Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 20.01.2019


Tirol

Strom: Kritik an Diskrepanz bei Auswirkungen auf Umwelt

Laut Stromrechnungen gibt es keine CO2-Emissionen durch den Versorgermix, tatsächlich werden aber 276 Gramm berechnet.

Gerald Prinz, Tiroler Landes- und auch Bundesinnungsmeister der Elektrotechniker, kritisiert die seine­r Meinung nach zu hohen CO2-Richtwerte bei der Verwendung von Strom.

© Thomas Boehm / TTGerald Prinz, Tiroler Landes- und auch Bundesinnungsmeister der Elektrotechniker, kritisiert die seine­r Meinung nach zu hohen CO2-Richtwerte bei der Verwendung von Strom.



Von Michaela S. Paulmichl

Vomp, Innsbruck – „Bei der Erzeugung des vorliegenden Versorgermixes fallen weder CO2-Emissionen noch radioaktive Abfälle an.“ Dieser Vermerk über die jeweiligen Umweltauswirkungen auf Stromrechnungen wirft für Gerald Prinz, Tiroler Landes- und auch Bundesinnungsmeister der Elektro-, Gebäude-, Alarm und Kommunikationstechniker, viele Fragen auf. Der Grund dafür: Das österreichische Institut für Bautechnik (OIB), Koordinierungsplattform der Bundesländer für Bauprodukte und Bautechnik, weist statt 0 Gramm CO2 pro Kilowattstunde nämlich einen wesentlich höheren Wert von 276 Gramm aus. Für Prinz ist dieser derzeit geltende Richtwert künstlich hochgerechnet, wodurch die Klimabilanz unnötig um drei Megatonnen CO2 erhöht werde. Österreich bezahlt wegen Nichterfüllung des Kyotoprotokolls jährlich Strafen in dreistelliger Millionenhöhe.

Ein Ärgernis ist die Sache für Prinz auch deshalb, da sie einen für ihn nicht gerechtfertigten Eindruck erwecke, Strom sei „böse und schmutzig“. „Die Bürger werden belogen“, sagt der Eigentümer eines Elektrounternehmens und kritisiert, dass etwa Gas trotz der immensen Methanverlust­e unter anderem durch lecke Leitungen von der OIB mit nur 236 Gramm Kohlenstoffdioxid und damit besser als Strom bewertet werde. Andere europäische Länder, die ebenfalls mit Zertifikaten für Strom zahlen, rechnen dadurch übrigens mit 0 Gramm. Prinz, für den es auch um das Thema öffentliche Förderungen geht, fordert ein Umdenken von Seiten der österreichischen Politik.

„Laut Herkommensnachweis kommt der bei uns verwendete Strom zu 75 Prozent aus Tirol und zu 25 Prozent aus Norwegen“, sagt Bruno Oberhuber von Energie Tirol. Das bedeute aber noch lange nicht, dass der Strom auch tatsächlich aus Norwegen kommt, das dafür zu 98 Prozent auf Wasserkraft zurückgreift. Grund dafür ist auch die Liberalisierung des Strommarkts und der Handel mit Zertifikaten. Oberhuber kritisiert, dass dabei Kilowattstunden und Herkunft getrennt angegeben werden. Ein­e genaue Deklarierung, woher der Strom kommt, wäre ehrlicher, und die Abnehmer würden sich dabei auskennen.

Breite Kritik am derzeit gültigen System gibt es, was den Ausbau erneuer­barer Energien betrifft. Es gebe keine unterstützende Wirkung, bedauert der Geschäftsführer von Energie Tirol.

Die aktuelle Berechnung des CO2-Werts – ein Durchschnittswert – ist für ihn darauf zurückführen, dass die heimischen Wasserkraftwerke im Winter weniger Strom produzieren. „Würde man einen Tiroler Wert ermitteln, würde dieser im Winter noch deutlich höher sein, im Sommer dagegen sehr niedrig.“ Durch die E-Mobilität und die Absicht, aus Klimaschutzgründen aus Öl- und Gasheizungen auszusteigen, werde man in Zukunft viel mehr Strom benötigen als bisher.

Für Innungsmeister Gerald Prinz, der angibt, nicht Strom forcieren zu wollen, sondern sauber­e Energie, steht jedenfalls fest: „Obwohl alles schlechtgeredet wird: Wer angibt, mit Strom zu heizen, ist kein Umweltverschmutzer.“

Fakten

Die E-Control, die österreichische Regulierungsbehörde für den Energiemarkt, gibt einen dritten Kohlenstoffdioxid-Wert bei Strom an: Statt 0 Gramm pro Kilowattstunden wie auf Stromrechnungen und 276 laut OIB gibt sie 61 an.

Das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahrzehnte und die damit verbundene Einkommens- und Wohlfahrtsentwicklung hatte massive Auswirkungen: In Österreich hat sich der Energieverbrauch laut E-Control seit 1990 um 36 % erhöht, die CO2-Emissionen sind um 15 % angestiegen. Der Einsatz erneuerbarer Energieträger konnte nur 27 Prozent des Verbrauchs­anstiegs kompensieren.

Die Stromlieferanten sind verpflichtet, jede Stromlieferung mit einem Stromnachweis zu belegen und auf der Rechnung die Zusammensetzung ihres Strommixes in Prozent je Energieträger auszuweisen.




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