Letztes Update am Fr, 01.02.2019 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Ohne Solar am Dach scheitern Energieziele in Tirol

Eine Studie des Landes schlägt Alarm: Tirol hinkt bei Energiewende hinten nach. Bis 2050 müssen 50 Prozent weniger Energie verbraucht werden. Dazu benötigt es noch viel rigorosere Maßnahmen beim Energiesparen und den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Ein Zwischenbericht zu Tirols Bemühungen, 2050 energieautonom zu werden, lässt keine Zweifel aufkommen.

© iStockphotoEin Zwischenbericht zu Tirols Bemühungen, 2050 energieautonom zu werden, lässt keine Zweifel aufkommen.



Von Peter Nindler

Innsbruck – Hinter der Studie „Ressourcen- und Technologieeinsatz-Szenarien Tirol 2050“ der Uni Innsbruck, des Management Centers Innsbruck und der Wasser Tirol steckt ein klarer Handlungsauftrag für die Landespolitik: Das Ziel, 2050 energieautonom zu werden und ohne fossile Importe wie Öl auszukommen, ist ambitioniert. Und nach heutigem Stand braucht es dazu einen noch größeren Einsatz für die Energiewende, als bisher angenommen. Denn in allen untersuchten Energieverbrauchs-Szenarien müssen sämtliche in Tirol verfügbaren erneuerbaren Energieressourcen ausgereizt werden. Das trifft nicht nur auf den Ausbau der Wasserkraft (+ 2,8 Terawattstunden) zu, sondern auch auf die Photovoltaik (PV) – also die Umwandlung von Sonnenenergie in elektrische Energie.

Zusätzlich müssten alleine 85 Prozent aller nutzbaren Dachflächen in Tirol mit PV-Modulen bestückt werden. Das sind nicht weniger als 29,2 Millionen Quadratmeter an Dachflächen. Das reicht allerdings noch immer nicht aus, um die aktuell 43 Prozent an Ölprodukten am eingesetzten Gesamt-Endenergieverbrauch zu kompensieren. Der Energiebedarf ist jedenfalls um 50 Prozent zu halbieren, die Effizienz maßgeblich zu steigern. Alleine die Energieimporte kosten dem Land jährlich 1,5 Milliarden Euro.

Die Studie liegt seit Dezember vor und wurde in der Vorwoche intern präsentiert. Energiereferent LHStv. Josef Geisler (VP) unterstreicht den seit Jahren eingeschlagenen Kurs. „Aber wir müssen noch deutlich mehr Anstrengungen unternehmen.“

-

Schon seit Jahren verfolgt Tirol ein ehrgeiziges politisches Ziel: Im Jahr 2050 soll das Land energieautonom werden, das heißt sich selbst mit Strom und Energie versorgen können. Zuletzt wurden massive Anstrengungen unternommen, weil sich der Energieverbrauch nicht einfach weghexen lässt. Die Bevölkerung wächst, die Produktion steigt. Damit wird auch mehr Energie verbraucht. Das Positive dabei: Der Endenergiebedarf im Jahr 2016 betrug 87.280 Terajoule und lag damit fast gleich hoch wie im Jahr 2005. Trotz Produktions- und Bevölkerungswachstums. 35 Prozent davon entfallen auf den Sektor Mobilität und 24 auf die Produktion.

Wie die im Auftrag des Landes erarbeitete Studie „Ressourcen- und Technologieeinsatz – Szenarien Tirol 2050“ allerdings aufzeigt, beträgt der Anteil fossiler Energieträger wie Öl am Endenergieeinsatz nach wie vor 59 Prozent. Und das kostet Wertschöpfung und Geld: 1,5 Milliarden Euro fließen ins Ausland, um die Tiroler Energieimporte zu finanzieren. Das von der Universität Innsbruck, Wasser Tirol und Management Center Innsbruck zusammengestellte Projektteam erarbeitete deshalb mehrere Szenarien mit Blick auf 2050.

Zwei Konsequenzen treffen auf alle Modellberechnungen zu: In jedem einzelnen Szenario müssen alle in Tirol verfügbaren erneuerbaren Ressourcen zur Energiegewinnung genutzt werden. Eckpfeiler ist die Wasserkraft, dann kommt schon Photovoltaik, Umweltwärme, Holz, Wind, Biogase oder brennbare Abfälle. „Insgesamt zeigt sich, dass die erneuerbaren Ressourcen in Tirol theoretisch ausreichend zur Verfügung stehen, um den Bedarf im Jahr 2050 decken zu können – die Möglichkeit deren Nutzung wird wesentlich von den Rahmenbedingungen und der Akzeptanz abhängen. Alle betrachteten Szenarien zeigen, dass dem Strom zukünftig die wesentliche Rolle zukommen wird und dass der Ausbau der Stromerzeugung absolut notwendig ist“, heißt es in dem Energiebericht, der seit Dezember 2018 vorliegt und in der Vorwoche bereits dem zuständigen Landtagsausschuss präsentiert wurde.

Was bisher doch vernachlässigt oder noch zu wenig forciert wurde, ist die Nutzung der mehr als 1900 Sonnenstunden jährlich. Um den benötigten Strombedarf zu decken, benötigt es nämlich eine massive Offensive beim Ausbau von Photovoltaikanlagen. 85 Prozent aller geeigneten Dachflächen sind deshalb mit Modulen zu bestücken. Die bereits bestehenden Freiflächenanlagen müssen noch dazu weiterbetrieben werden. Insgesamt rechnet man mit 22.200 Terajoule aus Sonnenenergie. Verglichen mit dem heutigen Standard in Tirol, wären das 20-mal mehr.

Der Ausbau der Wasserkraft um 10.000 Terajoule gegenüber dem Jahr 2011 wird ebenfalls als unverrückbar bezeichnet. Zurückhaltend war das Land Tirol bisher mit Windkraft, weil die Gegebenheiten dafür kaum vorhanden sind. Im Wipptal gäbe es Potenzial dafür, 900 Terajoule sind die Vorgaben.

In Summe sollten 50 bis 60 Prozent des künftigen Energiebedarfs durch Strom gedeckt werden. So weit, so gut: Am Energiesparen und am effizienteren Einsatz von Energie wird das Land Tirol bei den Anstrengungen für alle Formen von erneuerbaren Energieträgern nicht umhinkommen. Denn: „Die bisher angestrebte Reduktion des Energiebedarfs um 50 Prozent gegenüber 2005 ist unter den vorgegebenen Prämissen alleine durch Technologieeinsatz nicht zu erreichen“, folgern die Studienautoren. Der Endenergieeinsatz muss deshalb einerseits durch Effizienzsteigerung massiv reduziert und der Bedarf schlussendlich nachhaltig gesenkt werden.

Eine Herausforderung ist natürlich die E-Mobilität. Der Verzicht auf Treibstoff bedeutet natürlich einen kompletten Umstieg der Antriebstechnik bei den Fahrzeugen auf Strom und Wasserstoff. Zudem müsste der Energieverbrauch auf ein Drittel des heutigen Werts gesenkt werden. Die abschließende Beurteilung der Energiefachleute kommt einer politischen Botschaft gleich: „Die Projektergebnisse machen deutlich, dass eine Zielerreichung ‚Energieautonomie Tirol 2050‘ nicht durch einige wenige bzw. durch eine oder wenige Stellen allein erreicht werden kann. Hier sind der Wille zur Umsetzung aller – von den Entscheidungsträgern über Interessengruppen bis hin zur Bevölkerung – und auch der Mut aller zu Veränderungen gefragt und notwendig.“

„Der Zielpfad für das Land stimmt“

Für den Energiereferenten des Landes und Landeshauptmannstellvertreter Josef Geisler (ÖVP) umfasst die jetzt vorliegende Energiestudie eine umfangreiche Zwischenbilanz über die Energiestrategie 2050. Dass der Energieverbrauch in den vergangenen zwölf Jahren in etwa gleich geblieben ist, sieht Geisler nicht als Rückschlag. „Schließlich müssen wir bedenken, dass es sowohl ein Bevölkerungswachstum als auch eine höhere Produktion gegeben hat. Vielmehr sei Tirol auf dem richtigen Weg. „Der Zielpfad für das Land stimmt“, ist Geisler überzeugt.

Die mehr als 200 Seiten umfassende Studie bezeichnet der Landeshauptmannstellvertreter darüber hinaus als wichtige politische Handlungsanleitung. „Wir sehen, dass der Ausbau der Wasserkraft unbedingt notwendig ist.“ Obwohl dieser das größte Konfliktpotenzial in Tirol aufweist, führt für Geisler am Ausbau der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz und des Kraftwerks Kaunertal kein Weg vorbei. Das Projekt im Kaunertal liegt derzeit bekanntlich auf Eis, hier gibt es die größten Bedenken von Umweltinitiativen und keine Zustimmung zu den Wasserableitungen aus dem Ötztal. Dazu Geisler: „Aber in der Studie wird genau dokumentiert, dass die Erreichung des Wasserkraftausbauziels 2036 in allen Szenarien für die Energiewende 2050 absolut notwendig ist und vorrangig vorangetrieben werden muss.“

Aus der Sicht Geislers dürfen abschließend die Energieeffizienz und der sparsame Umgang mit den Energieressourcen ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden.

„Wir sehen in der vorliegenden Studie, dass der Ausbau der Wasserkraft unbedingt notwendig ist.“
LHStv. Josef Geisler VP
(Energiereferent)
„Wir sehen in der vorliegenden Studie, dass der Ausbau der Wasserkraft unbedingt notwendig ist.“ LHStv. Josef Geisler VP
(Energiereferent)
- TT/Rudy de Moor