Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 02.11.2018


Tirol

Tiroler Lehrling droht Abschiebung: „Wo leben wir eigentlich?“

Wirtschaftskammerchef Bodenseer kritisiert erneut Flüchtlingspolitik der Regierung. Für Dekan Franz Neuner ist es Zeit, dagegen aufzustehen.

Bodenseer (l.) fordert humanitäre Lösung für Lehrlinge. Dekan Neuner appelliert, gegen Flüchtlingskurs der Regierung aufzustehen.

© Rottensteiner, BöhmBodenseer (l.) fordert humanitäre Lösung für Lehrlinge. Dekan Neuner appelliert, gegen Flüchtlingskurs der Regierung aufzustehen.



Innsbruck, Breitenwag – Der eine ist Wirtschaftskammerpräsident und prominenter ÖVP-Politiker, der sein Amt in zwei Wochen abgibt. Der andere gilt kirchenintern als jemand, der sich nicht scheut, Missstände anzuprangern. Besonnen und sachlich. Eines verbindet derzeit Jürgen Bodenseer und den Dekan von Breitenwang, Franz Neuner: die Kritik an der Flüchtlings- und Migrationspolitik des Bundes.

Der Wirtschaftskammerpräsident fordert schon seit Wochen eine Ausnahmeregelung für Asylwerber, die eine Lehre begonnen haben, aber einen negativen Asylbescheid erhalten haben. Sie müssen trotz Lehre das Land verlassen, die türkis-blaue Bundesregierung ist hier nicht verhandlungsbereit. Rund 1000 Migranten absolvieren derzeit eine Lehre, rund 300 von ihnen wurde bisher der Antrag auf internationalen Schutz abgelehnt. Erneut macht sich Jürgen Bodenseer für einen Hotellehrling im Tiroler Unterland stark, obwohl „die rechtliche Lage fast chancenlos ist“, wie er betont.

Wie der Betreuer des 18-jährigen Afghanen schreibt, hat dieser nicht nur herausragende Kenntnisse in Deutsch erlangt, sondern der junge Mann schloss auch die Hauptschulprüfung mit positivem Erfolg ab. Seitdem absolviert er in einem Hotel die Lehre als Restaurantfachmann. Zur vollsten Zufriedenheit seines Arbeitgebers und der Gäste. In der Heimat hat er keine Familienangehörige, auch in zweiter Instanz wurde sein Asylantrag abgelehnt.

Die Wirtschaftskammer wird dem Afghanen trotz geringer Erfolgsaussichten Rechtsbeistand für den Gang zu den Höchstgerichten gewähren, für Bodenseer geht es aber um ganz etwas anderes: „Wenn sich Flüchtlinge, noch dazu Jugendliche, bestens integrieren, die Schule abgeschlossen haben, in einer Lehre Geld verdienen und Steuern zahlen, dann ist es für mich unverständlich, solche Menschen mit für mich nicht nachvollziehbaren Verordnungen abzuschieben.“ Dass dies auch noch von den Ministern in Wien unterstützt werde, kann Bodenseer nicht verstehen. „Wo leben wir eigentlich und was reden wir groß von Lehre und Facharbeitermangel?“

Dass Österreich den UNO-Migrationspakt nicht unterzeichnet, kann indessen der Breitenwanger Dekan Franz Neuner ganz und gar nicht verstehen. Bei der gestrigen Gräbersegnung erinnerte er an den im KZ Flossenbürg hingerichteten evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Es sei Zeit, dem Rad in die Speichen zu fallen, sagte er im Zusammenhang mit der Migrationspolitik des Bundes. Er appellierte an die Anwesenden, Haltung zu zeigen und aufzustehen. (pn, hm)