Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 04.12.2018


Tirol

NS-Zeit: „Mythen überdeckten die Rolle der Tiroler Schützen“

Der Tiroler Schützenbund hat die Stellung der Schützen in der NS-Zeit aufgearbeitet. Sie waren Spiegelbild der Gesellschaft und wurden nicht verboten, sondern für Propagandazwecke gefördert – aber auch missbraucht.

© Tiroler Landesmuseum FerdinandeuAuch die Jungschützen standen stramm, als Adolf Hitler die Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck besuchte.



Von Peter Nindler

Innsbruck – Zu viele Mythen ranken sich um die Schützen während der Nazi-Diktatur. Der Historiker Michael Forcher hat jetzt mit seiner Forschungsarbeit „Die Tiroler Schützen in der NS-Zeit 1938–1945“, die in den nächsten Tagen in Buchform erscheint, die damals 18.000 Schützen aus einem Glassturz einer verdrängten Geschichte geholt. Sie waren nicht verboten, nicht nur Teil des gesellschaftlichen Systems, sondern auch Stützen des NS-Regimes. „Weil sie, straff gelenkt, ein wichtiges Instrument der Parteipropaganda waren“, wie Forcher erklärt. In seiner Dokumentation stützt er sich nicht nur auf vorhandene historische Quellen, sondern gleichermaßen auf wissenschaftliche Arbeiten wie auf jene des Zeithistorikers Horst Schreiber „Die Machtübernahme. Die National­sozialisten in Tirol 1938/39“ oder auf Nikolaus Hagens Dissertation „Kultur- und Identitätspolitik im Gau Tirol-Vorarlberg 1938 bis 1945“.

Verwertbares Material von den Schützenkompanien selbst erhielt Forcher nur wenig, großen Aufschluss geben allerdings viele Berichte aus den Innsbrucker Nachrichten. Der Bund der Tiroler Schützenkompanien unter Landeskommandant Fritz Tiefenthaler hat Forcher 2013 den Forschungsauftrag erteilt. Es ist Tiefenthaler, der mit „immer wiederkehrenden Mythen, Erzählungen und unvollständigen Berichten über die angebliche Rolle der Schützen in der Zeit des Nationalsozialismus“ aufräumen möchte: „Es gab die Tiroler Schützen während der NS-Zeit immer und überall. Sie waren nie verboten, sondern wurden gerfördert wie kaum zu einer Zeit vorher und nachhe­r.“

Anfang März 1938 standen sie noch unterm Kruckenkreuz für Kanzler Kurt Schuschnigg Spalier, am 5. April erwarteten die Schützen am Innsbrucker Hauptbahnhof schon Adolf Hitler.
- Stadtarchiv Innsbruck

Vielfach wurde die NS-Zeit aus dem Geschichtsbewusstsein der Schützenkompanien bei ihrer Wiedergründung nach 1945 bzw. in den 1950er-Jahren gelöscht oder sie manifestierte sich in einen bis vor Kurzem tradierten „Wir-waren-verboten-Opfermythos“. Die Schützen ließen sich vielmehr für Propogandazwecke der Nazis missbrauchen, „weil sie das Bild einer tiefen Verbundenheit der nationalsozialistischen Partei mit Heimat, Geschichte und Brauchtum vermittelten“, betont Forcher. Dazu kam die historische Klammer zum Freiheitskämpfer Andreas Hofer, der als leuchtendes Symbol deutscher Kraft und Stärke herhalten musste: „Parteigenossen, Schützen, Männer und Fraue­n! Erhebt Eure Hände zum Schwur und lasst uns Gelöbnis ablegen, dass wir so wie einst unsere Vorfahren Andreas Hofer, heute unserem Führer Adolf Hitler und seinem von ihm uns eingesetzten Gauleiter treu und gehorsam sein wollen“, hieß es in den Inns­brucker Nachrichten 1939.

Es ist die Parallelität zum Austrofaschismus von 1933/34 bis 1938 unter Engelbert Dolfuss oder später Kurt Schuschnigg. Die nach faschistischem Vorbild gegründete Einheitspartei, die Vaterländische Front, mit dem Kruckenkreuz spannte die Schützen ebenfalls vor ihren Karren. Und so ist die Geschichte skurril und aufschlussreich zugleich. Wenige Tage vor dem Anschluss folgten die Schützen am 9. März 1938 dem Aufruf von „Frontführer und Bundeskanzler“ Schuschnigg in Innsbruck, am 5. April nahmen die Ehrenkompanien bereits in „froher Erwartung des Führers“ in Innsbruck Aufstellung.

Schützenchef Fritz Tiefenthaler (l.) war treibende Kraft bei der historischen Aufarbeitung, Michael Forcher hat die NS-Geschichte aufgearbeitet.
- Saurer

Die Kompanien wurden laut Forcher vielfach in den NS-Reichskriegerbund eingegliedert und traten später in den von Gauleiter Franz Hofer gegründeten Standschützenverband ein. Nationalsozialistisch gesinnte Schützenhauptleute durften bleiben, andere Kommandanten wurden von Parteigenossen ersetzt. „Die Möglichkeiten, sich gegen dies­e Vereinnahmung zu wehren, waren wegen des ausgeübten Drucks, latenter und offener Drohungen und der allgemeinen Angst äußert gering“, analysiert Forcher. Nur wenig­e Fälle sind dokumentiert. Sein Resümee fällt unmissverständlich aus: „Man kann annehmen, dass die Schützen ein Spiegelbild der Gesellschaft waren, dass es Parteigenossen, Mitläufer der Nazis, Anhänger, Angepasste und dem NS-Regime gegenüber Distanziert­e gegeben hat.“ Und Tiefen­thaler fügt abschließend hinzu, dass sich eben auch Mitglieder von Schützenkompanien teils aus eigener politischer Überzeugung, teils getrieben durch den Zeitgeist, oft aber auch aus Mutlosigkeit und Unterwürfigkeit für das NS-Regime beteiligten.