Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 05.10.2018


Bezirk Kufstein

Kleines deutsches Eck: Bahnweiche ins Ungewisse gestellt

Bayerische Verkehrsplaner empfehlen, eine neue Bahnstrecke über das „kleine deutsche Eck“ anzudenken – samt einem Tunnel von Wörgl bis St. Johann. Stadt Kufstein beschließt Resolution gegen offene Bahntrasse.

Wie geht es mit dem Bahnbau weiter? Verkehrsberater stellen die Trasse in Frage, die Kufsteiner wollen einen Tunnel.

© ÖBBWie geht es mit dem Bahnbau weiter? Verkehrsberater stellen die Trasse in Frage, die Kufsteiner wollen einen Tunnel.



Von Wolfgang Otter

Kufstein – Gemeinderat Horst Steiner (Bürgerliste) brachte bei der Gemeinderatssitzung am Mittwochabend in Kufstein die Situation zum Ausbau der Unterinntalbahn auf den Punkt. „Keiner weiß, wie es in Bayern weitergeht“, meinte er, als es darum ging, eine Resolution zum Bahnausbau Richtung Rosenheim zu verabschieden. Bekanntlich fordern die Kufsteiner, dass das geplante dritte und vierte Gleis für die Zulaufstrecke zum Brennerbasistunnel auf Stadtgebiet im Tunnel verläuft.

Die Situation in Bayern bewegt sich auch immer mehr auf eine Ablehnung eines Neubaus zu. Nicht nur Bundes- und Landespolitiker schließen die Reihen der Gegner. So wird nun die Deutsche Bahn (DB) sogar das Gemeindeforum Rosenheim Süd nicht mehr einberufen. In diesen insgesamt sechs Foren, in die auch die Tiroler Seite eingebunden ist, diskutieren die Planer mit Politikern und Betroffenen. In Rosenheim will die Mehrheit der Mitglieder aber vorher Fragen zum Verkehrswegeplan beantwortet haben. Die hat vor allem das Verkehrsberatungsbüro Vieregg-Rössler in einer vom Bürgerforum Inntal e. V. angeforderten Stellungnahme aufgeworfen. Die Experten zerpflücken die Pläne von DB und ÖBB. So kommt man zum Schluss, dass sogar bei einer zwangsweisen Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene in einem Verhältnis 70 % (Schiene) zu 30 % (Straße) 239 Züge auf der Bestandsstrecke unterwegs wären. „Nach einer Eisenbahner-Faustregel werden 240 Züge für die zweigleisige Bahnstrecke als Auslastung angesehen“, ist in der Studie nachzulesen. Also würde die Kapazität noch viele Jahrzehnte ausreichen und daher wäre ein Neubau von zusätzlichen zwei Gleisen nicht notwendig. Das Büro hat sich auch mit der Nutzen-Kosten-Untersuchung beschäftigt. „Das österreichische Bewertungsverfahren beruht in erster Linie auf volkswirtschaftlichen Multiplikatoreneffekten, die umso größer sind, je teurer das Projekt wird. Damit handelt es sich genau um den gegenseitigen Effekt, den man nach deutschen und im Übrigen auch nach europäischen Vorgaben erwartet“, schlussfolgern die Studienersteller. Daher, so ist auch Georg Dudek, Vorsitzender des Bürgerforums, überzeugt, würde die geplante Trasse in Bayern überhaupt nicht genehmigt. Für die Bürgerinitiativen ein Erfolg, befürchtet man doch durch den Bau Auswirkungen auf das Landschaftsbild genauso wie zusätzliche Lärmbelastung durch eine viele Kilometer lange offene Streckenführung. Daher lautet die Forderung der Bürgerinitiativen, die Bestandsstrecke zu ertüchtigen und lärmtechnisch zu sanieren.

Das Münchner Büro hat sich auch mit der Frage des ÖBB-Bahnkorridors Salzburg–Kufstein beschäftigt. Dieser stelle nämlich einen wesentlichen Anteil des Schienenverkehrs im bayerischen Inntal dar. Die Empfehlung ist als Denkansatz gedacht: Österreich sollte sich eine Trasse über das „kleine deutsche Eck“ (samt Bahntunnel von Wörgl nach St. Johann) überlegen. Die Kosten wären kaum höher als der nun geplante Ausbau, aber im bayerischen Inntal würden zahlreiche Zugfahrten wegfallen und damit die Kapazität auf der Bestandsstrecke noch länger ausreichen. Für die österreichische Seite wären u. a. die kürzeren Fahrzeiten nach Salzburg ein Gewinn.

Die Stellungnahme macht auch auf Tiroler Seite Eindruck. Zumindest will Kufsteins Bürgermeister Martin Krumschnabel Antworten dazu von den ÖBB-Planern. „Wenn es nun so sein sollte, dass die Zahlen und Schlussfolgerungen leicht zu widerlegen sind, wäre es aus meiner Sicht sinnvoll, darauf durchaus einzugehen, weil ja diese Diskussion uns sonst permanent begleitet und vom eigentlichen Thema ablenkt, welches den Gremien in unserem Bereich zukommt“, meint Krumschnabel in einem Schreiben. Des Weiteren erinnert er daran, dass, „wenn in Bayern keine Zulaufstrecke kommt, wohl auch der Bereich Kufstein sinnvollerweise nicht ausgebaut wird“.

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Am Mittwochabend sicherte sich der Gemeinderat jedenfalls für den Tag X ab – bzw. er fordert Zugeständnisse der ÖVP-FPÖ-Bundesregierung. Die Mandatare schickten eine recht drastisch formulierte Resolution an die Bundesregierung in Wien. Darin bekennt man sich zwar zur Verlegung des Verkehrs auf die Schiene, aber „die Diskussion, ob in Kufstein eine offene Bahnstrecke gebaut wird, muss auf der Stelle beendet werden“. Die Mandatare erinnern auch daran, dass die Stadt von der Bundespolitik in allen verkehrsrelevanten Fragen im Stich gelassen worden sei und durch Vignettenpflicht und Grenzkontrollen „die Lebensqualität in Kufstein erheblich beeinträchtigt ist“. Daher fordert der Gemeinderat eine Garantie von der Bundesregierung, dass es keine oberirdische Trasse geben wird.