Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 23.12.2018


Exklusiv

Unter Strom – Energiezukunft am Prüfstand

Nach dem vorläufigen Ausbau-stopp des Kraftwerks Sellrain/Silz wird darüber debattiert, wie Tirol die Energiewende schaffen kann.

Im Kühtai plant die Tiwag ein Pumpspeicherwerk als zweite Oberstufe, die Speicherkapazität soll um 50 Prozent erhöht werden.

© Tiroler Tageszeitung / Thomas BIm Kühtai plant die Tiwag ein Pumpspeicherwerk als zweite Oberstufe, die Speicherkapazität soll um 50 Prozent erhöht werden.



Innsbruck – Für den Verwaltungsgerichtshof sind die Ausgleichsmaßnahmen für die Natureingriffe beim Ausbau der Kraftwerksgruppe Sellrain/Silz durch den Landesenergieversorger Tiwag zu unkonkret. Im Bereich des neuen Speicherteichs Längental mit einem Fassungsvermögen von 31 Millionen Kubikmetern gibt es einen erheblichen Verlust von Mooren und hochwertigen Lebensräumen. Tiwag-Vorstand Johann Herdina weist jedoch darauf hin, dass es bereits Optionenverträge für die geforderten Ausgleichsflächen von 2,5 Hektar gebe. Jetzt ist aber auch eine Debatte darüber ausgebrochen, wie die bis 2050 in Tirol angepeilte Energiewende ohne das Potenzial aus Wasserkraft überhaupt erreicht werden kann.

Während ÖVP-Wirtschaftsbundobmann und Wirtschaftskammervizepräsident NR Franz Hörl (VP) davon sprechen, dass damit ein Gericht „die grüne Energiezukunft Tirols“ kippt, kann der Präsident des Umweltdachverbands Franz Maier dieser Aussage nichts abgewinnen. „Nicht jeder Standort ist für ein Kraftwerk geeignet“, betont er. Der Umweltdachverband hat gemeinsam mit der Gemeinde Neustift sowie dem österreichischen und deutschen Alpenverein den positiven Umweltbescheid beim Verwaltungsgericht erfolgreich bekämpft.

Mit Blick auf die Strategie „Tirol 2050“ bleibt Hörl bei dem „fatalen Signal“. „Schließlich wissen wir, dass das Ziel der Energieautonomie nur mit einem Ausbau der Wasserkraft-Ressourcen erreichbar ist. Dahingehend ist die Entscheidung eine wahre Hiobsbotschaft.“ Zur Zielerreichung sei man davon ausgegangen, dass 30 Prozent mehr Strom aus eigenen Wasserkraftwerken und Photovoltaikanlagen gewonnen werden und der Energiebedarf bei wachsender Bevölkerung und Wirtschaft zugleich um 50 Prozent reduziert werden könne. „Die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes steht dieser Vision diametral gegenüber“, kritisiert Hörl.

Als möglichen Rettungsanker bezeichnet Hörl das neue Standortentwicklungsgesetz, das eine raschere Abwicklung von Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP-Verfahren) bei standortrelevanten Projekten vorsieht. „Dies wird hoffentlich dazu führen, dass derart wichtige Infrastruktur-Investitionen in Zukunft an ihrer Bedeutung für den Lebens- und Wirtschaftsraum gemessen werden und deren Realisierung vereinfacht wird“, fügt Hörl hinzu, der betont, dass die nachhaltige Energiezukunft Tirols zu den wichtigsten politischen Zielsetzungen zähle. Gerade das jahrelange Verfahren rund um den Ausbau von Sellrain/Silz zeige den dringlichen Handlungsbedarf auf.

Umweltdachverbands-Präsident Maier sieht hingegen die „Wasserkraft-Politik“ des Landes gefordert. „Dazu gibt die Entscheidung des Höchstgerichts sicher Anlass.“ Eine Nachdenkpause wäre zielführend, empfiehlt er der schwarz-grünen Landesregierung. Laut Maiers Informationen ist das mit den Ausgleichsflächen, wie es die Tiwag unterstreicht, aber keinesfalls bereits vertraglich vereinbart.

Maier hält Hörl entgegen, dass natürlich eine ökologische Energiewende anzustreben sei. „Aber auch die muss umwelt- und naturverträglich sein.“ Energieeffizienz und Verbesserung aktueller Kraftwerksstandorte ohne massive Auswirkungen auf den Naturhaushalt müssten deshalb im Vordergrund stehen. Das Standortentwicklungsgesetz ist für Maier allerdings kein geeignetes Mittel, um diese Ziele zu erreichen. (pn)