Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 23.02.2019


Bezirk Imst

“Trinkwasser sichern, Verkehr reduzieren“: Bangen um Wasserschloss Tschirgant

Die Belastungsgrenzen der Bevölkerung im Oberland und Außerfern sind überschritten, die Wasserreserven dürfen nicht angetastet und das Verkehrsdosiersystem muss rasch ausgebaut werden.

Fritz Gurgiser (gr. Bild) demonstriert unter den argwöhnischen Blicken des Haiminger Hausherrn BM Josef Leitner, wie das (Verkehrs-)Fass zum Überlaufen gebracht wird: „Das passiert, wenn von oben immer weiter nachgeleert wird.“

© ParthFritz Gurgiser (gr. Bild) demonstriert unter den argwöhnischen Blicken des Haiminger Hausherrn BM Josef Leitner, wie das (Verkehrs-)Fass zum Überlaufen gebracht wird: „Das passiert, wenn von oben immer weiter nachgeleert wird.“



Von Thomas Parth

Haiming – Am Donnerstagabend fand eine sehr gut besuchte Veranstaltung der Gemeinde Haiming und des Transitforums statt. Frei nach dem Motto der Einladung „Rund um den Tschirgant Trinkwasser sichern, Verkehr reduzieren“ war der Oberlandsaal voll besetzt.

Zunächst lieferten die beiden Oberösterreicher Johannes Matzinger und Oliver Montag anhand des Götschkatunnels dramatische Einblicke, was beim Tunnelbau alles schiefgehen kann. „Jeder Tunnel unterhalb des Wasserspiegels hat Auswirkungen“, fasste Oliver Montag seine Ausführungen zur Geologie zusammen. Trotz aller Probebohrungen und trotz langjähriger Messungen senkte sich der Grundwasserspiegel derart dramatisch, dass 50 Brunnen quasi von einem Tag auf den anderen trocken fielen. Johannes Matzinger zeigte die Ersatzmaßnahmen auf. Der Loibersdorfer Bach trocknete aus und wird seither durch Pumpen künstlich am Leben erhalten. Landwirte, die durch Gutachten ihren Verlust beziffern konnten, hat die Asfinag durch eine Einmalabgeltung entschädigt.

„Wir wollen keine Entschädigung“, stellte der Obmann der Haiminger Wassergenossenschaft, Hubert Wammes, unmissverständlich klar. 70 Quellen bei einer geschätzten Wassersäule von 300 Metern würden sich im „Wasserschloss Tschirgant“ befinden. Ein Absinken des Grundwasserspiegels wäre für die örtliche Landwirtschaft, respektive den Haiminger Apfelanbau, fatal.

Die Haiminger sehen ihre strategischen Trinkwasserreserven durch eine Tunnelbohrung quer durch Tschirgant bzw. Simmering bedroht. Diese Haltung untermauerte die Gemeinde im Jahr 2004 durch eine Volksbefragung. Die Haiminger hatten sich zu 84 Prozent, bei 30-prozentiger Wahlbeteiligung, gegen einen Tschirganttunnel ausgesprochen. Ein Gemeinderatsbeschluss von damals spiegelt diese Haltung wider, indem keine Flächen für den Tunnelbau zur Verfügung gestellt werden. Ein Beharrungsbeschluss aus dem Jahr 2017 erneuert diese ablehnende Haltung, wie BM Josef Leitner verdeutlicht.

Fritz Gurgiser versuchte die bis dahin sehr sachliche Diskussion zu emotionalisieren: „Denen im Ziegelstadel geht’s gleich wie uns: Wir sind auch Gefangene. Durch den Verkehr wird es immer enger, nur die Täler werden von alleine nicht breiter. Freiheit für den Verkehr ja, aber nicht vor der Gesundheit der Leute. Die Belastungsgrenzen sind überschritten.“ Gurgiser plädierte für restriktive Kontrollen nach der Straßenverkehrsordnung, für die Umsetzung eines elektronischen Dosiersystems und dafür, die Touristiker mit ins Boot zu holen. Die Verkehrsstudie zum Zusammenschluss der Gletscherskigebiete Ötztal und Pitztal würde interessanterweise in Ötztal-Bahnhof beginnen und an den Gletschern enden. Was auf den Zubringerstrecken von der Grenze bis zur A12 passiert, interessiere nicht. „Die Zeiten sind vorbei, in denen man ungezügelt Betten und Lifte ausbaut und sagt: ,Der Verkehr geht mich nichts an!‘“, wettert Gurgiser und pocht auf das Verursacherprinzip: „Wer viel Müll produziert, muss eine höhere Gebühr bezahlen.“

Nassereiths BM Herbert Kröll und sein Obsteiger Amtskollege Hermann Föger führten die Verkehrsfrequenz über die schwer belastete Fernpassroute ins Treffen. „Es ist legitim, über einen Tunnel zu sprechen“, so Föger. Aufgrund eines Tunnels fahre kein einziges Auto weniger, eher verhalte es sich umgekehrt, so BM Leitner, und „eine Durchzugsroute über den Brenner reicht für Tirol. Wir brauchen keine zweite.“

BM Kröll sieht die Fernpassstrategie der Landesregierung als gutes Mittel, um Radfahrer oder Traktoren, welche den Verkehrsfluss behindern, von der Strecke zu bekommen. Auch würden die Täler vom Tourismus leben und viel Verkehr sei hausgemacht. „Und was die Ängste ums Wasser betrifft, verlasse ich mich auf unsere strengen Behördenverfahren“, so Kröll.

Ob man sich auf die Aufrechterhaltung eines 7,5-Tonnen-Limits für Lkw auf der Fernpass-Route verlassen könne, wollte ein Diskutant wissen. „Diese Frage wird nicht von einem Gutachter entschieden, sondern von einem Höchstgericht“, ist Fritz Gurgiser skeptisch.

Eine Gruppe aus dem Außerfern mit Alt-BM Albert Linser aus Bichlbach und BM Alois Oberer forderte eine Ausdehnung des bestehenden Dosiersystems. „Warum wird das System, das zwischen Lermoos und Reutte gut funktioniert, nicht ausgedehnt? Warum wird mit Deutschland nicht geredet?“, gibt sich BM Oberer verwundert.