Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 03.08.2018


Exklusiv

Deutlicher Ärztemangel in Tirol, Tilg setzt auf Medical School

In Tirol und Südtirol braucht es bis 2030 bis zu 105 zusätzliche Ärzte pro Jahr. An den Spitälern soll es laut Studie weniger Teilzeitjobs geben.

© Viele Ärzte aus den geburtenstarken Jahrgängen gehen bald in Pension. Das reißt die Lücke zwischen Bedarf und Angebot weiter auseinander. Noch dazu wollen immer weniger Fachärzte Kassenärzte werden.Foto: iStock



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Die landeseigen­e Ausbildungsschiene für Allgemeinmediziner, die Medical School, ist nicht umzubringen. Seit Jahren geistert die Idee herum, ÖVP-Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg verfolgt sie konsequent. „Die Medical School ist kein Phantom, sondern ein Puzzle dafür, genügend Ärzte auszubilden, um eine flächendeckende Versorgung zu gewährleisten.“ Tilg hat zuerst die rechtliche Machbarkeit der Medical School prüfen lassen und jetzt eine Studie auf den Tisch gelegt, die besagt, dass zwischen Bedarf an Ärzten und dem Angebot eine Lücke klafft. Bei Allgemeinmedizinern ist sie besonders groß. In Tirol und Südtirol braucht es bis 2030 zwischen 81 und 105 zusätzliche Fachärzte und Allgemeinmediziner im Jahr. Erhoben wurde in der Studie auch, wie viele Ärzte in Tirol ausgebildet sind und wie viele ihren Lebensmittelpunkt hier haben. An den Tirol Kliniken ist es jetzt schon so, dass 42 Prozent der Spitalsärzte zwar hier arbeiten, aber den Lebensmittelpunkt woanders haben, in den Bezirks­spitälern ist der Anteil noch höher und liegt bei 45 Prozent, im niedergelassenen Bereich sind es nur 22 Prozent, die auswärts leben. Tilg will mit einem Stipendien­system an der Medical School erreichen, dass die Ärzte nicht nur hier lernen, sondern auch praktizieren und nicht ins Ausland gehen.

Das Fazit der Studie: Man muss etwas tun, um das Ärzte­angebot zu steigern. Kurzfristig schlagen die Autoren vor, an den Spitälern weniger Teilzeitjobs zu bewilligen. Tilg leuchtet das ein. Den Anteil der Teilzeitjobs gelte es im Auge zu behalten und nicht zu groß werden zu lassen. „Mit einer 50-Prozent-Stelle kann ich auch nicht Chirurg oder Neurochirurg werden. Als Arzt braucht es Übung.“ Mittelfristig schlagen die Autoren, wenig überraschend, vor, bei der Ausbildung einzuhaken.

Die Medical School ist für den Präsidenten der Ärztekammer, Artur Wechselberger, noch nie ein Heilmittel gewesen. „Warum eine private Universität gründen, wo wir eine öffentliche haben, wo die Zahl der Studienplätze erhöht werden könnte?“ Seiner Meinung nach braucht es attraktivere Rahmenbedingungen für Ärzte, damit sie eine Kassenstelle annehmen. Derzeit gebe es für elf ausgeschriebene Vertragsarztstellen null Bewerber. „Österreich hat sich falsch entwickelt. Zu wenige Ärzte im niedergelassenen Bereich, zu viele Akut-Spitalsbetten.“

Der Direktor der Tiroler Gebietskrankenkasse, Arno Melitopulos, verhandelt mit der Ärztekammer den Stellenplan. Der Plan legt fest, wie viele Ärzte es wo in Tirol braucht. „Eine Stelle aufzumachen ist das eine, aber ob man sie auch besetzen kann, das andere“, sagt er. Im Öster­reichvergleich liege Tirol aber bei der Ärztedichte gut. Um den steigenden Bedarf abzudecken, brauche es „vielschichtige Maßnahmen, ein­e Einzelmaßnahme wird es nicht sein“. Ob das auf die Medical School gemünzt ist, lässt Melitopulos offen.

Größte Lücke: Bei den Allgemeinmedizinern herrscht der meiste Handlungsbedarf. Hier ist die Lücke zwischen Bedarf und Angebot am größten. Die Studie wurde von der bundeseigenen Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) erstellt.

Bedarf in Tirol: Zwischen 2017 und 2020 braucht es in Tirol zwischen 38 und 79 zusätzliche Haus- und Fachärzte pro Jahr. Zwischen 2017 und 2030 sind es 18 bis 42 zusätzliche Ärzte im Jahr.

Bedarf in Südtirol: Bis 2027 zeichnet sich in Südtirol eine moderate Entwicklung des Mehrbedarfs ab, von 2027 bis 2030 steigt der Bedarf hingegen stark.

Fazit: Als kurzfristige Maßnahme wird empfohlen, mit Teilzeitbewilligungen an den Spitälern restriktiver umzugehen. Mittelfristig ist bei Studium und Ausbildung einzugreifen. Die Studienautoren empfehlen ein abgestimmtes Vorgehen für Tirol und Südtirol.


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