Letztes Update am Do, 14.02.2019 06:51

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Ermarcora über Hörls Video-Fake empört: „Unterste Schublade“

Mit einem Video ohne Ton wollte VP-Wirtschaftschef Franz Hörl Alpenverein und Tourengeher an den Pranger stellen. Nur: Der Ton überführt Hörls Fake.

Der Video-Mitschnitt stammt gar nicht aus Tirol.

© ScreenshotDer Video-Mitschnitt stammt gar nicht aus Tirol.



Von Peter Nindler

Innsbruck – Riesenaufregung um ein von VP-Wirtschaftsbundobmann NR Franz Hörl veröffentlichtes tonloses Video. Mit dem wirft Hörl u. a. dem Alpenverein vor, dass besonders Tourengeher, „die ohne Rücksicht auf Wildlebensräume und Eigentumsverhältnisse rudelweise Tiere verscheuchen und in steile Gräben und Schluchten treiben“, in diesem Winter ein großes Problem seien. Da hat ÖVP-Wirtschaftsbundobmann, Seilbahnsprecher, Nationalrat und Wirtschaftskammerpräsident Franz Hörl wieder einmal scharf geschossen. Doch diesmal offenbar ziemlich daneben. Wie Recherchen des ÖAV ergaben, stammt das Video weder von heuer noch aus Tirol.

ÖAV-Präsident Andreas Ermacora bezeichnet das Vorgehen als „unterste Schublade“. Hörl rang sich nur zu einer „Ich war nicht präzise genug“-Entschuldigung durch. Das von ihm auf Facebook und dann in einer Aussendung bewusst tonlos verbreitete Video, mit dem er die Rücksichtslosigkeit von Tourengehern gegenüber Wildtieren anprangert, stammt vom Februar 2018 und aus dem spanischen La Molina. Der Ton macht schließlich die Musik.

Hörl nimmt die Tourengeher ins Visier, der Alpenverein appelliert an respektvollen Umgang mit der Natur.
Hörl nimmt die Tourengeher ins Visier, der Alpenverein appelliert an respektvollen Umgang mit der Natur.
- APA

Kritik an Naturschutzorganisationen

„Tourengeher = Feinde der Wildtiere“ und „Wider den Behauptungen der alpinen Vereine gibt es auch solche Tourengeher. Bleibt von den Fütterungen und Einständen fern – respektiert Hinweisschilder, und rettet so Tierlebe­n“, polterte Hörl auf Facebook. Gleichzeitig kritisierte er in der Aussendung die von den Umweltorganisationen WWF, Alpenverein und Naturfreunden intensiv beworbene Petition „Die Seele der Alpen“ als Marketinginstrument. Der Alpenverein solle sich angesichts des Videos um seine Tourengeher kümmern.

"Liebe Freunde und Feinde - geschätzte Investigativ-ÖAV-Mitarbeiter! Warum die Aufregung?" NR Franz Hörl, VP  (Wirtschaftsbundchef)
"Liebe Freunde und Feinde - geschätzte Investigativ-ÖAV-Mitarbeiter! Warum die Aufregung?" NR Franz Hörl, VP (Wirtschaftsbundchef)
- Böhm

Die Recherchen des Alpenvereins haben allerdings ergeben, dass sich Hörl besser informieren und nicht suggerieren hätte sollen, dass es sich beim angehängten Videobeitrag um einen aktuellen Beitrag aus Österreich handle. Denn auf dem ersten Blick zeigt sich tatsächlich Unglaubliches: Skitourengeher hetzen wehrlose Gämsen offenbar grundlos durch hohen Schnee. Mit dem Ton vom Originalvideo sieht die Sache allerdings völlig anders aus. Denn die Tourengeher wollten die Gämsen nicht verscheuchen, sondern sie aus dem Schnee Richtung Wald treiben. In französischen Medienberichten hat man die Wintersportler dafür sogar gelobt. Darauf wurde Hörl am Dienstag auch hingewiesen, doch der argumentiert nur noch provokativ und trotzig.

Ermacora: „Fakten sprechen für sich“

„Liebe Freunde und Feinde – geschätzte Investigativ-ÖAV-Mitarbeiter! Warum die Aufregung?“, richtet er dem Alpenverein aus. Für ihn ist dieser Film von enormer Symbolkraft – „auch wenn für mich, und das gebe ich gerne zu, die Herkunft nicht von primärer Bedeutung war. Entschuldigung, wenn ich hier nicht präzise genug war.“ Das Video sei ihm dieser Tage zugespielt worden und passe haarscharf zu den unzähligen Berichten aus den heimischen Bergen von Jägern und Naturliebhabern.

Doch die Aufregung ist groß, Alpenvereinspräsident Andrea­s Ermacora ist entsetzt über die Vorgangsweise von Hörl. „Eigentlich sprechen die Fakten für sich. Hörl bedient sich hier Methoden aus der untersten Schublade.“ Dem ÖAV sei natürlich klar, dass gerade wegen der tiefwinterlichen Verhältnisse ein besonders respektvoller Umgang mit der Natur und der Tierwelt von allen Wintersportlern eingefordert wird. „Es gibt schwarz­e Schafe, aber gerade in der Vorwoche haben wir gemeinsam mit den Land&Forst-Betrieben in Österreich (LFBÖ) an alle Wintersportler appelliert, ihre Freizeitaktivitäten mit einem Herz für die Natur auszuüben.“

"Die Fakten sprechen für sich. Eine solche Vorgangsweise ist eines Nationalrats nicht würdig." Andreas Ermacora (Alpenvereinspräsident)
"Die Fakten sprechen für sich. Eine solche Vorgangsweise ist eines Nationalrats nicht würdig." Andreas Ermacora (Alpenvereinspräsident)
- Dähling

Für Ermacora gehen die Attacken Hörls völlig ins Leere, und die Petition für die Alpen schaffe notwendiges Bewusstsein „für unseren sensiblen Lebensraum“. Dass vor allem der Wirtschaftsbundobmann seit Monaten die Debatten zuspitze und die Konfrontation suche, sei befremdlich. Nur seine jetzige Aktion sei die Spitze. „Sie ist eines Nationalrats nicht würdig“, findet der Alpenvereinspräsident deutliche Worte.

Politisch schlägt Hörl ebenfalls Wellen. Für den grünen Klubchef Gebi Mair ist klar, was Franz Hörl mit seinem Video, das über 100.000 Mal gesehen und 1300 Mal geteilt worden sei, bezwecke: „Hörl wollte die Tiroler Alpenvereinsmitglieder schlechtreden. Da hilft es auch jetzt nichts, wenn er so tut, als ob er nur generell auf das Verhalten von Wintersportlern aufmerksam machen wollte.“ Mair fordert eine Klarstellung und Entschuldigung Hörls. „In Tirol wollen wir einen anderen Weg gehen, nämlich den des Miteinanders. Respekt und Rücksicht sollen im Zentrum stehen. Hier ist sicher auch noch Bewusstsein bei uns Tourengehern zu schaffen. Mit Aufhussen kommen wir aber nicht weiter.“

"Wer mit Fake Videos Stimmung macht, will diffamieren, nicht zum besseren Verständnis beitragen." Gebi Mair , Grüne (Klubchef).
"Wer mit Fake Videos Stimmung macht, will diffamieren, nicht zum besseren Verständnis beitragen." Gebi Mair , Grüne (Klubchef).
- Böhm