um bis zu fünf Prozent mehr Personal angestellt werden. Zumindest theoretisch – in der Praxis kämpfen die Heime derzeit schon mit einem Personalmangel.

Je nach Heim schwankt der neue Grundtarif zwischen 46 und 50 Euro pro Bewohner und Tag. Ohne die Vereinheitlichung seien Unterschiede von bis zu zehn Euro an der Tagesordnung, heißt es.

Um das neue Tagsatzmodell etablieren zu können, mussten alle Heime in der Pilotphase ihre Kosten- und Personalstruktur offenlegen. Mit Ende Juni hatten diese den Leistungskatalog zu erfüllen. Die Evaluierung ist bis Ende September zu erledigen. „Die Stimmung in den Heimen ist positiv“, sagt Schneller. Die finanziellen Änderungen seien groß, am Ende solle aber eine Qualitätssteigerung für die Heimbewohner stehen.

240 Mio. € werden derzeit pro Jahr in Tirol an Tagsätzen verrechnet. Die Hälfte tragen die Bewohner selbst über Pension und Pflegegelder, die andere Hälfte kommt von Land und Gemeinden im Verhältnis 65:35 Prozent. Die neue Tagsatzstruktur wird pro Jahr an die 15 Mio. € mehr kosten, sagt Schneller.

Für Gemeindeverbandspräsident Ernst Schöpf (VP) ist die Startphase gelungen. Gewisse Bedenken seien bei solch großen Umstellungen normal, an sich passe die „Reiserichtung“ des Projektes. Die Kostensteigerungen seien nicht überraschend, sondern eine logische Folge von einheitlichen Standards sowie harmonisierten Tagsätzen. Die Reform an sich sei aber notwendig.

Ziel ist, ab dem Jahr 2019 20 weitere Heime umzustellen. Der Regelbetrieb mit der neuen Tagsatzlösung für die gesamte Tiroler Heimlandschaft soll dann im Jahr 2020 starten. Vorausgesetzt, die dementsprechenden Politbeschlüsse fallen zeitgerecht und positiv aus.




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