Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 11.02.2019


Exklusiv

ZukunftsRaum 2030: Für wen bauen wir die ganzen Wohnungen?

Das Zukunftspapier des Landes wirft die Frage auf, ob nicht schon lange am Bedarf vorbei Wohnungen gebaut werden und nur Anleger profitieren. So viel kommt jedenfalls nicht an Bevölkerung nach.

Blick über Innsbruck.

© Johanna BoehmBlick über Innsbruck.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Österreich- und Tirol-Karten, Balken- und Kuchendiagramme und die Bevölkerungspyramide zieren das Büro von Raumordner Robert Ortner. Der Abteilungsvorstand hat mit seinem Team den ZukunftsRaum, das Strategie- und Raumordnungspapier des Landes, evaluiert. „Erfunden“ in den Nullerjahren, verschwand das Strategiepapier immer wieder gerne in der Schublade. Als „Papiertiger“ will Ortner es dennoch nicht verstanden wissen. „Einiges wurde umgesetzt“, sagt er und verweist auf die Planungsverbände, die die damalige Raumordnungslandesrätin Anna Hosp ins Leben gerufen hatte.

Heute ist das Zukunftspapier eine Bestandsaufnahme, eine gute Dokumentation des Istzustandes und eine Vorausschau. „Es stellt sich schon die Frage, für wen wir die ganzen Wohnungen in Tirol bauen“, sagt Ortner.

2030 wird das Gros der Tiroler, die Babyboomer-Generation, jenseits der 70 sein. Die jüngeren Jahrgangskohorten fallen zahlenmäßig weitaus weniger mächtig aus. „Es kommt also weniger Bevölkerung nach. Es ist kritisch zu hinterfragen, ob der Bedarf an Wohnungen bei den Einheimischen überhaupt in dem Maß da ist.“

Seit der Finanzkrise 2008 sind in Tirol pro Jahr immer mehr Wohnungen gebaut worden. Von den gemeinnützigen, aber auch und vor allem von privaten Bauträgern. „Manche Anleger suchen gar keine Mieter, sondern verkaufen die noch nie benutzte Wohnung nach ein paar Jahren wieder.“ Allein die Wertsteigerung verlocke zum Spekulieren und sei weitaus höher als bei Spareinlagen, sagt Ortner. „Mehr Wohnungen zu bauen, müsse also nicht automatisch heißen, dass die Mieten sinken.“ Nicht umsonst muss sich die Landespolitik seit Jahrzehnten um „leistbares Wohnen“ kümmern. Bis dato hat der Markt die Politik vor sich her getrieben.

Der Vorteil von Beamten gegenüber Politikern ist, dass sie nicht wiedergewählt werden müssen. Daher sind die Vorschläge der Raumordnungsexperten in Österreich, unbebautes, bereits gewidmetes Bauland zu mobilisieren, etwas unorthodox. „Gewidmetes, aber brachliegendes Bauland muss steuerlich höher bewertet werden als bebautes.“

Warum die Grundstückspreise in Tirol astronomische Höhen erreichen, zeigt eine Grafik: Viel bleibt in der alpinen Landschaft zum Bauen nicht übrig. Auf 3,1 Prozent der Landesfläche drängeln sich Siedlungen, Industrie und Verkehr. Ziel sei, den zu erwartenden Bevölkerungszuwachs in bestehenden Siedlungsstrukturen unterzubringen. „Damit bleibt für zukünftige Generationen Handlungsspielraum erhalten.“

Das Strategiepapier bietet Handlungsempfehlungen an, die so futuristisch dann auch wieder nicht sind. Ortskerne zu beleben und nachzuverdichten, anstatt auf die grüne Wiese zu bauen, findet sich ebenso wie der Tipp, Leerstände zu ermitteln und mögliche Nachnutzungen aufzuzeigen. Eine Erhebung läuft derzeit. Auch in der neuen Version des ZukunftsRaumes findet sich eine alte Idee: die Wohnbauförderung zu verfeinern. Wer im Ortskern baut oder altes wiederbelebt, soll mehr Förderung bekommen als der, der sein Haus im Grünen verwirklichen will.

„Wo wollen wir wohnen, wo arbeiten und wo uns erholen. Das sind die zentralen Fragen“, meint Ortner. Dafür gelte es, geeignete Gebiete zu finden. Die Raumordner denken dabei nicht in Gemeindegrenzen. Bis die überwunden sind, wird der ZukunftsRaum wohl noch ein paar Mal evaluiert werden.

Wenn Einwohner sich vervielfachen

An Tirol ohne Tourismus zu denken, geht nicht. Zu den 751.000 Einwohnern sind 12,3 Millionen Touristen im Jahr dazuzurechnen. Die hohe Zahl wirkt sich auch auf die Infrastruktur aus. „In Fiss, Serfaus, Ladis versiebenfacht sich die Zahl der Einwohner in der Hochsaison", erklärt der oberste Raumplaner im Land, Robert Ortner. Als Kritik am Tourismus will Ortner seine Grafik nicht verstanden wissen, vielmehr als „Leistungsschau". Es sei jedoch klar, „dass das auch viel Geld kostet". Die Gemeinden müssten Infrastruktur wie Straßen oder Kanäle auf die Maximalbevölkerung auslegen und die Infrastruktur erhalten. „Auf diese Mehrbelastung ist zu achten."

Im Tourismus ging es stetig und dann steil bergauf: 1991 kamen noch acht Millionen Gäste. Es dauerte 17 Jahre, bis die Neun-Millionen-Grenze erreicht wurde. Dann wuchs die Branche immer rascher. Zuletzt produzierten die 12,3 Millionen Gäste rund 49 Millionen Nächtigungen. Tendenziell müssen immer mehr Gäste kommen, um die Nächtigungszahlen zu steigern. Die Aufenthaltsdauer ist auf rund vier Tage gesunken.

„Mehr Gäste bedeuten mehr Verkehr und hier stößt die Infrastruktur an ihre Grenzen", meint Ortner. „In Spitzenzeiten wohnen fast 100.000 Leute im Zillertal. Das sind mehr als doppelt so viele wie sonst." In Skidestinationen ist der Unterschied eklatant. Das Paznauntal muss im Winter mit rund 30.000 Gästen fertig werden, während Ischgl im Sommer den Einheimischen und wenigen Gästen vorbehalten ist. (aheu)