Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 30.07.2018


Exklusiv

Ruf nach Rückwidmungen und Gemeindefusionen

„Wohnen ist heute günstiger als früher“, sagt der Innsbrucker Kreis in einem Positionspapier. Das soll die Landespolitik zum Denken anregen.

© Thomas Böhm / TTNicht Kirchturmdenken, sondern Denken in Regionen regt das Institut für Föderalismus an.



Von Anita Heubacher

Innsbruck — Bei dem Papier bleibt kein Stein auf dem anderen. Auf vierzig Seiten — erarbeitet vom Innsbrucker Kreis mit 150 Mitgliedern, darunter Juristen, Raumplaner und ehemalige Politiker — wird mit allen Tabus gebrochen, die die ÖVP seit Jahrzehnten in der Raumordnung pflegt. „Raumordnung klingt so sperrig, es geht darum, sich zu fragen, wo wir arbeiten, wo wir wohnen und wo wir uns erholen wollen. Das hat mit Gemeindegrenzen nichts zu tun", sagt der ehemalige Lanser Bürgermeister Peter Riedmann. Zusammen mit Andreas Kastner händigt er im Gespräch mit der TT das Positionspapier aus. Es soll der Landespolitik Denkanstöße liefern. Die von ÖVP-Landesrat Johannes Tratter geplanten Änderungen in der Raumordnung gehen dem Innsbrucker Kreis viel zu wenig weit.

1. Wohnen ist günstig? „Ja", meinen Kastner und Riedmann. Früher hätten Haushalte zwischen 50 und 60 Prozent des Einkommens fürs Wohnen und damit anteilig mehr als heute ausgegeben. Noch dazu hätte das Haushaltseinkommen meist ein Alleinverdiener stemmen müssen, weil wenige Frauen berufstätig gewesen seien. Früher seien die Häuser kleiner und für mehrere Generationen gedacht gewesen. „Der hohe Bedarf an Wohnungen heute hängt mit den gestiegenen Bedürfnissen zusammen." Immer mehr und immer neue Wohnungen auf die grüne Wiese zu bauen, lehnt der Innsbrucker Kreis ab. „Die oberste Prämisse muss die Verdichtung und die Wiederbelebung der Ortskerne sein", sagt Kastner.

2. Entmachtung der Dorfchefs: Die örtliche Raumordnung gehöre nicht in die Hände der Bürgermeister bzw. des Gemeinderats, fordert Riedmann. „Das Kirchturmdenken ist Gift, ausgefranste Ortsränder, leere Ortskerne, immer weniger grüne Flächen und ein Spannungsfeld zwischen Städten und Speckgürtelgemeinden sind die Folge." Entscheiden solle laut Innsbrucker Kreis nicht der Bürgermeister, wo gebaut wird, sondern die Landesverwaltung. Den betroffenen Gemeinden und Anrainern komme Parteistellung zu. „Die Planungsverbände sollten aufgewertet werden und die Koordinierung übernehmen", sagt Kastner.

3. Gemeindefusionen: Tirol sei mit 279 Gemeinden viel zu kleinstrukturiert. „Es braucht sinnvolle und wirtschaftlich führbare Einheiten mit 10.000 Bürgern als Mindestgröße, um auch künftig eine qualitätsvolle Bildung gewährleisten oder die Herausforderungen in der Pflege meistern zu können", sagt Kastner.

4. Zwingende Rückwidmungen. In Tirol werde viel zu wenig gegen das Horten von Bauland unternommen, sagt Riedmann. „Wenn zehn Jahre nicht gebaut wird, wird zwingend rückgewidmet." Werde von Freiland in Bauland umgewidmet, müsse der Eigentümer für den Wertzuwachs Einkommenssteuer bezahlen. Diese solle zur Hälfte der Gemeinde und zur Hälfte dem Land zugutekommen.

Innsbrucker Kreis: Die überparteiliche und ehrenamtlich besetzte Plattform wurde von Kurt Bruni, Bert Ledermann und Konrad Schwan gegründet und ist seit Mai 2015 ein registrierter Verein. Der Innsbrucker Kreis will Lösungsansätze und Denkanstöße liefern. Einmal im Monat wird öffentlich diskutiert. Mehr Infos unter: www.innsbrucker-kreis.at