Letztes Update am Di, 04.12.2018 06:35

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Aus alt wird neu: Schwarz-Grün einig bei Liften, Kritik bleibt

Das Seilbahnprogramm geht – modifiziert – in die Verlängerung, der Raumordnungsplan für Tourismus soll evaluiert werden.

© Land TirolZumindest Felipe, Platter und Tratter (v. l.) waren sich gestern einig: Der Kompromiss sei ein guter.



Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck – Über das Wochenende hatte es die Regierung plötzlich eilig. Nach Wochen des internen und externen Konflikts rund um die Neufassung des Tiroler Seilbahn- und Skigebietsprogramms (TSSP) wollte Schwarz-Grün noch unbedingt vor dem gestrigen Treffen der Seilbahnwirtschaft (siehe Artikel unten) eine Lösung präsentieren.

Letztendlich einigte sich Schwarz-Grün auf eine Mini-Reform. So wurde kurzerhand nicht der Begutachtungsentwurf, gegen den – je nach Sichtweise – 230 bis 300 Stellungnahmen eingegangen waren, beschlossen, sondern das bereits bestehende Programm fortgeschrieben. Bis Ende 2024. Erweitert um nur einige Punkte aus dem fallengelassenen Entwurf. Dazu zählt der Bau von Zubringerliften (ohne Talabfahrt) als skigebietsmäßige Erweiterungsoption. Zentral wird hierbei das Kriterium der Verkehrsentlastung sein. Kritiker sagen dazu: der Verkehrsverlagerung. Das Zustimmungsrecht der Gemeinde wurde auf eine Anhörung gestutzt. Die Ausdehnung der räumlichen Möglichkeiten für neue Skigebietserweiterungen wurde fallengelassen, weitere Positivkriterien (Arbeitsplätze) hinzugefügt. Und der Skitourenberg Gilfert (Hochfügen-Weer) soll nicht erschlossen werden – zumindest nicht dessen Gipfelregion, wird in den erläuternden Bemerkungen ausgeführt.

Für LH Günther Platter (VP) sind damit „alle im Regierungsprogramm enthaltenen Projekte möglich“. Von Neuerschließungen nehme die Regierung weiter Abstand. Während LR Johannes Tratter (VP) erneut darauf verwies, dass das TSSP lediglich die „Eintrittstüre in ein Behördenverfahren“ sei, betonte LHStv. Ingrid Felipe (Grüne), dass das überarbeitete Programm in der Lage sei, „den Naturschutz zu stärken“. Sie will zudem Seilbahnen in Tallage als öffentliches Nahverkehrsmittel ins Spiel bringen.

Über das TSSP hinaus will die Regierung nun auch eine „Taskforce“ einrichten, die sich der Entflechtung des touristischen An- und Abreiseverkehrs widmen soll. Die Zukunft des Tourismus soll eine Evaluierung und Weiterentwicklung des 2010 in Kraft getretenen, diesbezüglichen Raumordnungsplans nach sich ziehen, wie die Regierung gestern ankündigte.

Dem Selbstlob der Regierung folgte gestern die Kritik der Opposition und TSSP-Gegner quasi auf dem Fuß. Transitforumchef Fritz Gurgiser fehlen etwa Endausbaugrenzen: „Fortführen ist mutloses Bewahren der Belastungen.“ Für den WWF drücke sich die Regierung nur vor einer echten Reform und weiche das alte Programm auf, um neue Großprojekte leichter durchboxen zu können. Er verweist auf das gerichtlich abgelehnte Projekt Kappl-St. Anton. Auch das habe einst das TSSP anstandslos passiert. Politisch holten SPÖ und FPÖ zum Gegenschlag aus. Als Notlösung bezeichnete SP-Chef Georg Dornauer den Kompromiss, FP-Chef Markus Abwerzger bilanzierte gar: „Viel Lärm um nichts.“

Seilbahner-Obmann Franz Hörl: “Ab sofort wieder zurückschlagen“

Die Einigung der Landesregierung war gestern Abend auch eines der Themen beim „Treffpunkt Seilbahnen", dem traditionellen Saisonauftakt der Branche in Innsbruck. Laut Seilbahner-Obmann Franz Hörl habe man sich zuletzt in der Diskussion relativ ruhig verhalten, ab sofort werde man „wieder zurückschlagen, wenn sich manche auf unserem Rücken profilieren wollen".

Das zurückliegende Jahr sei eines mit vielen Höhen und Tiefen gewesen. Da steh­e etwa der letzte Rekordwinter mit 284 Mio. Beförderungen und einem Umsatz von 688,5 Mio. Euro zu Buche. Für den kommenden Winter wurden 280,7 nach zuletzt 264,7 Mio. Eur­o investiert, zusammen mit dem Tourismus seien es sogar 700 Mio. Euro. Die Ausgaben für neue Seilbahnen sanken deutlich von 134 auf 87 Mio. Euro, hingegen floss mehr in Beschneiung (67 Mio. Euro) und vor allem in Pistengerät­e, Gastronomie, Parkplätze und andere Infrastruktur (126,7 Mio. Euro).

Großes Lob spendete Hörl der Bundespolitik, etwa für das neue UVP-Gesetz, das neue Wasserrechtsgesetz oder das so genannte Aarhus-Paket. Es gebe genauer­e Regeln für die Rechte von NGOs, das geplante Bauverbot auf Gletschern über 2600 Metern (wäre das Aus für die Verbindung Ötzta­l — Pitztal gewesen) habe verhindert werden können. Neu kommen würden Standort­anwälte, besser wäre es laut Hörl aber gewesen, auf dies­e im Gegenzug für die Abschaffung der Umwelt­anwälte zu verzichten.

Dass die Verbindung von Kappl nach St. Anton gerichtlich gekippt wurde, sei ein „Black Friday" gewesen. Nach vier Tagen Verhandlung und 20 Minuten Paus­e habe man von den drei Richterinnen ein 12-seitiges Urteil bekommen. „Wenn das zeitlich so schnell möglich war, dann gibt es auch den Weihnachtsmann."

Hörl und Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser verwiesen auf die „enorme Bedeutung" von Seilbahnen und Tourismus für Wohlstand und Beschäftigung in ganz Tirol. Die Wirtschaft und freien Berufe in der Inntalfurche profitierten laut Studie sogar mehr als die Täler selbst. (va)