Letztes Update am Sa, 19.01.2019 22:45

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Masterplan Pflege: Was die Basis an der Front bräuchte

Während der Bund die „Generallösung“ Pflege plant, kämpft man in der Praxis mit Personalmangel und neuen Ausbildungsschienen. Langsam in die Gänge kommen Tirols „Kümmererstellen“.

Zeitdruck und starre Machtstrukturen sind in der Pflege ein heiß diskutiertes Thema.

© iStockphotoZeitdruck und starre Machtstrukturen sind in der Pflege ein heiß diskutiertes Thema.



Von Liane Pircher

Innsbruck – Aktuell sind es 105 offene Stellen in der Kategorie „Diplom-Krankenpflege“ und 125 Stellen „nicht diplomierte Krankenpfleger und verwandte Berufe“, die beim AMS Tirol aufscheinen. Egal, ob im Klinikbereich oder in Altenheimen, es fehlt überall Pflegepersonal. Dass es insgesamt auch an der Implementierung der neu eingezogenen Ausbildungsschiene Pflegefachassistenz vor allem an Kliniken noch etwas hapert, sorgte zuletzt für heftige Kritik an LR Tilg (die TT berichtete).

Dabei geht die Idee mit der Reform des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes (2016), die Ausbildung im Pflegebereich neu aufzustellen, ohnehin nur schwer auf. Seither gibt es drei Schienen: Neben dem dreijährigen FH-Bachelor-Studiengang (diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger) wurde die Pflegefachassistenz als Zwischenstufe eingezogen. Diese Ausbildung dauert zwei Jahre – im Gegensatz zu der einjährigen für die Pflegeassistenz. Fakt ist, dass es vor allem für die einjährige Variante schwer ist, Interessenten zu finden.

Mit gleich drei Berufsgruppen in einem Tätigkeitsbereich sei der Mangel an Pflegepersonal nicht zu beheben, kritisiert die im Pflegebereich tätige Gewerkschaft vida. Man müsste insgesamt ernsthafter an der Attraktivität des Berufsbildes arbeiten und zwar auf einem Qualitäts-Niveau, bei dem nicht ausgerechnet das am besten ausgebildete diplomierte Personal reduziert werde.

Ohne bis dato Details genannt zu haben, plant die Regierung bei ihrer „Generallösung“, dass die Pflege, wenn immer möglich, zu Hause stattfinden soll. Dazu hat LR Tilg bereits im Zuge der Erarbeitung des Strukturplans Pflege neue Care-Management-Stellen in den Regionen vor einem Jahr angekündigt – eine Art Drehscheibe und Kümmererstellen für pflegende Angehörige. Der Bezirk Landeck ist Pilotregion. Die Stellenausschreibung dazu erfolgt laut Büro Tilg „in den nächsten Tagen“.

Mehr Mut, um starre Systeme zu knacken

Wenn man von der Altenpflege redet, dann muss man klar sagen, dass es hier auch innerhalb der Berufsgruppe ein Imageproblem gibt. Gerade junges, gut ausgebildetes Diplompersonal ist schwer zu bekommen. Jobs als Intensivpfleger sind „hip“, aber nicht die Altenpflege. Altenheime sind eine komplett andere Sparte als der Klinikbereich. Was die Verantwortung betrifft, ist vor allem das Diplompersonal sehr gefordert. Dieses muss für die ganze Qualität im Ernstfall „geradestehen“.

Markus Moosbrugger unterrichtet u. a. am AZW und ist Pflegedienstleiter der Wohn- und Pflegeheime der Stadt Hall.
Markus Moosbrugger unterrichtet u. a. am AZW und ist Pflegedienstleiter der Wohn- und Pflegeheime der Stadt Hall.
- privat

Es ist ein guter Schritt, wenn das Land ab 2020 das gleiche Geld für die Pflegearbeit bezahlt, egal, ob im Heim, Sprengel oder in der Klinik. Das alleine wird aber nicht genügen, um Pflegeberufe – vor allem in der Altenpflege – attraktiver zu machen. Man müsste sich eine Zulage für Altenpflege überlegen. Fakt ist, dass die monetären Unterschiede zwischen hochwertig ausgebildetem Pflegediplom und Heimhelfer am Gehaltszettel zu gering sind („nur“ 400 Euro brutto).

Insgesamt darf man aber unseren Berufsstand nicht zu Tode jammern, weil es ein toller Beruf ist. Es hängt auch von der Leitung ab, ob es für Bewohner und Personal ein gutes Klima gibt oder nicht. Es fehlt aber an einer Standesvertretung, leider gibt es in der Pflege kein geschlossenes Auftreten nach außen hin. Es bräuchte auch mehr Mut, um starre Systeme zu knacken.

Die Arbeit in Pflegeminuten zu pressen, ist ein Grenzgang

Gerhard Wackernell ist Stationsleiter im Altenheim Telfs.
Gerhard Wackernell ist Stationsleiter im Altenheim Telfs.
- privat

Für die Mitarbeiter geht es nicht vorwiegend um Bezahlung. Es geht um Arbeitsbedingungen, die eine fachliche Pflege ermöglichen müssen. Eine Ökonomisierung der Arbeit mit schwer kranken Menschen in Form von Pflegeminuten ist ein Grenzgang. Bei Überschreiten der Grenzen ist keine Qualität mehr haltbar. Das ist ein Desaster für Bewohner und Personal.

Ständige Zeitnot wirkt sich negativ auf die Empathiefähigkeit aus. Die Pflege muss weg von immer mehr „Fremdaufgaben“. Pflege muss wieder hin zum Bewohner, zur Kundschaft. Die berechtigten Ansprüche der Bewohner sowie Angehörigen, der Berufsgruppe und des Dienstgebers steigen ständig – und das bei gleichbleibendem Personalstand. Die Politik hebt verbal den Berufsstand sehr hoch, handeln scheint allerdings schwierig und wenig populär zu sein. Alte Menschen haben keine Lobby. Die Öffentlichkeit rührt das Tabuthema Altenheim nicht an, bis sie selbst oder Angehörige betroffen sind. Erst dann wird die Realität sichtbar.

Erfahrene Pfleger haben oft ihre einst hohe Motivation verloren

Es ist schwer, eine Gesamtlösung für das komplexe Thema „Notstand Pflege“ zu finden, denke ich. Ich bin derzeit Krankenpflegeschülerin und mir fällt auf, dass viele mit derselben Motivation diesen Beruf ergreifen: Sie wollen mit Menschen arbeiten. Dabei legen wir alle besonderen Wert darauf, möglichst viel Zeit mit jedem Patienten verbringen zu können – Dokumentationen und Organisatorisches sollte weniger Zeit in Anspruch nehmen als die Arbeit mit dem Patienten. Leider – wie in anderen Berufsgruppen auch – gibt es in der Pflege Mitarbeiter, die in ihrem Beruf nicht mehr glücklich sind und denen vermehrt die negativen Aspekte ein Dorn im Auge sind. Ich glaube, hier sollte angesetzt werden. Keiner von uns erlernt den Beruf des Pflegers wegen dem Gehalt.

Clara Speckbacher ist Krankenpflegeschülerin.
Clara Speckbacher ist Krankenpflegeschülerin.
- privat

Wir haben als Diplompfleger weit mehr Verantwortung, als den meisten Menschen bewusst ist. Ein wichtiger und guter Schritt ist die Etablierung des Bachelorsystems, um dem Pflegeberuf mehr Anerkennung entgegenzubringen.

Helfende Hände als Werbung ist ein falsches Bild

Der Pflegefachkräftemangel ist derzeit viel diskutiert, die Gründe nach dem Warum werden ständig neu evaluiert und Zukunftsszenarien lassen nichts Gutes hoffen. Die Politik hat die Ernsthaftigkeit des Themas erkannt und wirkt nicht erst seit gestern multidimensional dagegen. So mancher hat mittlerweile die Übersicht – wegen der vielen neuen Ausbildungen, der Akademisierung des Berufsstandes, um nur einige Dinge zu nennen – verloren. Wer will da schon in einem Beruf arbeiten, der so viel in der Kritik und stets in Kombination mit einem Mangel steht?

Barbara Missmann ist langjährige akademische Führungskraft, u. a. im stationären und ambulanten Bereich.
Barbara Missmann ist langjährige akademische Führungskraft, u. a. im stationären und ambulanten Bereich.
- privat

Arbeitgeber sind gefordert, nicht nur mit Hilfsmitteln gut ausgestattete Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen, sondern die Arbeitsrahmenbedingungen ganz klar mitarbeiterfreundlicher zu gestalten. Arbeitsplätze mit autoritärem Führungsstil und einer überfrachteten Management- und Kontrollbereitschaft sind definitiv out. Pflegepersonen können sich ihre Jobs inzwischen aussuchen.

Arbeit am Menschen ist fordernd, dynamisch und spontan. Pflege in Altenheimen ist ein ernsthafter und ein auf allen Ebenen herausfordernder Beruf mit hoher Verantwortung und Fachwissen. Werbebilder von helfenden Händen und empathisch lächelnden Jungpflegerinnen transportieren leider nicht das, was diesen Beruf tatsächlich ausmacht. Natürlich kostet und braucht Pflege Geld. Aber Pflege ist nicht nur ein Kostenfaktor, sondern auch ein Wertschöpfungskriterium. Das sollte bei Diskussionen verantwortlicher Entscheidungsträger nicht vergessen werden.