Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.12.2018


Exklusiv

Lärm als Grund für ein Bauverbot?

Seit eine Kinder-Reha neben der Autobahn bei Wiesing entstehen sollte, ist die Diskussion um die Lärm­belastung in Tirol wieder aufgeflammt. Das Transitforum fordert einen Baustopp in lärmbelasteten Gebieten.

© istock(Symbolfoto)



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Das könnte eng werden, wenn überall dort, wo in Tirol eine starke Lärmbelastung herrscht, nicht mehr gebaut werden dürfte.

Wie viel Dezibel man in Tirol aushalten muss, lässt sich sehr schön im Lärmkataster des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus unter www.lärminfo.at nachschauen. Dunkelviolett, und damit mit mehr als 75 Dezibel belastet, sind die Inntal- und die Brennerautobahn eingefärbt, die Lärmausläufer reichen in Städte hinein, aber auch auf Hanglagen hinauf. Separat dargestellt sind im Lärmkataster der Straßen-, Schienen- und Flugverkehr, aber auch, wie viel Lärm Industrieanlagen verursachen.

Viel Zeit, sich mit Lärm auseinanderzusetzen, hat der Chef des Transitforums, Fritz Gurgiser. Seit dem Sommer ist er in Pension und hat seinen Brotberuf an den Nagel gehängt. Als Aushängeschild des Transitforums ist er aber umtriebiger denn je. „Das ganze Land ist lärmgeplagt“, hat er vor Kurzem in Innsbruck festgestellt und einen Forderungskatalog auf den Tisch gelegt. Lärmschutz, also Einhausungen wie in Innsbruck, Wände, Dämme oder Wälle sowie Drain-Asphalt, das alles solle nach dem Verursacherprinzip finanziert werden. Bestehende Tempolimits gelte es lückenlos zu kontrollieren.

Jetzt haut Gurgiser noch einmal auf den Tisch. „Entlang ­aller hochgradig befahrenen und damit äußerst lärmbelasteten Straßen gehört ein Bauverbot verhängt“, sagt er. „Das trifft nicht nur Autobahnen, sondern auch Schnellstraßen, nicht nur das Inntal, sondern auch die Seitentäler.“ Auch Gurgiser ist klar, dass damit der ohnehin schon begrenzte Grund in Tirol noch einmal verknappt würde. „Ich fordere, einen Großteil der Autobahn einzuhausen und entlang der Bahn für einen effizienten Lärmschutz zu sorgen.“

Wenn das nicht gemacht werde, „gehört jede Besiedelung und Bewirtschaftung verboten“. Auch Arbeitnehmern sei eine Dauerlärmbelastung nicht zumutbar. „Das ist der Konflikt, entweder man erlässt ein Bauverbot oder sorgt für genügend Lärmschutz.“ Gurgiser ist beflügelt durch den Erfolg, den er und Mitstreiter vor Ort in Wiesing erzielen konnten. Dort hätte, wie berichtet, neben der Autobahn eine Kinder-Reha entstehen sollen. Nun denkt man trotz vorliegender Widmung darüber nach, den Standort zu verlegen. „Die Raumordnung gehört sofort geändert, dass solch ein Blödsinn gar nicht mehr möglich ist“, poltert Gurgiser.

Adressat ist ÖVP-Landesrat Johannes Tratter. Er verweist beim Ruf nach einem Baustopp in äußerst lärmbelasteten Zonen auf die Gemeindeautonomie. „Die Festlegung einer bestimmten Flächenwidmung liegt grundsätzlich im eigenen Wirkungsbereich einer Gemeinde. Sie erfolgt als Verordnung des Gemeinderates und ist einem aufsichtsbehördlichen Genehmigungsverfahren durch die Tiroler Landesregierung zu unterziehen.“ Eine Bebauung sei nur möglich, „wenn alle notwendigen raumordnungsrechtlichen und baurechtlichen Voraussetzungen gegeben sind“. Dies gelte auch in Bezug auf Lärm.

Die politische Zielsetzung sei, den für Wohnnutzung geeigneten, knapp vorhandenen Siedlungsraum bestmöglich nutzbar zu machen. „Durch die Festlegung bestimmter lärmmindernder Maßnahmen kann dies auch in Gebieten mit einer gewissen Lärmbelastung möglich sein“, sagt Tratter. „Sind die gewählten Maßnahmen hierfür nicht geeignet, können eine entsprechende Widmung und Bebauung nicht erfolgen.“

Unlängst bei der Lärmenquete des Landes als Referent aufgetreten ist der Wiener Stadtforscher Peter Payer. Einen Baustopp in äußerst lärmgeplagten Gebieten hält er für „einleuchtend“. Einen generellen Baustopp für alle Zeiten festzulegen, sei jedoch gewagt, sagt er. „Das ist ähnlich wie bei der Lawinenverbauung und beim Hochwasserschutz. Dort hat man auch in roten Zonen, die dann begradigt wurden, gebaut. Das ist ein Lernprozess, der jetzt gerade läuft“, meint Payer. Bei seinem Besuch in Tirol hat der Historiker „eine große Pfadabhängigkeit“ im Land festgestellt. Damit meint er, dass Straßen- und Schienenausbau nun einmal da sind, die Verkehrsentwicklung aber dafür Sorge trage, „dass die Folgen heute spürbar sind“.

Das Auto, früher als „Zeichen des Fortschritts, das jeder haben wollte“, gesehen, stehe zunehmend für Belastung. „Die Sensibilisierung für Lärm ist gestiegen, auch weil es lauter geworden ist. Außerdem gibt es zu wenig Ruhe-Räume.“ Das gelte in Tirol nicht nur in den Städten, sondern auch „bis in die Täler hinein“.

Moderne Städte würden den Autoverkehr zurückdrängen. „Es ist ein Konkurrenzkampf um den vorhandenen Platz geworden. Zwischen Auto­verkehr und Stadtbewohnern.“ Wien, Kopenhagen oder Amsterdam seien Vorreiter. „Es geht nicht darum, das Auto­fahren zu verbieten, sondern einen Mix zustande zu bringen.“ Kurze Wege sollten demnach zu Fuß oder mit den Rad zu bewältigen sein, öffentliche Verkehrsmittel den Wunsch nach Mobilität gewährleisten. „Das ist auch eine Generationenfrage. Ein Drittel der Jungen in Wien braucht und will kein Auto mehr.“

Payer appelliert an jeden Einzelnen: „Jeder ist nicht nur Opfer, sondern auch Lärmerzeuger, und als solcher geht es darum, mit Respekt dem anderen zu begegnen. Der Raum, in dem wir leben, ist nun einmal begrenzt.“