Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 05.01.2019


Exklusiv

Flüchtlinge in Tirol: Mangelhafte Betreuung “brandgefährlich“

Nach dem Mord an einer jungen Syrerin sieht die FPÖ ein Sicherheitsproblem, die Diakonie eines österreichweit in der Betreuung der Flüchtlinge. Eine ehemalige Heimleiterin erzählt vom „Chaos“ in Tirols Asylheimen.

Auch letztes Jahr ist die Zahl der Asylwerber innerhalb der EU zurückgegangen. Bis Ende November 2018 wurden in Österreich 12.530 Asylanträge gestellt. 2015 waren es 88.340.

© iStockAuch letztes Jahr ist die Zahl der Asylwerber innerhalb der EU zurückgegangen. Bis Ende November 2018 wurden in Österreich 12.530 Asylanträge gestellt. 2015 waren es 88.340.



Von Anita Heubacher

Innsbruck — Es sind die größten der 84 Asylwerberheime in Tirol, jene in der Innsbrucker Reichenau. Zu Spitzenzeiten waren in den Gebäudekomplexen 500 Asylwerber untergebracht. Heute sind es weitaus weniger. Die Zahl der Asylwerber in Tirol ist auf 3000 gesunken, ebenso wie der Personalstand der Tiroler Sozialen Dienste GmbH. Das landeseigene Unternehmen ist für die Betreuung der Asylwerber zuständig und betreibt die Asylwerberheime. Auch jenes in der Reichen­au. Dort wird am Stefanitag eine 23-jährige Syrerin von ihrem Ehemann mit Fäusten und Tritten zu Tode geprügelt. Stunden nach der Tat ist weder ein Heimleiter vor Ort noch die TSD-Führung erreichbar, noch gab es eine Krisenintervention.

„Das zeigt das Chaos, das seit Langem in der Flüchtlingsbetreuung in Tirol herrscht. Es ist nur die Spitze des Eisbergs", sagt eine ehemalige Heimleiterin. Die Frau will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Von der TSD ist sie nach mehrjähriger Tätigkeit im Unfrieden ausgeschieden. Das „Chaos", wie es die ehemalige Mitarbeiterin beschreibt, rühre daher, dass die TSD vor allem in die Zentrale in Innsbruck investiert und Mitarbeiter angesammelt hätten. „Dort kennt man Flüchtlinge vielleicht aus fünf Metern Entfernung, von einer Betreuung hat man keine Ahnung und schon gar nicht kennt man die Menschen, für die man eigentlich zuständig ist", klagt sie. In den Tiroler Heimen würden die Mitarbeiter stets wechseln, die hohe Fluktuation lasse kein Vertrauensverhältnis zwischen Betreuer und Heimbewohner zu. „Das ist für Kriminelle unter den Asylwerbern gut, wenn dauernd jemand anderer da ist, dann gibt es keine Kontrolle. Andere Flüchtlinge leiden unter der Situation."

Im Asylwerberheim in der Innsbrucker Reichenau geschah die Bluttat.
Im Asylwerberheim in der Innsbrucker Reichenau geschah die Bluttat.
- zeitungsfoto.at

Für die Betreuung von Flüchtlingen brauche es eine gewisse Erfahrung, meint die ehemalige Heimleiterin. „Nach 2015 war bei der TSD Tag der offenen Tür. Jeder wurde genommen, oft auch viel zu junge und unerfahrene Leute." Tatsächlich musste aufgrund der hohen Zahl von Asylwerbern die Zahl der Mitarbeiter auf fast 300 erhöht und dann in der Folge wieder abgebaut werden. 80 sollen übrig bleiben. TSD-Geschäftsführer Harald Bachmeier wurde im Dezember verabschiedet, kurz nachdem die ehemalige Grünen-Soziallandesrätin Christine Baur den Vertrag des damals bereits höchst umstrittenen TSD-Chefs auf drei Jahre im Alleingang verlängert hatte. Die TSD waren nach dem Kauf von fünf Traglufthallen um 6,6 Millionen Euro kurz vor der Pleite. Das Land musste einspringen, die Traglufthallen wurden, teils noch ungebraucht, verschenkt. „Bei den Mitarbeitern wurde immer gespart", schüttelt die Heimleiterin frustriert den Kopf. Bachmeiers Nachfolger ist interimsmäßig Florian Stolz. Er wünscht sich „mehr Sozialarbeiter in den Heimen, denn die Gewaltprävention ist enorm wichtig". In Tirol liege der Betreuungsschlüssel bei 1:70, die Bundesvorgabe laute 1:140, erklärt Stolz. Lediglich im Außerfern und in Osttirol werde der Schlüssel nicht ganz erfüllt. Die am Stefanitag getötete Asylwerberin sei vom Case & Care-Management-Team der TSD besonders betreut worden. Sie sei magersüchtig gewesen und habe sich scheiden lassen wollen. Am Stefanitag erlaubte die Frau ihrem Mann, ins Heim zu kommen, um die beiden Kinder zu sehen.

Zum konkreten Fall will der Diakonie Flüchtlingsdienst in Wien nichts sagen. Beziehungstaten seien nicht zu verhindern, meint Christoph Riedl, Experte für Asyl, Integration und Menschenrechte der Diakonie in Wien. In Tirol habe es in der Flüchtlingsbetreuung sehr hehre Ansätze gegeben. „Doch dann kam, wie überall, 2015." Die Betreuung von Asylwerbern sei in Österreich in den neun unterschiedlichen Grundversorgungsgesetzen der Länder und auch nicht in jenem des Bundes vorgesehen, klagt Riedl. Geld gebe es für die Unterbringung und das Essen. Freiwillige Organisationen, wie die Diakonie, würden die Betreuung durch qualifiziertes Personal als Mehrleistung erbringen und seien dadurch finanziell unter Druck.

„Asylwerber mangelhaft zu betreuen, ist brandgefährlich", sagt Riedl. 30 bis 50 Prozent der Flüchtlinge seien traumatisiert. „Das Risiko, dass Dinge eskalieren, ist hoch." Den vom Bund vorgesehenen Betreuungsschlüssel von 1:140 hält er für unzureichend. „Da kann der Sozialarbeiter alle zwei Wochen in ein Quartier fahren. Bei dem Schlüssel lässt sich nicht einmal ein Arztbesuch organisieren." Es brauche nicht mehr Sicherheitspersonal in den Heimen, sondern mehr Geld für Betreuung, sagt Riedl.

Ein System, das sich selbst kontrolliert

In Tirol liegen die Sozialbetreuung und die Unterbringung der Asylwerber in einer Hand. Nämlich in der Tiroler Sozialen Dienste GmbH, TSD. „Ein System das sich selbst kontrolliert, ist nie gut", befindet Christoph Riedl, Flüchtlingsexperte der Diakonie. In anderen Bundesländern werde das anders gehandhabt und getrennt organisiert.

Die Caritas hat sich in Tirol aus der Flüchtlingsbetreuung zurückgezogen. Zum Zustand der Flüchtlingsbetreuung wolle man deshalb nichts sagen. Ebenfalls wortkarg gibt sich die GemNova. Die Dienstleistungs GmbH des Gemeindeverbandes besorgte die Deutschkurse für die Flüchtlinge und hatte Interesse, die Führung der maroden TSD zu übernehmen. Diese Blamage habe sich die schwarz-grüne Landesregierung nicht zumuten wollen. Schließlich hätte der Gemeindeverband vielleicht dem Land gezeigt, wie Flüchtlingsbetreuung funktionieren könnte. Schwarz-Grün hatte die Flüchtlingsbetreuung ausgelagert.

Wie sich FPÖ-Landesräte die Betreuung von Asylwerbern vorstellen, sah man in Niederösterreich. Dort hatte FPÖ-Asyllandesrat Gottfried Waldhäusl jugendliche Asylwerber in einem mit Wachpersonal und Stacheldraht gesicherten Heim in Drasenhofen untergebracht. ÖVP-Landeshauptfrau Mikl-Leitner hielt trotz Rücktrittsaufforderungen an Waldhäusl fest. (aheu)