Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 25.11.2018


Tirol

Diskriminierung gehört zum Alltag behinderter Jugendlicher

Bei der ersten gemeinsamen Sitzung der Monitoringausschüsse Tirols und des Bundes geht es um die Situation behinderter Jugendlicher. Ebenfalls neu: Betroffene werden miteinbezogen.

© Vanessa RachleBis hierher und nicht weiter: Marcel und Laura haben nicht überall Zugang. Hindernisse gibt es viele und nicht nur bauliche, wie in diesem Fall ein Stiegenaufgang ohne Rampe.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – „Ich mache eine ganz normale Lehre.“ Eine gewöhnliche Feststellung, aber bedeutend für die 17-jährige Laura. Und besonders, weil der Zugang zu Ausbildung nicht für alle junge Menschen selbstverständlich ist. „Arbeit ist ein Menschenrecht“ und „Jugendliche mit Behinderung haben die gleichen Rechte wie Jugendliche ohne Behinderung“ steht deshalb auf Schildern geschrieben, die Teilnehmer des Kinder- und Jugendbeteiligungsprojekts vor die Kamera halten.

Anlässlich der ersten Tagung eines Monitoring-Landesausschusses, der die Rechte von Menschen mit Behinderung überwacht, mit dem Unabhängigen Monitoringausschuss des Bundes am Dienstag haben sie gemeinsam einen Film gedreht. Darin wollen sie auf ihren Anspruch auf Teilhabe aufmerksam machen, der ihnen laut UN-Konvention als Menschenrecht zusteht, die Realität sieht aber anders aus.

Selbst entscheiden zu können, wo und mit wem man wohnt, Freundschaft, Partnerschaft, Barrierefreiheit und generell ein Umdenken der Gesellschaft im Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung sind wichtige Anliegen, sagt Petra Flieger, die das Beteiligungsprojekt leitet. Ziel sei es, bei der Suche nach Lösungen nicht über die Köpfe der Betroffenen zu entscheiden, sondern sie miteinzubeziehen. Die 20 Mitglieder wollen für sich selbst sprechen.

Schwerpunkte des Zusammentreffens mit 150 Teilnehmern werden die Situation der Jugendlichen und deren Diskriminierungserfahrungen sein. Laura aus Imst, die eine Ausbildung zur Bürokauffrau macht, hat dazu leider viel zu erzählen. Heute hat sie viele Freunde, für die es selbstverständlich ist, sich nur in barrierefreien Lokalen zu treffen. Aber das war nicht immer so.

„Ich habe mich oft ausgeschlossen gefühlt und mir gewünscht, meine Mitschüler würden die Möglichkeit nützen, mich näher kennen zu lernen. So war ich für viele nur das Mädchen im Rollstuhl.“ Auch die Frage einer Frau, weshalb sie so fröhlich sei, wo sie doch traurig sein müsste, gab ihr zu denken. „Das stimmt nicht, es muss nicht so sein“, sagt Laura. Mit ihrer Teilnahme am Monitoringprojekt will sie anderen Mut machen.

Marcel (17) wünscht sich, nicht so oft angestarrt zu werden: „Das passiert immer wieder, erst vor Kurzem im Bus. Ich bin höflich, deshalb habe ich zu der älteren Dame nichts gesagt.“ Sein großes Anliegen ist mehr Barrierefreiheit. „Meine Freundin hat einen Rollstuhl, leider fehlen bei Treppen oft die Rampen.“ Der Jugendliche aus Kolsassberg absolviert am Lachhof in Volders ein Projekt des Aufbauwerks der Jugend, ein Jobtraining. „Ich würde gerne in einem Büro arbeiten, als Gemeindearbeiter oder als Disponent. Am normalen Arbeitsmarkt sind Menschen mit Beeinträchtigung leider oft nicht erwünscht.“

Beide Jugendliche wollen keine Sonder-, sondern Gleichbehandlung. Laura: „Was nützt es mir, wenn ich im Zug wegen der Breite des Rollstuhls in der ersten Klasse fahre, wenn meine Freunde in der zweiten sitzen, weil sie es sich nicht leisten können?“ Oft stößt sie auf Hindernisse wie, dass es bei Festivals keine barrierefreien WCs gibt. Wirklich schlimm, aber wahr, dass früher einmal eine Mitschülerin sagte, sie sei gezwungen, bei der Klassenreise mit Laura ein Zimmer zu teilen. „Da bin ich lieber daheimgeblieben. Ich will bei Menschen sein, die mich gern dabeihaben!“

Das Projekt wurde gemeinsam mit Landesschulrat und Kinder- und Jugendanwaltschaft ins Leben gerufen. Ziel des Monitoringausschusses sei es, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen und auch Gesetze zu ändern sagt dessen Leiterin Isolde Kafka. Laura: „Wer sie liest, denkt sich, so tät sich’s gehören. Aber das Wichtigste wäre, es einfach zu tun!“