Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 11.07.2018


Bezirk Schwaz

Meer aus Zweifeln begleitet Hochwasserschutzpläne

Die Berater des Vereins „Hochwasserschutz Tirol“ zweifeln Studien und Berechnungen des Landes an. Dort weist man die Kritik zurück.

© Dähling



Von Angela Dähling

Strass – Es ist ein heißes ­Eisen, der Hochwasserschutz im Inntal. Eines, an dem man sich die Finger verbrennen kann. Die drei Experten, die am Küchentisch von Alfred Enthofer (Landwirt und Obmann des Vereins „Hochwasserschutz Tirol“) in Strass Platz genommen haben, wollen daher als Berater seines Vereins derzeit anonym im Hintergrund bleiben. „Wir vertreten die fachliche Position. Nicht die politische“, erklären die drei Fachleute.

Sie beraten den Verein fächerübergreifend und haben internationale Referenzen – unter anderem in den Bereichen Wildbach- und Lawinenkunde, Wasserwirtschaft, Hydrologie, Geologie und Recht – vorzuweisen. Kurzum: Die Herren kennen sich mit Hochwasserschutz aus. Und sie zweifeln die vom Land verwendeten Daten zur Festlegung eines hundertjährlichen Hochwassers (HQ100) an. Die Berechnung eines hundertjährlichen Hochwassers basiere demnach nur auf Statistiken. „Das ist ein rein rechnerisches, fiktives Hochwasser, das es so nie gab. Es handelt sich um hinterfragenswürdige rechnerische Einschätzungen“, bemängeln die drei. Neben veralteten Daten aus dem Jahr 2009 würden die unterschiedlichen Wettersituationen und deren Auswirkungen zu wenig stark in den Mittelpunkt gestellt. Auch die Auswirkungen von Kraftwerken seien nicht im ausreichenden Maß berücksichtigt worden. Die Experten verweisen auf den wasserwirtschaftlichen Rahmenplan des Landes, dessen Kernaussage ist, dass Kraftwerke nachweisbar zum Hochwasserschutz beitragen.

Auch die Parameter der Studie von Uni-Professor Günter Blöschl über die Auswirkungen alpiner Retentionsmaßnahmen auf den Inn hinterfragen sie. Wie berichtet, seien demnach die Auswirkungen auf den Inn so gering, dass alpine Retention hier nichts bringe. Dieses Ergebnis sei kein Wunder, kritisieren die Berater des Hochwasserschutz-Vereins. Denn in der Studie seien bei der Standortauswahl für alpine Retention hochwirksame Standorte weggelassen worden, um den gewünschten Nachweis zu erbringen. Die in der Studie angegebenen Bauwerkshöhen von zehn Metern bei Retentionsbecken seien zudem zu gering und die Abflusslöcher in den Becken zu groß, um entsprechend wirksam zu sein.

Letztlich seien die Pläne des Landes derzeit jedoch zu unkonkret, um handeln zu können, erklären die Vereinsberater. Erst wenn das Genehmigungsverfahren für die Schutzmaßnahmen starte, können sie daher tätig werden.

Markus Federspiel, Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft beim Land Tirol, weist die Kritik zurück. Neu ist sie ihm nicht. „Ich kenne die Einwände schon. Sie wurden 2014 schon einmal vorgebracht“, sagt er. Was die Kritik an den HQ100-Berechnungen betreffe, habe man damals eine Plausibilitätsprüfung des hydrologischen Längenschnitts des Inns machen lassen. „Dabei kam heraus, dass die Werte exakt und plausibel sind“, sagt Federspiel. Die Plausibilitätsprüfung führte damals übrigens ebenfalls Uni-Professor Günter Blöschl durch. Zur Kritik an dessen Studie über Auswirkungen alpiner Retention auf den Inn meint Federspiel: „Die Potenzialstudie erarbeiteten Wasserwirtschaft und WLV gemeinsam. Rund 90 Prozent der 130 Retentionsstandorte hat die Wildbach- und Lawinenverbauung ausgesucht, weil es deren Kompetenzbereich ist.“ Warum nicht mehr Zubringerflüsse zum Inn dabei berücksichtigt wurden? „Wir wollten Standorte außerhalb des Dauersiedlungsraumes“, sagt Federspiel. Wären die alpinen Retentionsbecken 20 statt 10 Meter hoch, würde sich der Scheitel am Inn um vier bis fünf Prozent statt ein bis zwei Prozent reduzieren. Das sei immer noch zu wenig, zudem müssten die Abflüsse dann kleiner werden. Die Parameter seien im Laufe des Prozesses festgelegt worden, keinesfalls aber, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen.