Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 19.01.2019


Bezirk Reutte

Reuttes Bürgermeister Oberer: “Ich würd‘s auch ohne Bezahlung tun“

Alois Oberer wird morgen 70 Jahre alt. Reuttes Bürgermeister erzählt von Anfängen als „Nordjugo“, von der Wohltat persönlichen Lobes und von Bescheidenheit, die ihm ein Leben lang geblieben ist.

Bürgermeister Luis Oberer feiert morgen Sonntag seinen 70. Geburtstag. Bereits heute lässt er es in der Ehrenberg Arena krachen.

© MittermayrBürgermeister Luis Oberer feiert morgen Sonntag seinen 70. Geburtstag. Bereits heute lässt er es in der Ehrenberg Arena krachen.



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Fast wie bei Lenin: Ein Zug hält, ein Mann springt heraus und verändert die Geschichte. Ganz so ging es in Reutte nicht zu. Aber am 2. Februar 1969 kam ein junger Steirer mit dem letzten Zug um acht Uhr abends in Reutte eingefahren. Eigentlich hatte er aufs Schiff gehen und nur kurz im Metallwerk ein paar Schillinge verdienen wollen, bis der 21. Geburtstag erreicht und damit der Zugang zu den Weltmeeren offenstehen würde. Aus der großen Seefahrt wurde es nichts. Alois Oberer strandete im Außerfern. Wer Geschichte rückwärts denkt, sieht hier schon den späteren Marktchef aus dem Zug steigen. Oberer winkt lachend ab: „Das war zu dieser Zeit ganz anders. Niemals wäre ein Steirer Bürgermeister von Reutte geworden. Wir wurden Baraber, Frauenverführer und Nordjugo genannt – und blieben lieber unter uns.“ Aber Menschen entwickeln sich weiter, auch die Wähler. Ein paar Jahrzehnte später fährt der gleiche Luis bei seiner zweiten Wahl das herausragendste Ergebnis ein, das je ein Politiker bei einer Direktwahl im Außerferner Bezirkshauptort bekommen hat – 70 Prozent Zustimmung im ersten Wahlgang trotz zweier Gegenkandidaten. Als Draufgabe die absolute Mehrheit an Mandaten für seine Liste Luis. Eine Wertschätzung und Anerkennung besonderer Art.

Dabei hätte er 1969 fast doch noch den Anker gelichtet. Als er realisierte, dass sein erster Zahltag nur 2200 Schilling betragen würde. Personalknappheit gepaart mit Lohnerhöhungszuckerln ließen sein Fernweh verstummen. Vorerst. Als er Plansee 40 Jahre später in die Pension verließ, war er zwischenzeitlich zum Betriebsratsvorsitzenden aufgestiegen, hochgeachtet und mit einem fast 24-mal höheren Gehalt als bei seinem Einstieg ausgestattet.

„Dabei ist Geld für mich nicht wichtig. Ich hätte den Bürgermeister von Reutte auch gemacht, wenn ich nichts bekommen hätte. Besitz wird überhaupt zu viel Wert beigemessen“, ist Oberer einer Meinung mit den großen Verzichtern dieser Welt. Bei seinen Eltern, die alles für ihn taten, aber jeden Schilling umdrehen mussten, habe er Zufriedenheit gelernt. Oberer ist in bescheidenen Verhältnissen nahe Leoben aufgewachsen. „Wenn man sieht, dass Reuttes Bürgermeister Chef von 200 Mitarbeitern ist, das EWR mitgerechnet sogar von 700, und die große Verantwortung, dann ist die Entschädigung dafür nicht besonders ausgeprägt. Da verdienen Abteilungsleiter bei Plansee das Dreifache“, relativiert Oberer sein Politikergehalt.

Als einmal jemand ein zu hohes Bürgermeistereinkommen bei ihm ins Spiel brachte, verdutzte ihn Oberer mit dem Sager: „Sag mir, wie viel du willst. Ich gebe es dir. Aber du musst mir versprechen, dass du dann glücklich bist. Mein Gegenüber hat mich mit großen Augen ungläubig angestarrt.“ Luis Oberer blickt im TT-Gespräch noch einmal weit zurück: Er, 14-jährig, braucht eine Posaune. 5000 Schilling kostete sie. Eine Unsumme für die Familie. Die unglaublichen Klimmzüge des Vaters, sie zu beschaffen, von denen er erst viel später erfahren hat. Und der Dank des Sohnes, dem erst im reiferen Alter bewusst wird, was der Papa hier getan hat. Daran müsse er oft denken.

Ein einsamer Wolf, nein, das sei er sicher nicht. Weder privat noch politisch. Einzelkämpfer lässt er gelten. Das liege daran, dass er immer gestalten und nicht verwalten wollte. Politische Prozesse in Gremien seien aber oft sehr träge, alles geht ihm viel zu langsam. Und politische Organe sind nicht selten irrational, was den ausgeprägten Rationalisten verwirren kann. Reibungsverluste mit Mitstreitern waren manchmal die Folge. Erst im Alter habe er quasi eine Milde sich selbst gegenüber entwickelt, die seinen Ehrgeiz bremst und ihm akzeptieren hilft, dass manches nicht machbar ist. Auch wenn er sich fest ärgern kann. – natürlich nicht öffentlich. Ausgestattet mit einer natürlichen Autorität gelingt es ihm, Gremien mit Argumenten in die „richtige“ Richtung zu lotsen. Seine Gemeinderatsfraktion Liste Luis steht sowieso vom ersten Tag an geschlossen hinter ihm.

Seine Nichtverwurzelung in Reutte habe auch Vorteile, er müsse nicht liefern – keinem Familienverband, keinem Unternehmen, keinem Arbeitgeber, keinem Spezi. Oberer ist niemandem etwas schuldig und kann frei entscheiden. Freunde habe er trotz des Politbetriebes gefunden. Etwa drei Kumpel, die bei ihm zu Hause den Queue polieren. Billard ist eine der Obsessionen des Marktchefs. Eine andere, mit dem Rad Kilometer zu machen. Und Fernreisen. Und Bilder sammeln (Wert hätten sie keinen, schmunzelt er). Und Jazz, Blues, Rock.

Heute Abend feiert Oberer in der Ehrenberg Arena offiziell seinen 70. Geburtstag, um Mitternacht poppt dann wirklich der Siebener bei ihm auf. Der eher hagere Typ hätte auch zum 60er laden können – nicht wenige hätten es geglaubt. Von der Natur mit jugendlichem Aussehen gesegnet, ist auch sein Tatendrang ambitioniert geblieben. In dieser Stärke sieht der Marktchef auch eine kleine Schwäche. Nicht immer könnten alle seinem Tempo folgen.

Sorge bereitet ihm der Rechtsruck. „Nämlich, dass für jedes Problem Ausländer verantwortlich gemacht werden. Reutte ist doch ein gutes Beispiel, dass das Zusammenleben funktioniert. Uns geht es so gut wie noch nie und wir sind unzufrieden wie noch nie. Niemand will sich mehr in das Schicksal eines Flüchtlings hineindenken.“

Was ihn freut, will die TT wissen: wenn aus anfangs schwierigsten Projekten Erfolgsgeschichten werden – wie zum Beispiel die Alpentherme Ehrenberg, die fast nicht gekommen wäre (man vergisst so schnell). Natürlich auch positives Feedback, gerade wenn es überraschend daherkommt. Oder wenn ihm drei Jahre vor seinem „Ablaufdatum“, das er sich selbst aufgedruckt hat, jemand wertschätzend sagt: „Bitte bleib, Luis, wir brauchen dich!“ Das geht hinunter wie Öl. Aber Oberer hat seinen politischen Ausstieg definiert. „Ich mache diese Periode fertig, sicher auch bis zum Ende.“ Im März 2022 sei er 73. Eine dritte Amtsperiode und weitere sechs Jahre schließt er aus. „Niemand braucht mich aus dem Amt tragen.“ Im persönlichen Freudenkanon an höchster Stelle angesiedelt ist die kleine Familie, insbesondere seine Enkel. Sein Wunsch an Reutte? „Dass die Menschen im Talkessel in sich gehen und nicht jeden Weg mit dem Auto zurücklegen.“

Auch die TT wünscht alles Gute zum morgigen Festtag.




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