Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 10.08.2018


Exklusiv

Ärger um „Junge“ in Tiroler Altenheimen

Mangels Alternativen werden zurzeit 200 Pflegebedürftige unter 60 Jahren in klassischen Tiroler Alten- und Pflegeheimen betreut. Die Liste Fritz fordert altersgerechte Einrichtungen.

© iStockphotoJunge Pflegebedürftige haben andere Bedürfnisse als ältere.



Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck – Das durchschnittliche Eintrittsalter pflegebedürftiger Menschen in einem Tiroler Altenwohn- und Pflegeheim beträgt um die 81 Jahre. Die dort vorhandenen Strukturen, sei es personell wie infrastrukturell, sind allesamt auf diese Altersgruppe spezialisiert und ausgerichtet. Und das ist auch gut so.

Und dennoch gibt es auch Pflegebedürftige, die (nicht nur hierzulande) weit früher auf die Heimunterbringung angewiesen sind. Etwa nach schweren Unfällen, Schlaganfällen, Tumoren, chronischen Erkrankungen oder aber aufgrund einer Behinderung. Derzeit befinden sich 200 „junge“ Pflegebedürftige in einer solchen Unterbringung, wie aus zwei Anfragebeantwortungen von Gesundheits-Landesrat Bernhard Tilg (VP) und Sozial-Landesrätin Gabriele Fischer (Grüne) an Liste-Fritz-Klubobfrau Andrea Haselwanter-Schneider hervorgeht. Damit sind Menschen unter 60 Jahren gemeint. Der Großteil dieser Gruppe bewegt sich zwischen 45 und 55 Jahren (105 Personen), jedoch gibt es auch acht, die erst zwischen 18 und 35 Jahre alt sind. Regional ist der überwiegende Teil – wenig überraschend – in der Landeshauptstadt und im Bezirk Innsbruck-Land untergebracht (siehe Factbox).

Eigene Heimeinrichtungen für diese Personengruppe existieren in Tirol nicht. Zwar gibt es die Landespflegeklinik in Hall und die Sonderpflegestation „Herberge“ in Innsbruck. Erstere ist auf Schwerstpflegebedürftige, Zweitere auf Personen mit Abhängigkeitserkrankungen ausgerichtet – das Thema Alter steht in beiden nicht im Vordergrund. Lediglich im Tivoliheim der ISD in Innsbruck ist eine Sonderstation mit 20 Plätzen eingerichtet, in der Personen unter 50 Jahren betreut werden. Doch auch hier stehen solche im Fokus, die aufgrund einer Suchterkrankung an Demenz oder psychischen Auffälligkeiten erkrankt sind, heißt es in der Anfragebeantwortung.

Andrea Haselwanter-Schneider (Klubobfrau Liste Fritz).
- Foto Rudy De Moor / Tiroler Tage

Wie Tilg und Fischer fast wortident ausführen, wurde im Strukturplan Pflege 2012–2022 eine Differenzierung nach Alter und Geschlecht andiskutiert, letztlich aber die Pflegeangebote nach Leistungsinhalten forciert. Auch in der anstehenden Überarbeitung des Pflegeplanes ist das Alter kein Thema: „Eine Diversifizierung nach Alter und Geschlecht wird in der Langzeitpflege nicht als akut vorrangige Problematik eingestuft und ist auch nicht bei der Überarbeitung des Strukturplans Pflege eingeplant.“

Für Haselwanter-Schneider ist es unverständlich und ärgerlich, dass Tirol hier für junge Pflegebedürftige keine Einrichtungen schafft. Nicht nur, dass die Betroffenen selbst andere Ansprüche (Essen, Wohnen, Freizeit) als ältere Heimbewohner hätten, auch für das Pflegepersonal sei der Umgang mit solchen Altersunterschieden eine Herausforderung. Es müsse kein eigenes Heim gebaut werden. Zumindest im Unterland und Innsbrucker Zentralraum sollten aber eigene Stationen für diese Gruppe an bestehende Heime angedockt werden, sagt die Klubobfrau. Auch der Strukturplan solle auf Junge abgestimmt werden: „Damit würde man auch internationalen Standards entsprechen.“

Fakten

Unterbringung: Derzeit werden in Tirol 200 pflegebedürftige Personen, die jünger als 60 Jahre sind, in Tiroler Altenwohn- und Pflegeheimen untergebracht. Darunter sind 119 Männer und 81 Frauen.

Altersstruktur: Die Altersverteilung beläuft sich auf: 1 (18—25 Jahre), 7 (25—35 J.), 22 (35—45 J.), 105 (45—55 J.), 65 (55—60 J.).

Bezirksverteilung: Regional betrachtet, verteilen sich die 200 Personen wie folgt: Lienz (6), Reutte (6), Innsbruck-Land (51), Imst (11), Kufstein (27), Schwaz (19), Landeck (10), Innsbruck-Stadt (48), Kitzbühel (22).

Gesamtzahl: In den Tiroler Heimen werden derzeit an die 6000 Personen gepflegt und betreut.




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