Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 06.07.2018


Exklusiv

Verlagerung? Lkw bremst die Bahn aus

Der Verkehr rollt rückwärts: 13 Prozent Lkw-Zuwachs am Brenner, nur 18 Prozent der Güter in Deutschland werden auf der Bahn transportiert.

© Thomas Boehm / TTDer Straßengüterverkehr rollt unaufhörlich, während die Bahn weiter Anteile verliert. In Deutschland erfolgt dies massiv.Foto: Böhm



Innsbruck, Kufstein – Wenn sich heute Nachmittag die Euregio Inntal-Chiemsee-Kaisergebirge Mangfalltal in Kufstein zum Verkehrsgipfel trifft, dürften den rund 50 angemeldeten Bürgermeistern – viele davon aus Bayern – wohl die Augen aufgehen. Der Güterverkehr auf der Straße rollt zu Rekordzahlen, gleichzeitig verliert die Bahn. Trotz Ausbaus der Brennerachse. Die Zahlen sind die Botschaften, die Fakten sprechen eine klare Sprache. Darauf setzen auch Tirols Landeshauptmann Günther Platter (VP) und Verkehrsreferentin LHStv. Ingrid Felipe (Grüne), die vor allem die bayerischen Nachbarn beim Euregio-Treffen über die aktuelle Verkehrssituation aufklären möchte. Und sie hoffen darauf, dass die Regionalpolitiker kooperationsbereiter sind als die Politspitzen in München oder Berlin.

1,25 Millionen Transitfahrten wurden nämlich in den ersten sechs Monaten am Brenner gezählt, um 142.505 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Im ersten Halbjahr betrug die Steigerung 13 Prozent, allein im Juni 18 Prozent. Zu Jahresende könnten es insgesamt 2,5 Millionen Lkw sein. Auf der günstigen Brennerachse werden nach wie vor 70 Prozent aller Güter auf der Straße transportiert. Eine Trendumkehr zugunsten der Bahn ist das große politische Ziel, aber ohne verkehrsverlagernde Maßnahmen wohl unrealistisch.

Dazu passen die jetzt vom deutschen Umweltbundesamt veröffentlichten Verkehrszahlen: Ohne einen Gesinnungswandel in unserem Nachbarland wird die Verlagerung von der Straße auf die Schiene nicht gelingen. Der Güterverkehrsaufwand in Deutschland stieg von 1991 bis 2016 um 64 Prozent. Die größten Zuwächse erzielte der Straßengüterverkehr mit einem Plus von 89 Prozent (!) „Dieser ging vor allem zu Lasten der umweltfreundlicheren Verkehrsträger Bahn und Binnenschiff. Deren Anteil war 1980 etwa genauso groß wie der des Straßengüterverkehrs und ist inzwischen auf zusammen rund 26 Prozent zurückgegangen“, heißt es in dem Bericht. Auf die Bahn entfallen lediglich 18, auf den Lkw 72 Prozent.

Vom 2002 gesteckten Ziel hat sich Deutschland in den vergangenen Jahren immer weiter entfernt. In der damals festgelegten Nachhaltigkeitsstrategie sollten 2015 rund 25 Prozent der Güter allein mit der Eisenbahn befördert werden. Für den grünen Europa- und Verkehrssprecher Michael Mingler liegt der Schlüssel in der Verkehrspolitik vor allem in Brüssel. „Wenn es uns mit der neuen Wegekostenrichtlinie gelingt, endlich Kostenwahrheit bei der Lkw-Maut herzustellen, hätte Tirol ganz neue Möglichkeiten, die Transitlawine zu stoppen.“ Andererseits gebe es auf bayerischer Seite auch Kräfte, die Verständnis für die Tiroler Situation hätten.

Fritz Gurgiser vom Transitforum kritisierte gestern Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ). Der Minister solle sich nicht als „Schutzpatron für die EU-Oststaaten-Transitflotte“ missbrauchen lassen, sondern vielmehr die hiesige „Transitanlockungspolitik“ beenden, fordert Gurgiser. (pn)