Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 15.09.2018


Exklusiv

Umgang mit Wölfen: WWF fordert sachliche Debatte

Die Naturschutzorganisation WWF warnt im Umgang mit Beutegreifern vor Panikmache. Landwirte und Züchter im Alpenraum kündigen für heute Mahnfeuer gegen den Wolf an.

© Getty Images/iStockphotoDer WWF sieht in der falschen Information die größte Gefahr für Wolf, Bär und Co.Foto: iStock



Innsbruck, Bozen – Die Diskussion über den Umgang mit dem Wolf – sie beschäftigt vor allem seit vergangenem Jahr die Südtiroler Landespolitik. Wie berichtet, hat die Landesregierung in Bozen unlängst ein Gesetz zum „Schutz von Berglandwirtschaft und Bevölkerung“ beschlossen und kurz darauf einen Katalog zur Umsetzung des Gesetzes ausgearbeitet. Darin ist genau festgelegt, wann und in welchem Ausmaß gegen den Wolf vorgegangen werden soll. Die Mittel reichen vom Vergrämen bis hin zur Entnahme – also den Abschuss – des Tieres.

Doch nicht nur in Südtirol, auch in Österreich ist die Debatte über den Wolf voll entbrannt. Eine Tiroler Delegation stattete unlängst den Nachbarn südlich des Brenners einen Besuch ab, um sich dort über die Maßnahmen zum Herdenschutz zu informieren. Denn auch wenn in Osttirol und Nordtirol bisher nur vereinzelt Wölfe gesehen wurden, will man für den Ernstfall gerüstet sein. Heiß diskutiert wird in Österreich die Präsenz von „Isegrim“ außerdem in Niederösterreich und in Oberösterreich.

Die Naturschutzorganisation WWF warnt allerdings davor, das Thema Wildtiere zu emotional zu diskutieren und pocht auf einen vernünftigen Umgang mit Wolf, Bär und Luchs. „Wenn Lebensräume und Interessen von Menschen und Wildtieren aufeinandertreffen – wie bei der Rückkehr von Wolf, Bär und Co. – sind Konflikte oft vorprogrammiert“, räumt der WWF in einer Aussendung ein. Allerdings werde die Gefährlichkeit des Wolfes von manchen Interessensvertretern bewusst übertrieben, um offenbar von eigenen Versäumnissen abzulenken. „Viele Menschen geraten durch teils bewusst geschürte Panikmache in eine Doppelfalle aus Angst und Vorurteil und werden damit oft von der Politik alleine gelassen“, sagt WWF-Wildtierexpertin Silvia Nietlispach. Dort, wo in den letzten Jahren Wölfe aufgetaucht sind, würden rasch Rufe nach wolfsfreien Zonen, Vergrämung oder gar Abschüssen laut. „Dabei ist Österreich das letzte Alpenland, das vom Wolf auf natürliche Weise wiederbesiedelt wird und kann somit von den Erfahrungen der Nachbarländer profitieren“, sagt Nietlispach. Sie fordert daher die österreichische Politik dazu auf, die Erfahrungen und Best-Practice-Modelle anderer Länder besser zu nützen: „Wir wissen bereits viel über das Verhalten der Tiere und ihre Wanderbewegungen. Wir müssen beim hochwirksamen Herdenschutz das Rad nicht neu erfinden und wir können Fehler vermeiden, die die anderen gemacht haben. Schafe über Abschüsse zu schützen, das ist nicht nur gesetzeswidrig, sondern es funktioniert schlichtweg in der Praxis nicht.“

Wichtig sei es, die lokale Bevölkerung über Biologie und Ökologie von Wölfen sachlich zu informieren. Dadurch werde das Wissen um den Wolf, das in vielen europäischen Ländern im Gegensatz zu Österreich nicht verloren gegangen ist, erneuert und ein angstfreies Miteinander gefördert. Vom 16. bis 19. September veranstaltet der WWF mit deutschen Partnerorganisationen im niedersächsischen Goslar eine Konferenz, die sich mit dem Miteinander von Menschen und den großen Beutegreifern Wolf, Bär und Luchs beschäftigen wird. Sie bildet zugleich den Auftakt für das 16 Länder umfassende Projekt „LIFE EuroLargeCarnivores“ zur Verbesserung des Zusammenlebens mit den großen Beutegreifern.

Ebenfalls vernetzt haben sich in Europa, vor allem aber im Alpenraum die Landwirte, Weidetierhalter und Züchter. Ihre Intention ist aber wenig überraschend eine andere. Heute Abend wollen sie wieder Tausende Mahnfeuer entzünden und damit auf die Gefährdung ihrer wirtschaftlichen Existenz durch den Wolf aufmerksam machen. Vor allem Bauern aus der Schweiz, Deutschland und Südtirol beteiligen sich an der Aktion. „Es ist erschütternd, zu sehen, wie sich die Politik von einer ‚Wolfsindustrie‘ das Handeln diktieren lässt, während wir Weidetierhalter vor immer größeren Problemen stehen. Viele von uns wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll“, zitiert die Schweizer Bauernzeitung den Vorsitzenden des Fördervereins der Deutschen Schafhaltung Wendelin Schmücker. Die Wölfe seien eine ernste Bedrohung für den Fortbestand der artgerechten Weidetierhaltung in ganz Europa.

Die Mahnfeuer finden bereits zum zweiten Mal statt. Erstmals wurden vor genau einem Jahr Mahnfeuer gegen den Wolf entzündet. (TT, np)




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