Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 30.07.2018


Landespolitik

„Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s der Pflege schlecht“

Personalmangel macht den ISD zu schaffen. Ein Mitarbeiter erhebt Vorwürfe gegen die Führung, diese spricht von einer „bedrückenden Pattsituation“.

© istockTrotz vieler Kampagnen suchen sich Mädchen und Frauen die immerselben Jobs aus. Viele davon in schlecht bezahlten Branchen. Nur 32 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Tirol arbeiten ganzjährig Vollzeit.



Von Denise Daum

Innsbruck – Die Pflege älterer, hilfsbedürftiger Menschen ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Nicht jeder ist dafür geschaffen. Und immer weniger wollen diese Aufgabe bekanntlich übernehmen. Gleichzeitig schlägt die demographische Keule zu, die Menschen werden älter, die Zahl jener, die Pflege brauchen, steigt.

Ein Mitarbeiter der Innsbrucker Sozialen Dienste beklagt in diesem Zusammenhang im Gespräch mit der TT, dass das Personal zu wenig Ressourcen habe, um sich ordentlich um die Klienten zu kümmern. „Rein aus Spargründen wird nicht mehr Personal eingestellt“, glaubt der Pfleger. Der Führungsriege wirft er vor, dass den Mitarbeitern oftmals zu wenig Respekt entgegengebracht werde. „Probleme werden unter den Teppich gekehrt. Wenn man auf Schwierigkeiten aufmerksam macht, heißt es: ,Du kannst ja gehen, wenn dir was nicht passt‘“, sagt der Mitarbeiter, der seit acht Jahren in einem ISD-Heim beschäftigt ist.

ISD-Geschäftsführer Hubert Innerebner gibt auf Nachfrage der TT unumwunden zu, dass man unter Personalmangel leide. „Das ist aber kein ISD-spezifisches Problem, sondern betrifft ganz Mitteleuropa.“ Am Markt herrsche ein Konkurrenzkampf um die bestehenden Pflegekräfte. Die Arbeitslosenquote sei gering. „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s der Pflege schlecht. Das ist so“, sagt Innerebner. Dass aber beim Personal absichtlich gespart werde, „ist absoluter Nonsens und eine böswillige Behauptung. Ich würde mir nichts mehr wünschen, als Pflegekräfte zu finden. Aber wir befinden uns in einer bedrückenden Pattsituation.“ Der Personalmangel sei auch Grund dafür, dass im Wohnheim Pradl zwei Stationen nicht in Betrieb gehen können. Zur Lösung des Problems müsse an mehreren Schrauben gedreht werden. So versuchen die ISD beispielsweise, leistbaren Wohnraum zu organisieren, damit Personal von auswärts motiviert wird, nach Innsbruck zu kommen.

Dass Mitarbeitern, die auf Probleme aufmerksam machen, mit Rauswurf gedroht werde, weist der ISD-Chef entschieden zurück. „Das können wir uns gar nicht leisten.“ Die Vorwürfe des Mitarbeiters seien für ihn nicht nachvollziehbar und würden ihn kränken. „Wir geben alle unser Bestes und bemühen uns. Ich bewundere unsere Teams in den Heimen, wie gut sie die Arbeit bewältigen“, betont Innerebne­r.

Auch ISD-Betriebsratsvorsitzender Ambros Knapp sagt, dass der Personalmangel in den Heimen kein Geheimnis sei. Vor allem Pflegeassistenten werden händeringend gesucht. „Das ist keine Geldfrage, sondern liegt an den Ressourcen.“ Dass die Situation für die Mitarbeiter belastend sei, könne er nachvollziehen. „Wir haben auch immer wieder Burnout-Fälle. Das sind die, die mit Herz und Seele dabei sind“, sagt Knapp. Er verweist auf die 14 Betriebsräte, an die sich jeder vertrauensvoll wenden könne – auch die Arbeiterkammer sei bei Problemen ein guter Ansprechpartner.

Der betroffene ISD-Mitarbeiter und ein Arbeitskollege haben sich gemeinsam an die FPÖ gewandt, um ihre Eindrücke zu schildern. Stadträtin Andrea Dengg zeigt sich entrüstet ob der Schilderungen der beiden Mitarbeiter und fordert die Stadtregierung zum Handeln auf. „Wir werden im kommenden Gemeinderat einen Antrag einbringen, um die Qualität der Pflege sicherzustellen“, betont Dengg. Die FPÖ fordert unter anderem eine Untersuchungskommission. „Es geht hier nicht um parteipolitisches Kleingeld, sondern darum, einen bestmöglichen Pflegebetrieb sicherzustellen“, betont Dengg.




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