Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.02.2019


Geburtshilfe

Grenzenloser Fachkräftemangel: Hebammen arbeiten am Limit

Die Geburtshelferinnen im Krankenhaus Kufstein sammeln derzeit extrem viele Überstunden – nicht nur dort sind die Hebammen unterbesetzt. Ein grenzenloser Fachkräftemangel, der sich zu verschärfen droht.

In Tirol gibt es 250 Hebammen. Bei ausgeschriebenen Stellen warten Krankenhäuser teilweise Monate auf Bewerber. (Symbolbild)

© BANGIn Tirol gibt es 250 Hebammen. Bei ausgeschriebenen Stellen warten Krankenhäuser teilweise Monate auf Bewerber. (Symbolbild)



Von Jasmine Hrdina

Kufstein, Innsbruck – Wenn Babys das Licht der Welt erblicken, halten sie sich selten an einen außerhalb des Uterus festgelegten Terminplan. So wundert es kaum, dass Überstunden für Hebammen prinzipiell nichts Außergewöhnliches darstellen. Doch am Bezirkskrankenhaus Kufstein war die Lage zuletzt deutlich angespannt. „Man hat das Gefühl, dass man zwischen den Schichten gar nicht mehr nach Hause zu gehen braucht“, erklärt eine Insiderin gegenüber der TT.

In der Pflegedirektion bestätigt man dies und spricht von einem personellen Engpass. „Ja, in den letzten Monaten kam es aufgrund verschiedener Ursachen (Krankenständen, Schwangerschaften, Weggang von KollegInnen) zu Überstunden. Diese sind aber mit der derzeitigen Planung behoben.“ Im Februar bekommt das Team eine weitere Fachkraft als Unterstützung.

Dennoch arbeiten die Hebammen an ihrem Limit – und damit ist das 16-köpfige Team in Kufstein nicht allein. Im Bezirkskrankenhaus St. Johann kommen die Geburtshelferinnen im Jahr teilweise „auf mehrere hundert Überstunden“, wie Primar der Gynäkologie Christian Deetjen auf Nachfrage erklärt. „Unsere personellen Engpässe sind hauptsächlich durch Schwangerschaften im eigenen Team verursacht“, so der Mediziner. Ein naturgegebenes Phänomen – männliche Hebammen sind in Österreich wahre Raritäten. In der gesamten Alpenrepublik gibt es nur drei von ihnen, einer davon widmet sich rein der Forschung.

Sind Kinder erst einmal Teil ihres Lebens, so bevorzugen viele der Fachkräfte, sich selbstständig zu machen und nur noch Teilzeit zu arbeiten, erklärt Kathrin Schwarzenberger, Leiterin der Landesgeschäftsstelle Tirol des Österreichischen Hebammengremiums. Zu dieser Entscheidung führe aber nicht nur die Familienplanung, sondern auch die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern. „Kleine Häuser arbeiten mit einer Rufbereitschaft, die finanziell schlecht bezahlt wird und dabei nur minimale Freizeit erlaubt“, erklärt Schwarzenberger. Für einen Stundenlohn von zwei bis drei Euro brutto müsse man zwölf und 24 Stunden zu Hause der Dinge harren, so die Hebammensprecherin.

Die Krux an der Geschichte ist auch die Wertigkeit des Themas: Die Geburtshilfe als Leistung sei für die Krankenhäuser finanziell unattraktiv, die Kreißsäle werden dementsprechend personell am unteren Limit betrieben. Wie aus dem Lehrbuch zu arbeiten, sei laut Schwarzenberger gar nicht möglich. Während darin eine Hebamme immer nur eine Patientin betreut, sind es im Berufsleben mehrere Frauen gleichzeitig. „Wo Arbeitskräfte überlastet sind, passieren Fehler. Diese kommen aber meist nicht an die Öffentlichkeit.“ Schwarzenberger nimmt die Politik in die Pflicht. „Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt, hier hat man eindeutig zu lange geschlafen.“

Rund um den Beruf Hebamme

Die Ausbildung zur Hebamme dauer­t drei Jahre und wird an sieben Fachhochschulen in Österreich angeboten. In Tirol ist die Entlohnung einer Hebamme mit einem monatlichen Mindestgehalt von 2623,38 Euro brutto bei Vollzeitbeschäftigung (ohne Dienste) festgesetzt. Derzeit sind hier 250 Hebammen registriert. Zwei Drittel von ihnen arbeiten (auch) freiberuflich – vor allem in der Vor- und Nachsorge.

In Deutschland würden Schwangere mit Wehen teilweise von den überlasteten Krankenhäusern abgelehnt und an nächstgelegene Einrichtungen verwiesen werden. Schwarzenberger hält dies auch in Tirol bereits in naher Zukunft für wahrscheinlich. Auf ausgeschriebene Stellen erhalten öffentliche Krankenhäuser teilweise lange keine Bewerber. Schuld daran sei u. a. das Ausbildungssystem – bisher starteten die Studien­gänge an den sieben österreichischen Fachhochschulen nur alle zwei bis drei Jahre mit je einem Dutzend Absolvente­n pro Zyklus.

Als Reaktion auf den akuten Hebammenmangel wurde an der Fachhochschule Gesundheit (FHG) in Tirol das Ausbildungsintervall im vergangenen Jahr von drei auf zwei Jahre verkürzt. „Vor etwa zwei Jahren haben wir erstmalig von der geänderten Bedarfssituation gehört. Das Land Tirol hat uns dann gebeten, Maßnahmen vorzuschlagen, um der erhöhten Bedarfssituation gerecht zu werden. Wir sind derzeit mitten in der Umstellung. Die Auswirkungen am Arbeitsmarkt werden somit im Jahr 2021 spürbar sein“, erläutert FHG-Sprecherin Claudia Potocnik. Aktuell drücken dort 50 künftige Hebammen die Schulbank – im Sommer schließen voraussichtlich 23 von ihnen ab. Die Erfahrung zeige aber, dass etwa die Hälfte von ihnen nicht in Tirol tätig sein wird, meint dazu Schwarzenberger. Den Rest werde der Markt ungemein schnell aufsaugen.

Der Mangel an Hebammen betrifft nicht nur Krankenhäuser in Tirol, der Fachkräftemarkt ist in ganz Österreich und Deutschland heiß umkämpft. Eine Entspannung ist nicht abzusehen – am Horizont zeichnet sich eine große Pensionierungswelle ab.