Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 01.10.2018


Exklusiv

Viel Krach um Förderung für „Stille Nacht“

Mit 600.000 Euro will die Landesregierung das 200-Jahr-Jubiläum des bekanntesten Weihnachtsliedes der Welt fördern. Scharfe Kritik kommt von der SPÖ und der FPÖ.

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© APA



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Jedes Kind kann es mitsingen und jeder Erwachsene auch. „Stille Nacht“ ist das bekannteste Weihnachtslied der Welt. Vor 200 Jahren wurde es erstmals aufgeführt. Dass die Tiroler Landesregierung im Oktober eine 600.000 Euro umfassende Förderung für Veranstaltungen während des Jubiläumsjahres vom Landtag beschließen lassen will, stößt bei SPÖ und FPÖ auf Unverständnis.

Im Beschlussantrag der Landesregierung wird die Förderung damit begründet, dass das Lied wesentlich dazu beitrug, die „Tiroler Volkskultur im Liedgut“ mit zu formen. „Das Lied war der absolute Hit der Tiroler Wanderhändler und Sängerfamilien und diese waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die international wichtigsten Werbebotschafter Tirols“, heißt es weiter.

Landesrätin Beate Palfrader.
Landesrätin Beate Palfrader.
- Thomas Boehm / TT

Die Bedeutung der Verbreitung des Liedes durch Tiroler Wanderhändler und Sängerfamilien an den Fürstenhöfen könne zudem erklären, wie „Stereotypen der Naturwüchsigkeit, Wehrhaftigkeit, Geschicklichkeit und Fröhlichkeit in der Selbst- und Fremdwahrnehmung Tirols bis heute wirksam sind“. Daher sei es aus „kultur-, bildungs- und tourismuspolitischer Sicht im Interesse des Landes Tirol, das 200-Jahr-Jubiläum der Uraufführung von ‚Stille Nacht‘ für eine zeitgemäße und differenzierte Auseinandersetzung mit dieser Tradition zu nutzen“. Den Tirolern wolle man an diesem Beispiel die Entstehung der heimischen Volkskultur vermitteln, der Welt zeigen, dass sie dieses Lied auch Tirol zu verdanken habe. Mit der Abwicklung der Zuschüsse wurden die Abteilungen Tourismus, Landesmusikdirektion und Kultur betraut.

„Unangebracht“ findet der Landtagsabgeordnete und FPÖ-Parteiobmann Markus Abwerzger die Förderung. „In Zeiten, wo Sozialvereine immer mehr finanzielle Hilfe brauchen, sollte man vernünftig handeln und Gelder nicht leichtfertig vergeben“, sagt er. Außerdem werde der Bezug des Liedes zu Tirol überbewertet. Abwerzger: „Dass Tiroler Sänger dieses Lied dann international bekannt gemacht haben, ändert nichts daran, dass der ‚Stille Nacht‘-Tourismus auf Salzburg fokussiert ist, dieses Jubiläum bringt Tirol weder touristischen noch künstlerischen Mehrwert. Förderungswürdig ist Kunst mit echtem Tirolbezug.“

Benedikt Lentsch, Kultursprecher der Tiroler SPÖ, bekennt sich zwar zum kulturellen Wert der Komposition für ganz Österreich, die Kosten für den Tiroler Steuerzahler seien ihm aber zu hoch. „Für die Schuldnerberatung und ähnliche Sozialinitiativen fehlt es dem Land an Geld. Aber für das Jubiläum eines Weihnachtsliedes mit Ursprung in Salzburg will sich die Tiroler Landesregierung nachträglich mehr als eine halbe Million Euro durch den Gesetzgeber genehmigen lassen“, stellt er klar. Deshalb werde die SPÖ auch gegen den Antrag stimmen.

Kritik, die für ÖVP-Kulturlandesrätin Beate Palfrader nicht greift: „Die Veranstaltungen, die wir fördern, haben einen großen Mehrwert für die Bevölkerung. Immerhin wird auch der Verbreitung eines der ältesten Friedenslieder der Welt gedacht. Das Lied ‚Stille Nacht‘ gehört zum kulturellen Erbe. Von Tirol aus wurde es in die ganze Welt getragen.“

Man werde aber darauf zu achten haben, sagt Palfrader, dass die Fördermittel auch nachhaltig greifen würden. „Diese Frage stellt sich bei Zuschüssen im kulturellen Bereich immer.“




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