Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 19.11.2018


Landespolitik

330 Medizin-Absolventen, Gerangel um Spitalsplätze

Tirols Krankenhäuser würden zu wenig Ausbildungsplätze für junge Mediziner zur Verfügung stellen. Das Land verweist auf die Kosten.

© Keystone



Von Anita Heubacher

Innsbruck – In den letzten Jahren haben das Land und die Gemeinden viel Geld in die Hand genommen, um Ärzte im Land zu halten. Das Abwanderungsszenario war bei den Gehaltsverhandlungen mit den Dienstgebern ein As im Ärmel seitens der Ärztevertretung. Am Ende wurden die Gehälter der Spitalsärzte angehoben, mehr Stellen mussten in den Krankenhäusern geschaffen werden, weil das Ärztearbeitszeitgesetz die wöchentliche Arbeitszeit limitierte. 120 neue Stellen waren das allein bei den Tirol Kliniken.

Nun baut sich ein neuer „Flaschenhals“ auf, der wiederum den Zug von Jungmedizinern ins Ausland beflügeln könnte. „Wir produzieren mit heuer 330 Absolventen genügend Mediziner, aber es fehlt an Ausbildungsplätzen an den Spitälern“, erklärt Peter Loidl, Vizerektor für Lehre und Studienangelegenheiten an der Medizin-Universität in Innsbruck. Lange Wartezeiten würden Jungmediziner nicht auf sich nehmen und sie eher ins Ausland treiben.

1300 Absolventen bringen heuer die Medizin-Universitäten in Österreich hervor. 700 Basisausbildungsplätze stünden ihnen laut Loidl zur Verfügung. Der Flaschenhals ist also ein österreichweites Phänomen. „Wobei die Wartezeiten in Innsbruck noch relativ moderat sind. In Wien warten Jungmediziner sechs bis acht Monate.“ Ohne die neunmonatige Basisausbildung geht es nicht, sie ist für angehende Fachärzte und Allgemeinmediziner Pflicht. Loidl ortet den „hohen Spardruck der Spitäler“ als Hauptgrund, warum es an Ausbildungsplätzen fehlt.

Der Präsident der Ärztekammer, Artur Wechselberger, geht mit der Landespolitik und den Bürgermeistern als Spitalsträger härter ins Gericht. „Die Plätze könnten jederzeit geschaffen werden. Das muss doch auch im Interesse der Bürgermeister und des Landes sein, Allgemeinmediziner und Fachärzte auszubilden.“ Die Ausbildung eines Frischabsolventen sollte doch leistbar sein, meint Wechselberger. „Die Zurückhaltung verstehe ich nicht.“ Er, Wechselberger, habe fast den Eindruck, „als würden die Bürgermeister lieber um fertige Fachärzte betteln“.

ÖVP-Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg verweist auf die schwierige Ausgangslage. Durch das Ärztearbeitszeitgesetz hätten die Häuser nachjustieren müssen. „Die Lehrkrankenhäuser in Tirol bemühen sich sehr, die neue Ärzteausbildung umzusetzen und auf die besonderen Bedürfnisse der Jungmedizinerinnen und Jungmediziner einzugehen“, sagt Tilg. Er räumt allerdings ein, dass es zu einer besseren Koordination und Abstimmung der unterschiedlichen Ausbildungsmöglichkeiten kommen müsse, wobei auch künftig die Ausbildung in Lehrpraxen einzubeziehen sei. Tilg plant daher, eine Koordinationsstelle einzurichten.

Ebendie sei im Aufbau, sagt Karen Pierer vom Zentrum für ärztliche Ausbildung an den Tirol Kliniken. „Es ist wichtig, genau zu schauen, wo es welche Ausbildungsplätze braucht und wo an den Häusern welche Ärzte fehlen.“ Die Stellenbesetzung könne nicht willkürlich erfolgen. Zwar gebe es über Planungsinstrumente des Bundes und des Landes eine grobe Absprache, diese gelte es jedoch noch zu verfeinern, meint Pierer.

Sie ortet bei den Jungmedizinern seit der Gehaltsanpassung wieder mehr Interesse, im Land zu bleiben. „Dadurch gibt es auch mehr Konkurrenz beim Ergattern der Ausbildungsplätze.“ Überdies müsse die Qualität der Ausbildung passen. Und um diese zu gewährleisten, brauche es auch eine gewisse Anzahl von Patienten in den Spitälern.

Die Österreichische Ärztekammer hat unlängst die Ergebnisse einer Befragung unter Jungmedizinern in Wien präsentiert. Häufigste Kritikpunkte: Die Ausbildner hätten zu wenig Zeit, es fehle ein Ausbildungskonzept und das nötige Feedback. Außerdem würden Jungmediziner zu stark mit Administrations- und Dokumentationsaufgaben belastet.