Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.11.2018


Bezirk Kufstein

Aus Kufsteiner Asylheim wird Winter-Notschlafstelle

Die Tiroler Sozialen Dienste eröffnen in Kufstein bereits in einer Woche eine temporäre Schlafstelle für Wohnungslose. Asylunterkünfte beim ehemaligen Kasernenareal sollen dafür teilweise adaptiert werden.

© HrdinaAuf zwei Stockwerken in den Asylunterkünften finden Obdachlose ab 15. November eine Schlafgelegenheit für die kalte Jahreszeit.



Von Jasmine Hrdina

Kufstein – Tagsüber zeigt sich der Herbst noch mild und sonnig, nachts aber fallen die Temperaturen bereits auf eisige drei Grad und machen deutlich: Der nächste Winter kommt bestimmt. Das stellt speziell jene vor eine Herausforderung, die sich dann nicht in geheizten Wohnräumen in kuschelige Betten verkriechen können. 300 Personen suchen regelmäßig den Kontakt zum Innsbrucker Verein für Obdachlose – die Dunkelziffer der Wohnungslosen dürfte aber weit höher liegen. Der Bedarf an temporären Schlafplätzen ist größer als das derzeitige Angebot, ist man sich bei den Tiroler Sozialen Diensten (TSD) sicher. Und das gelte speziell für ländlichere Gegenden. Diesen Eindruck erweckt auch die Statistik der 2017 neu eröffneten Notschlafstelle in Lienz: 299 Männer und 37 Frauen haben dort im vergangenen Winter Schutz gesucht.

Wie berichtet, wollen die TSD deshalb ihr Angebot an Winternotschlafstellen auch abseits der Landeshauptstadt ausbauen. Neben zwei weiteren Standorten in Innsbruck soll es auch in Imst und Kufstein Herbergen dieser Art geben. In der Festungsstadt wird dieser Plan bereits in wenigen Tagen umgesetzt. Ein Teil der Asylunterkunft neben dem ehemaligen Kasernenareal soll ab 15. November als Winternotschlafstelle für Obdachlose fungieren. Zwei Stockwerke der beiden Gebäude in der Karl-Schurff-Straße werden dazu adaptiert, erklärt die Winternotschlafstellen-Koordinatorin der TSD, Anna Gutmann, auf Nachfrage der TT.

Die in diesem Bereich wohnhaften Asylwerber werden in neu angemietete Häuser im Zentrum umgesiedelt. In der neuen Not-Einrichtung haben akut wohnungslose Männer und Frauen dann die Möglichkeit, zu duschen und ihre Wäsche zu waschen, sie bekommen warme und kalte Mahlzeiten und ein Bett. Der Einlass findet zwischen 18 und 21 Uhr statt, bis 8 Uhr früh dürfen sich die Klienten dann dort aufhalten. Die Winternotschlafstelle soll bis Mitte April geöffnet sein.

Insgesamt werden in der Kufsteiner Notschlafstelle 20 Personen Platz finden. Mit einer Vollauslastung rechne man aber nicht – ähnlich wie in Lienz erwartet man laut Gutmann drei bis fünf Nutzer pro Tag. Im Vergleich zu Innsbruck, wo im Winter bis zu 100 Menschen Unterschlupf finden, ist dies immer noch eine kleine Einrichtung. Und solche hätten sich bewährt, wie Michael Hennermann, Obmann des Vereins für Obdachlose, betont. „Wo viele Menschen auf engem Raum sind, kann es zu Konflikten kommen“, so Hennermann. Dass in Kufstein auch Asylwerber mit oft kulturell unterschiedlichen Hintergründen wohnen, bezeichnet er vorsichtig als „Herausforderung für das Betreuungsteam“. Auch in der Innsbrucker Tageseinrichtung des Vereins, der „Teestube“, funktioniere das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen „mal besser, mal schlechter“. Grundsätzlich setze man dort auf Deeskalation durch Gespräche. Ob es in der Kufsteiner Winternotschlafstelle einen eigenen Sicherheitsdienst vor Ort brauche, wolle man noch diskutieren, so Gutmann.

Hennermann begrüßt in jedem Fall das neue Angebot in Kufstein. „Der Bedarf ist auch abseits von Innsbruck gegeben, nur wurde er bisher nicht gesehen, weil man die Leute bewusst nach Innsbruck geschickt hat. Es gab ja nur dort Einrichtungen.“ Er selbst habe die Notwendigkeit – auch von weiteren Sozialberatungsstellen in den Bezirken – schon mehrmals „als dringenden Rat beim Land deponiert.

Dass eine temporäre Unterkunft alleine nicht ausreicht, weiß man auch bei den TSD. „Wir bekämpfen hier nur ein Symptom, nicht die Ursache. Wir befinden uns in dieser Angelegenheit noch in den Babyschuhen“, sagt Gutmann und kündigt Vernetzungsgespräche mit Sozialeinrichtungen im Unterland an.

Auch Kufsteins Bürgermeister Martin Krumschnabel ist froh über das soziale Angebot. Die geschätzten Kosten von (100.000 Euro bei Vollauslastung, derzeit rechnet man aber nur mit 10.000 Euro) teilen sich nach ersten Angaben Land (65 %) und Stadt Kufstein. Wobei der Stadtchef alle umliegenden Gemeinden im Bezirk auffordert, sich an der Finanzierung zu beteiligen. „Es werden nicht nur Menschen aus Kufstein kommen. Hier geht es auch nicht um den Betrag, sondern um die Anerkennung“, findet Krumschnabel klare Worte.