Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 10.11.2018


Innsbruck-Land

Frische Ideen für den Ortskern Thaur

Ein „Gestaltungskreis“ aus Thaurer Bürgern bringt sich seit heuer in die Entwicklung des Ortszentrums ein – nur einer von mehreren neuartigen Ansätzen in der Dorfgestaltung.

© Gemeinde ThaurIhre Mission ist ein schöneres Dorf – die Mitglieder des Thaurer Gestaltungskreises mit Bauamtsleiter Josef Gost-ner, Bürgermeister Christoph Walser, GR Christoph Niederhauser (v. l.), GV Romed Giner (5. v. l.) und Architekt Peter Knapp (4. v. r.) vor dem Brunnen bei der Stanglkreuzung.Foto: Gemeinde Thaur



Von Michael Domanig

Thaur – Im Gegensatz zu vielen anderen Tiroler Gemeinden verfügt Thaur noch über einen kompakten historischen Ortskern mit viel wertvoller Bausubstanz. Dass sich die Gemeinde seit einiger Zeit vertieft mit ihrem „Herzstück“ beschäftigt, liegt also nahe. Ausgangspunkt waren Überlegungen im Raumordnungsausschuss, wie Bauamtsleiter Josef Gostner erklärt. „Bei einer Begehung hat sich gezeigt, dass im Ortskern noch viel Platz für neue Häuser und Wohnungen ist. Das Problem könnte aber sein, dass dadurch die typische Dorfstruktur gefährdet wird.“

Als ersten Schritt hat der Gemeinderat daher schon im Mai 2017 einstimmig eine erweiterte Schutzzone im Ortskern beschlossen. Für alle geplanten Neu-, aber auch Umbauten in dieser „Dorferhaltungskernzone“ sind die Erlassung eines Bebauungsplanes und die Begutachtung durch einen Architekten obligatorisch. Die Gemeinde hat dafür Peter Knapp verpflichtet, einen Experten für die Erhaltung alter Bausubstanz, der u. a. 14 Jahre lang die Ortskern-Revitalisierung in Silz betreut hat.

Allen, die im Ortszentrum bauen oder umgestalten wollen, bietet die Gemeinde eine Gratis-Beratung mit dem Fachmann an, er soll gestalterische Kniffe und Möglichkeiten aufzeigen. „Dieses Angebot wurde viel positiver angenommen als erwartet“, freut sich Knapp. Bisher habe es rund 15 Beratungen zu kleinen und größeren Bauvorhaben gegeben, von Fassadenanpassungen über Dachbodenausbau bis zur Revitalisierung von Altbauten. „Dabei haben wir Lösungen gefunden, die für alle Seiten bereichernd sind.“ Man suche immer den Konsens mit dem Bauherrn, „bisher gab es noch keine Situation, wo wir etwas verbieten mussten“. Ziel sei es, die Bürger für ihre Wohnumgebung zu sensibilisieren, sagt Gostner: „Sie sollen von sich aus erkennen, was es verträgt und was nicht.“

Um den öffentlichen Raum im Ortskern zu verschönern, hat die Gemeinde zudem einen „Gestaltungskreis“ ins Leben gerufen. Auf Initiative von Gemeindevorstand Romed Giner, Obmann des Raumordnungsausschusses, konnten dafür neun Vertreter aus der Bevölkerung gewonnen werden, die schon seit März ihre Ideen einbringen. Die Vorschläge des – bewusst unpolitischen – Gremiums werden dem Gemeinderat vorgelegt, der dann darüber befinden muss.

Einiges wurde bereits realisiert: So haben Thaurer Jugendliche die Blumeninseln vor dem neuen Jugendtreff am Dorfplatz in Eigenregie bepflanzt, der Brunnenbereich an der Stanglkreuzung wurde neu gestaltet, der Wildwuchs bei Hinweisschildern beschnitten. Innsbrucker HTL-Schüler haben als Abschlussprojekt die schmucken Fassaden in der Bauerngasse vermessen und aufwändig in eine maßstabsgetreue Totalperspektive übertragen. „So lässt sich nun der gesamte Straßenzug, das große Ganze, mit einem Blick erfassen – eine gute Unterlage und Argumentationshilfe für das Bauamt“, sagt Knapp.

Weitere Maßnahmen sind schon beschlossen – etwa die Umgestaltung der langen, hohen Schindelmauer beim Kindergarten oder die Öffnung des Platzes vor dem Klösterle als Rastplatz.

BM Christoph Walser sieht im Gestaltungskreis „lebendige Bürgerbeteiligung. Wir nehmen die Ideen ernst und wollen möglichst viele davon umsetzen.“

Eines der nächsten Vorhaben ist eine Umfrage unter den Thaurer Frauen. „Anregungen von Frauen werden bei baulichen Fragen oft zu wenig berücksichtigt“, meint Knapp. Daher wolle man die Thaurerinnen nun bitten, ihre Perspektiven einzubringen: „Wie könnten öffentliche Bereiche schöner gestaltet werden? Was seht ihr, was Männer vielleicht übersehen?“ Vorschläge können auch direkt an Gitti Plattner und Brigitte Giner, zwei Mitglieder des Gestaltungskreises, geschickt werden (gitti.plattner@holzbau-fischler.at bzw. brigitte.giner@gmx.at).

Hohe Priorität hat mehr Grün im Ortszentrum – wobei man künftig auf Bepflanzungen mit Wildblumen, Gräsern oder Kräutern setzen will, die „mehr dem Dorfcharakter entsprechen“. Angedacht ist auch, dass Gemeindebürger öffentliche Grünbereiche im Sinne einer Patenschaft auf Zeit betreuen könnten. Und wer Straßenränder – als „Grenzflächen“ von öffentlichem und privatem Raum – in Absprache mit der Gemeinde neu gestaltet, soll finanziell unterstützt werden.

Auch sonst sprüht der Gestaltungskreis vor Ideen: Die Schulgasse samt Dorfplatz soll gestalterisch optimiert, der Plastikmüll im Dorf reduziert werden. Thaurer Kunstschätze will man von den Dachböden ans Licht holen, einen eigenen Thaurer „Festtag“ organisieren. Ziel sei letztlich „einfach ein schöneres Dorf“, sagt Bauamtsleiter Gostner. Wer sich einbringen möchte, solle sich einfach bei der Gemeinde melden.