Letztes Update am Di, 23.10.2018 06:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Südtirol-Wahl

Köllensperger nach Wahlerfolg: „Das war erst der Anfang“

Das „Team Köllensperger“ ist die Überraschung der Landtagswahl, sein Spitzenkandidat will noch höher hinaus. Auch die rechtspopulistische Lega darf sich als Gewinner feiern lassen.

Paul Köllensperger (2.v.l) landete mit seiner gleichnamigen Liste bei der Südtiroler Landtagswahl einen Überraschungserfolg.

© APA/EXPA/GroderPaul Köllensperger (2.v.l) landete mit seiner gleichnamigen Liste bei der Südtiroler Landtagswahl einen Überraschungserfolg.



Von Benedikt Mair

Bozen – Gestern Früh, kurz nach 6 Uhr im Zug von Brunec­k nach Bozen. Noch ist es stockfinster und doch schon der Morgen danach. Die letzten Stimmen sind ausgezählt, das vorläufige Ergebnis steht. „Hast g’hört? Der Köllensperger ...“, fragt die ältere Dame den etwa gleichaltrigen Herren, der ihr gegenüber sitzt. Dieser nickt und sagt: „Dass der rein kommt, hab’ ich mir schon gedacht. Aber brutal, wie viel er Stimmen gekriegt hat.“

Mit diesem Gedanken waren die beiden Reisenden gestern in Südtirol gewiss nicht allein. Sechs Mandate, 15,2 Prozent der gültigen Stimmen und damit Platz zwei aller angetretenen Parteien. Und das beim ersten Antreten. Das vor vier Monaten gegründete „Team Köllensperger“ ist ohne Zweifel der Gewinner der Landtagswahlen in Südtirol. In den Augen vieler die Überraschung der Wahl. Auch in jenen des Listen-Gründers und Namensgebers Paul Köllensperger, wie er am frühen Montagvormittag im Wahl-Pressezentrum im mondänen Palais Widmann in Bozen, sagt: „Vor ein paar Wochen bin ich noch von zwei Mandaten ausgegangen, kurz vor der Wahl habe ich durch den vielen Zuspruch aus der Bevölkerung mit vieren gerechnet.“ Dass es schließlich sechs geworden sind, sei ein absoluter Traum.

„Wir sind jetzt die Alternative“

Erklären kann sich der 48-jährige Unternehmer, dessen politische Wurzeln in der Fünf-Sterne-Bewegung liegen, den Erfolg mit „soliden und sauberen“ Angeboten für die Wähler, mit „Sachpolitik“. Während Köllensperger einerseits glaubt, dass er einige Prozentpunkte der Südtiroler Volkspartei (SVP) hat abluchsen können, sollen viele Stimmen auch von den desaströs abschneidenden Freiheitlichen (mehr dazu im Bericht unten) gekommen sein: „Vor fünf Jahren haben viele SVP-Wähler geglaubt, die Freiheitlichen seien die Alternative, für die sind es jetzt eben wir geworden.“

Andreas Leiter Reber, Obmann der Südtiroler Freiheitlichen, denkt auch, dass seine Partei viele Stimmen an Köllensperger verloren hat, wie er gestern auf dem Bozner Landhausplatz erklärte. „Anfangs dachten wir noch, dass viele Wähler zur Lega gegangen sind“, im Laufe des Morgens habe sich dies aber relativiert. Den „Köllensperger-Effekt“, wie Leiter Reber das Phänomen getauft hat, erklärt er sich dadurch, dass Paul Köllensperger „keine kritischen Themen angesprochen hat“. Auch Ulli Mair, Freiheitlichen-Urgestein und für die Partei bereits zum vierten Mal in den Landtag, glaubt, dass der politische Kontrahent es „geschickt gemacht hat und für nichts eingestanden ist“. Immer wieder war Köl­lensperger bereits im Wahlkampf vorgeworfen worden, dass er große, heikle Themen auslasse, um sich nicht die Finger zu verbrennen. Das lässt dieser aber nicht gelten: „Was sind schon die großen Themen? Wolf, Bär, Doppelpass? Diese ,Reizthemen‘ überlasse ich den Schreihälsen.“

Lega-Erfolg lässt viele verdutzt zurück

Gestern Vormittag, gegen 9 Uhr unter den Lauben der Südtiroler Landeshauptstadt. Langsam kehrt Leben ein. Darauf angesprochen, ob sie das Wahlergebnis so erwartet hätten, verneinen viele Bozner. Eine schwächere SVP hätten sich einige verhofft, die anderen dem „Team Köllensperger“ nie so viele Stimmen zugetraut. Aber besonders das starke Ergebnis der rechts­populistischen Lega lässt viele verdutzt zurück.

Auch Brigitte Foppa, Spitzenkandidatin der Südtiroler Grünen – ihre Partei hat „haarscharf“ das dritte Mandat retten können. Bald würde ein rauer Ton im Landtag Einkehr halten, der Foppa „schockiert“. Als Politikerin, aber vor allem als Bürgerin.

Wenig stören dürften dies­e Sorgen Massimo Bessone, Spitzenkandidat der Lega. Er freue sich über den Zuspruch der Italiener im Land. „Aber auch viele Deutsche und Ladiner haben uns gewählt“, ist er überzeugt. Jetzt gehe es an die Sondierungsgespräche, es sei aber nicht erstrangig, in der Regierung zu sitzen, sagt Besson­e: „Wenn wir regieren sollten, dann nur, wenn wir auch die Ideale der Lega behalten dürften.“

Paul Köllensperger wird hingegen auf der Oppositionsbank Platz nehmen, will seine Liste aber weiterentwickeln und künftig auch für Italiener interessanter machen. „Das war erst der Anfang“, sagt er auch mit Blick auf die nächste­n Wahlen. Ob dies ein­e Drohung an die anderen Parteien sei? „Ja.“

Debakel für die deutschen Rechts-Parteien

Eine kräftige Watsch’n, ein Debakel, eine Abfuhr – viele Bezeichnungen des Wahlergebnisses der deutschen Südtiroler Rechtsparteien kursierten gestern. „Ein Desaster“, nannte es Andreas Leiter Reber, Obmann der Südtiroler Freiheitlichen. Knapp 12 Prozentpunkte hat seine Partei beim Urnengang am Sonntag insgesamt verloren, ist von 18 Prozent bei der Wahl im Jahr 2013 auf 6,2 Prozent abgestürzt. In manchen ländlichen Gegenden, etwa einigen Gemeinden des Pustertales, ging der Wähler­zuspruch gar um mehr als 20 Prozent zurück.

Gründe für den extremen Absturz gibt es laut dem Obmann viele. Einerseits sei es die Verwicklung in einen Rentenskandal gewesen, andererseits „interne Querelen, die nach außen getragen wurden“. Personelle Konsequenzen will Leiter Reber, welcher der Partei seit anderthalb Jahren vorsteht, nicht ziehen. „Die haben die Wähler bereits am Sonntag gezogen.“

Von sechs auf nur zwei Landtags-Mandate stürzten die Freiheitlichen ab. Neben Leiter Reber wird Partei-Urgestein Ulli Mair wieder im Landes-Parlament sitzen. Sie glaubt, dass „die Botschaft bei uns angekommen ist“.

Mit zwei statt drei Mandaten muss sich die Süd-Tiroler Freiheit begnügen. Einen Grund für den Verlust von 1,2 Prozentpunkten sieht Spitzenkandidat Sven Knoll in der gesunkenen Wahlbeteiligung, wie er gegenüber dem Süd­tiroler Online-Medium stol.it gestern sagt. Außerdem säßen eben „mehr Italiener im Landtag.“

Komplett aus dem Parlament ausgeschieden ist hingegen die Bürger-Unio­n, die in der vergangenen Legislatur mit Andreas Pöder einen Mandatar gestellt hat.