Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 10.11.2018


Landespolitik

Aus dem Schrecken auch Mut fassen

Vertreter des Landes Tirol, angeführt von LH Günther Platter, besuchten diese Woche Israel. Tirol setzte ein deutliches gesellschaftliches und politisches Zeichen: gemeinsam erinnern, gemeinsam mahnen.

© Land Tirol/KurzthalerDie Halle der Namen in Yad Vashem ist die Gedenkstätte des jüdischen Volkes für jeden Juden, der im Holocaust ermordet wurde. In ihren Todes-Geschichten breiten sich die gesamten Gräuel der Nazi-Zeit aus.



Von Peter Nindler

Tel Aviv, Jerusalem — 1999 wurde der 2013 verstorbene Altbischof Reinhold Stecher vom damaligen israelischen Oberrabbiner Lau ins Heilige Land eingeladen. Weil Stecher ein Umdenken bewirkt, die Wiedererrichtung der Synagoge in Innsbruck maßgeblich unterstützt und das christlich-jüdische Komitee gegründet hat. Herausgekommen ist ein gegenseitiges, viel besseres Verständnis von Juden und Christen in Tirol, wie die langjährige Präsidentin der Kultusgemeinde, Esther Fritsch, sagt.

Gemeinsamer Auftrag: Olivier Dantine, Hermann Glettler, Günter Lieder und LH Günther Platter bei einem Dankgebet vor der Grabeskirche.
- TT

Dass Vertreter des Landes mit LH Günther Platter an der Spitze diese Woche gemeinsam mit ihrem Nachfolger Günter Lieder, Diözesanbischof Hermann Glettler und dem evangelischen Superintendenten Olivier Dantine Israel nicht nur besucht, sondern im Gedenken an 80 Jahre Pogromnacht eine verantwortungsvolle Erinnerungskultur gelebt haben, ist deshalb nicht außergewöhnlich. Aber auch nicht selbstverständlich. Für Lieder war es etwa eine Vollendung der positiven Entwicklungen der vergangenen Jahre. „Ein Höhepunkt der guten Zusammenarbeit in Tirol."

In Jerusalem, das wie keine andere Stadt als Zentrum von Juden, Muslimen und Christen den Widerspruch symbolisiert, den Nahost-Konflikt in einem Umkreis von nur wenigen Metern erlebbar macht und mit der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem an die sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden erinnert, setzte Tirol ein deutliches gesellschaftliches und politisches Zeichen: gemeinsam erinnern, gemeinsam mahnen, Verantwortung tragen und Respekt füreinander zeigen.

346 Mitglieder zählte die Israelitische Kultusgemeinde Tirol und Vorarlberg 1938, bevor diese vertrieben oder ermordet wurden. Ihre Geschichten sind Teil der unzähligen in Yad Vashem. Vor dem heutigen offiziellen Pogromgedenken im Landhaus konnte die Tiroler Delegation, der auch Landtagspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann, LHStv. Ingrid Felipe, LR Beate Palfrader, Schützenkommandant Fritz Tiefenthaler und Seefelds Bürgermeister Werner Frießer angehörten, ihr Schicksal sprichwörtlich bildlich spüren.

Im „Garten der Gerechten unter den Völkern“ wurde in Yad Vashem auch für elf Tiroler ein Baum für ihren Mut in der dunkelsten Zeit gepflanzt.
- TT

Yad Vashem möchte den Opfern Namen geben und sie damit ins Bewusstsein der Nachwelt rufen. In der „Halle der Namen" stehen 4,7 Millionen davon, jene von 1,3 Millionen getöteter Juden konnten noch nicht zugeordnet werden. So wurden sie nicht nur physisch von den Nazis ermordet. Für Ingrid Felipe war es wie für die anderen fast kaum noch auszuhalten, „doch neben der großen Traurigkeit spürt man zugleich Hoffnung". Weil sich Menschen trotzdem zur Wehr gesetzt haben.

Draußen im „Garten der Gerechten" wurde deshalb auch für elf Tiroler ein Baum gepflanzt. Unter Einsatz ihres Lebens haben Wanda Bottesi, Anton Dietz, Karl Dickbauer, Lambert Grutsch, Erwin Lutz, Rudolf Moser, Wolfgang Neuschmidt, Maria Petrykiewicz, Anton und Antonia Viehböck sowie Maria Stocker geholfen.

Platter empfand ebenfalls große Betroffenheit und den notwendigen Auftrag, daran zu erinnern. „Wir müssen wachsam sein und den Generationen, die keinen Bezug mehr dazu haben, das alles weitervermitteln." Das Land will in diesen Tagen bewusst einen Bogen von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft spannen. Deshalb sprach Bischof Glettler von einer „kostbaren Reise". Yad Vashem wirkte nach, „weil es einfach unvorstellbar ist, dass Menschen anderen Menschen das Mensch-Sein abgesprochen haben". Er appelliert, auf die Gegenwart, „in der es gefährliche Tendenzen von Polarisierungen gibt", kritisch hinzuschauen und Zivilcourage zu zeigen. Ein Auftrag, der mit vielen anderen gesellschaftlichen Kräften auch den Kirchen gelte, fügt Dantine hinzu.

Die gemeinsamen Stationen der Studien- und Bildungsreise sollen ein wichtiger Mosaikstein für die Zukunft sein. Heute Samstag ab 18 Uhr ist die Bevölkerung im Innsbrucker Landhaus aber noch einmal zu einem Rückblick „Gemeinsames Erinnern und Gedenken an den Novemberpogrom 1938" eingeladen.