Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 26.01.2019


Innsbruck-Land

Das Land will die Schrecken von Martinsbühel in Zirl aufklären

Das Land Tirol handelt nach einer Petition mit 2500 Unterschriften zum ehemaligen Zirler Heim mit Sonderschule. Benediktinerinnen führten das Internat, viele Mädchen wurden dort schwer misshandelt.

Hinter diesen Mauern wurden Mädchen gequält, misshandelt und seelisch sowie psychisch gebrochen.

© TT/BöhmHinter diesen Mauern wurden Mädchen gequält, misshandelt und seelisch sowie psychisch gebrochen.



Von Peter Nindler

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Innsbruck – Nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in staatlichen und kirchlichen Einrichtungen im Jahr 2010 haben sich rund 100 ehemalige Heimkinder von Martinsbühel an die Ombudsstelle der Diözese Innsbruck gewandt. Die erschütternden Berichte wurden umgehend an die diözesane Kommission und in weiterer Folge an die Klasnic-Kommission weitergeleitet. Den damals Verantwortlichen werden sexuelle, seelische und physische Misshandlungen sowie Verwahrlosung der Mädchen vorgeworfen. „Nahezu alle Betroffenen erhielten eine finanzielle Hilfeleistung. In den ebenfalls angebotenen Therapien können die Opfer ihre Geschichte und Erlebnisse – soweit dies möglich ist – besprechen und aufarbeiten“, heißt es in einer Stellungnahme der Diözese Innsbruck.

Bis zur Auflassung 2008 wurden das Mädchenheim und die Sonderschule in Zirl von den Benediktinerinnen aus Scharnitz geführt, die dem Kloster Melchtal in der Schweiz angehören. Besitzer von Martinsbühel sind die Benediktiner des Stifts St. Peter in Salzburg. Martinsbühel war nie eine Fürsorgeeinrichtung der Tiroler Landesregierung, doch das Land hat Mädchen dorthin zugewiesen. Zugleich erfolgten gerichtliche Zuweisungen. Die Aufsicht hatten die Unterrichtsbehörden.

Aufgearbeitet ist dieses dunkle Kapitel der Tiroler Heim- und Fürsorgegeschichte noch nicht. In einer Online-Petition mit 2500 Unterschriften wurde jetzt ein Untersuchungsausschuss gefordert. Am Donnerstag befasste sich der Petitionsausschuss des Landtags damit. Den U-Ausschuss wird es nicht geben, aber das Land drängt beim Benediktiner-Orden massiv auf Aufklärung. „Wir wollen, dass der Orden endlich seine Verantwortung wahrnimmt. Er steht als ehemaliger Betreiber in der Pflicht“, betont der grüne Klubchef Gebi Mair.

Im Gegensatz zu den Fürsorgeeinrichtungen des Landes wie St. Martin in Schwaz (bis 1990), zu denen mehrere Forschungsberichte über entwürdigende Erziehungsmethoden und Missbrauch der Schutzbefohlenen in Auftrag gegeben wurden, liegt bei Martinsbühel noch vieles im Dunkeln. „Diese Schatten müssen sich lichten“, sagt Mair. Das Land wird deshalb Kontakt mit der Vertretung der Benediktinerinnen aufnehmen und eine Aufarbeitung einfordern. Ein schwieriges Unterfangen, mit dem selbst die Diözese in der Vergangenheit gescheitert ist.

In einem Schreiben an das Land unterstützt die Kirche das Vorhaben des Landes. „Die Diözese ist sehr interessiert, dass diese leidvolle Geschichte dokumentiert und aufgearbeitet wird, und arbeitet hier auch aktuell mit den zuständigen Stellen im Land Tirol eng zusammen“, wird betont. Entscheidend ist aus der Sicht der Diözese das Öffnen aller Archive – auch von Seiten des Ordens der Benediktinerinnen. Aber, so heißt es weiters: „Sie wissen, der Orden hat Martinsbühel verlassen, der Hauptsitz ist in der Schweiz. Viele Fragen können nur von dort beantwortet werden.“

Die Versuche der Diözese Innsbruck, von der Ordensleitung Informationen zu damaligen Geschehnissen zu erhalten, hätten sich bisher als sehr schwierig erwiesen, gibt man offen zu. „Da es erstens nur noch eine Akteurin aus der damaligen Zeit gibt und der Orden der Benediktinerinnen quasi nicht mehr existent ist.“ Im Prinzip ließ man die Diözese einfach abblitzen.