Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 20.10.2018


Exklusiv

Das G‘riss um die Schüler in Tirol

Ab 1. Jänner soll durch Qualitätsmanager in der Bildungsdirektion der Schülerstorm besser organisiert werden. Den größten Verteilungskampf ortet der Landeselternverband am Ende der Volksschule.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Rund 29.000 Schüler sitzen in Tirols weiterführenden Schulen. Um die Verteilung der Schüler herrscht seit Jahren ein G’riss. Schulen konkurrieren miteinander. Den Kohorten der geburtenstarken Jahrgänge von vor 30, 40 Jahren stehen heute rund 7000 Geburten pro Jahr gegenüber. Das sind weitaus weniger Schüler, die die Klassenzimmer füllen können.

Wie die Grafik zeigt, bekommen die allgemeinbildenden höheren Schulen, AHS, das größte Stück der Torte ab. Im heurigen Schuljahr konnte die AHS im Vergleich zum Vorjahr auch das größte Plus einfahren. Allerdings inkludiert die Schülerzahl von 14.687 auch die Unterstufe, die Langform des Gymnasiums wird nicht extra ausgewiesen. Auch die anderen Schultypen können in Tirol im Vergleich zum Vorjahr leicht zulegen oder ihre Schülerzahlen halten, einzig die höhere technische Lehranstalt, HTL, musste ein Minus bei den Schülerzahlen verkraften.

Die Verteilung der Schüler wird vom Leiter der neu installierten Bildungsdirektion, Paul Gappmaier, analysiert. Bei den Pflichtschulen sei ein „leichter Trend“ weg von der Neuen Mittelschule hin zu den Gymnasien zu beobachten. Vor allem in den Städten zeichnet sich diese Entwicklung ab und ist nicht zu stoppen. Mehr Schüler in der Unterstufe erklären laut Gappmaier auch, dass die AHS-Langform sich eines starken Plus an Schülern erfreuen kann. „Natürlich haben die Gymnasien Interesse daran, die Schüler zu halten. Dort Berufsorientierung einzuführen, war nicht ganz leicht, ist aber gelungen und ist immer besser geworden“, sagt Gappmaier.

Die verstärkte Nachfrage produziert mehr AHS-Absolventen, die in einer Hochschule oft die einzige weitere Karrierechance sehen. Zwar ist der Kuchen der Schüler kleiner geworden, die Zahl der Maturanten aber gestiegen. Nicht immer zur Freude der Hochschulen, wo sich das Rektorat über die Qualität“ der Maturanten“ teils wundert (siehe untenstehender Artikel).

Möglichen Fehlentwicklungen will nun die Bundesregierung durch das Zusammenlegen der Bundesbehörde Landesschulrat und der Bildungsabteilung des Landes zu einer gemeinsamen Bildungsdirektion begegnen. „Die Bildungslandschaft befindet sich gerade in einem großen Umbruch“, sagt Gappmaier. Ab 1. Jänner wolle man „neue Wege beschreiten“. Diese sollen mehr Qualitäts- und Schülerstrommanagement bringen. „Nicht das Interesse der Schulen steht im Mittelpunkt, sondern das Interesse der Schüler.“

Während es früher acht Landesschulinspektoren gegeben habe, die vor allem das Wohl des eigenen Schultyps im Auge gehabt hätten, gebe es ab 1. Jänner Qualitätsmanager. „Wir erhoffen uns dadurch eine Ressourcensteuerung in den drei Bildungsregionen.“ Auch das ist neu. Tirol wird in Ost, Mitte und West eingeteilt. Osttirol, Kitzbühel und Kufstein bilden die Ost-Region, Mitte ist Schwaz, Innsbruck und Innsbruck-Land, und mit West ist Imst, Landeck und Reutte gemeint. „Die Qualitätsmanager müssen die Region und nicht mehr, so wie früher, den Schultyp im Fokus haben.“ Österreich zieht damit einer EU-Richtlinie nach.

Das G’riss um die Schüler ist beim Landeselternverband „ein altes Thema“, wie Obmann Christoph Drexler meint. „Man spürt die Konkurrenz zwischen den allgemein- und den berufsbildenden höheren Schulen. Ich sehe darin aber kein Problem.“ Konkurrenz beflügle und sei verständlich, schließlich orientiere sich die Mittelzuteilung für die Schule an der Schülerzahl. „Die Schulen wurden aufgefordert, ein eigenes Profil zu entwickeln. Da darf man sich über Konkurrenz nicht wundern.“

Die „eigentliche Schnittstelle“ sieht er zwischen Volksschule, Neuer Mittelschule und Gymnasien. „In der dritten und vierten Klasse Volksschule, da spielen sich die Dramen ab.“ So würden sich beim Landeselternverband Beschwerden mehren, dass in Volksschulen strenger benotet würde, wenn eine Mittelschule angeschlossen sei. „Mit strengerer Benotung soll verhindert werden, dass die Kinder ins Gymnasium gehen.“ Für die Aufnahme dort braucht es einen sehr guten Notenschnitt. „Die Gymnasien haben kein Nachwuchsthema, die Mittelschulen in den Städten schon.“ Umgekehrt gebe es auch Rückmeldungen von Eltern, die befinden, dass in höheren Schulen zu milde beurteilt würde, um ein Sitzenbleiben und ein Zusammenlegen der Klassen zu verhindern.

Womit wiederum die Qualität der Ausbildung in den Fokus rückt.




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