Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 28.07.2018


Bezirk Reutte

Motorradlärm im Außerfern: „Die Bußgelder sind viel zu gering“

Da der Motorradlärm nicht an der Staatsgrenze verstummt, werden das Lechtal, das Tannheimer Tal und das Oberallgäu jetzt gemeinsam aktiv. Mittels einer Plakatkampagne wird an die Vernunft der Biker appelliert.

© REAFordern die Biker auf, leise zu fahren: (v. l.) Bezirkspolizeichef Egon Lorenz, Armin Hölzler (Leiter Polizeiinspektion Sonthofen), Landrat Anton Klotz, Felix Fleischhauer (LK Oberallgäu), BM Sabine Rödel (Bad Hindelang), Hans Soul (Sonthofen), BM Martin Schädle (Grän) sowie BM Martin Beckel (Oberstaufen).Foto: REA



Weißenbach, Sonthofen – Kürzlich verordnete das Land Tirol weitere Geschwindigkeitsbeschränkungen und Überholverbote an den beliebten Motorradstrecken im Außerfern. Das Bezirkspolizeikommando Reutte erarbeitete zudem ein spezielles Überwachungskonzept. Bei den ersten Schwerpunktkontrollen hagelte es 365 Anzeigen gegen Motorradlenker (die TT berichtete).

Im Jahr 2017 brachten es die Biker allein im Außerfern auf rund 5000 Verkehrsdelikte. Ob Jochpass oder Riedbergpass, auch im Oberallgäu mehren sich die Beschwerden der Anrainer. Die lärmgeplagten Gemeinden im Tannheimer Tal, im Lechtal und seinen Seitentälern einschließlich Berwang und Imst sowie die Allgäuer „Leidensgenossen“ Sonthofen, Wiggensbach, Buchenberg, Oberstaufen und Bad Hindelang sowie Fischen im Oberallgäu setzen nun auf Bewusstseinsbildung und die Vernunft der Biker.

An insgesamt 56 Standorten entlang der Motorradstrecken rufen sie mit großen Tafeln dazu auf, leise zu fahren und die Natur zu genießen. Dabei ist allen klar, dass zurzeit niemand ein Wundermittel gegen den Motorradlärm bei der Hand hat. Für den Gräner Bürgermeister und Planungsverbandsobmann im Tannheimer Tal, Martin Schädle, liegt der Schlüssel zu mehr Ruhe in der Kombination mehrerer Maßnahmen. „Geschwindigkeitsbeschränkungen, Schwerpunktkontrollen und Bewusstseinsbildung sollten doch greifen. Wenn auch das nichts bringt, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen, denn wir müssen unsere Bürger vor zu viel Lärm schützen“, hält Schädle fest.

Der Landrat des Oberallgäus und Präsident der Euregio Via Salina, Anton Klotz, hat den Kampf gegen den Motorradlärm und die Feierabendrennfahrer zur Chefsache erklärt. Auf Tiroler Seite beteiligen sich zahlreiche Gemeinden entlang der Bikerstrecken, die Polizei, die Bezirkshauptmannschaft und die Verkehrsabteilung des Landes Tirol an dieser Initiative. In einem grenzüberschreitenden Interreg-Projekt wird nun international recherchiert und geprüft, wie man dem Lärm dröhnender Motoren Einhalt gebieten kann. Im Südschwarzwald oder am Kesselberg in Oberbayern setzt man etwa auf Wochenend-Fahrverbote für Biker. Im Steirischen Naturpark Sölktäler wird seitens der Behörden mit einem Fahrverbot gedroht, sollte Rücksichtnahme weiterhin ein Fremdwort sein. Ziel des Projekts ist es letztendlich auch, einen Forderungskatalog für den Gesetzgeber zu erstellen. Bei einem kürzlich einberufenen Pressetermin zur Präsentation der „Bitte leise fahren“-Tafeln waren sich alle Projektpartner einig: „Die Bußgelder bei Manipulationen am Auspuff oder Raserei sind viel zu gering.“ Landrat Anton Klotz wünscht sich für Deutschland zudem die Einführung einer Halterhaftung, wie es sie in Österreich und der Schweiz gibt. Dann trifft es am Ende immer den Halter eines Fahrzeugs, die Strafe zu bezahlen, egal wer damit zu schnell unterwegs war. Die neue Bürgermeisterin von Bad Hindelang, Sabine Rödel, fordert eine 60-km/h-Beschränkung für den Jochpass, wie sie bereits 2017 für den Gaichtpass eingeführt wurde. „Der Motorradlärm ist mit Ausnahme von Hinterstein in allen Ortsteilen von Bad Hindelang eines der größten Probleme“, berichtet Rödel von zunehmenden Beschwerden der Anrainer.

Der Rucksack für die Kandidaten zur Europawahl im Mai 2019 wird jedenfalls vollgepackt sein mit Forderungen für ein Mehr an Verkehrssicherheit und Lebensqualität entlang der beliebten Motorradstrecken. (TT, fasi)