Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 17.03.2019


Landespolitik

Verwirrung um die Deutschförderklassen

Bei der Bilanz der Deutschförderklassen fallen vor allem die unterschiedlichen Ergebnisse der Bundesländer auf. In Tirol wechselten drei Prozent in die Regelklasse – oder waren es doch mehr?

Tirol als Schlusslicht, doch die ersten Zahlen scheinen ungenau zu sein.

© Getty Images/iStockphotoTirol als Schlusslicht, doch die ersten Zahlen scheinen ungenau zu sein.



Von Michaela S. Paulmichl und Sabine Strobl

Innsbruck – In Tirol lohnt sich ein zweiter Blick auf die Statistik. Diese Woche präsentierte das Bildungsministerium eine erste Bilanz der neuen Förderklassen: Rund 1500 Schüler – 16 Prozent der 9800 Kinder, die das Schuljahr 2018/19 in einer Deutschförderklasse starteten – verließen diese nach dem ersten Semester. In Wien waren es 15, in Tirol 3 Prozent. Gründe für den Abgang wurden nicht erfasst.

Laut Bildungsminister Heinz Faßmann ist es noch zu früh, die Wirksamkeit der Deutschförderklassen zu bewerten. Zu den unterschiedlichen Ergebnissen hieß es auf Nachfrage im Ministerium, dass das Modell noch Zeit brauche. Hinter den variierenden Ergebnissen dürfte die Verwaltungspraxis stehen.

Anders als es die von Wien herausgegebenen Zahlen vermitteln, will man in Tirol im Bundesvergleich jedenfalls nicht Schlusslicht sein: „Von 310 Schülern, die im Herbst in eine Deutschförderklasse gingen, wechselten 31 in eine Regelklasse, das sind rund zehn Prozent“, verkündet Bildungslandesrätin Beate Palfrader. Eine höhere Zahl sei unrealistisch: „Kinder, die die deutsche Umgangssprache nicht beherrschen, können nicht schon nach einem halben Jahr in die Regelklasse wechseln.“ Erst müsse sichergestellt sein, dass sie dem Regelunterricht folgen können, die Entscheidung liegt bei den Direktoren. Seriöse Vergleiche seien erst möglich, wenn der für April erwartete standardisierte Deutschüberprüfungstest zur Verfügung steht. Im Herbst ist der einheitliche Lehrplan, der den Schulen bereits zur Verfügung steht, dann auch verpflichtend.

In Tirol gibt es 21 Sprachförderklassen, 17 an Volksschulen, zwei an NMS, eine an einem Poly und eine an einer AHS. Werner Mayr, Bildungsdirektion Tirol, kann sich die unterschiedlichen Angaben nicht erklären und tippt auf ein „Softwareproblem“ bei der Weitermeldung der Daten. Allerdings bezieht sich die österreichweite Statistik nur auf Sprachlernklassen an Pflichtschulen.

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An der Volksschule Neuarzl haben 72 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. „Wir sind ein großes Zuzugsgebiet und beschäftigen uns schon seit Jahren mit dieser Thematik“, sagt Direktorin Erika Bucher. In der Sprachförderklasse sind zurzeit 13 Schüler aus fünf verschiedenen Nationen, die dem Unterricht in der ersten Klasse aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht folgen können. „Die Kinder während des Schuljahres in die Regelklasse wechseln zu lassen, daran ist aber nicht zu denken.“ Die anderen Schüler sind bereits alphabetisiert. Erika Bu­cher hält sehr viel von den Sprachförderklassen: „Man sollte sie nicht abschaffen, sondern im Gegenteil weiter ausbauen und dabei die Gruppen so klein wie möglich halten. Dann ist das Ergebnis des Sprach- erwerbs zielführender.“ Was fehlt, seien Ressourcen, da bräuchte es dringend mehr Unterstützung. Derzeit wird ab acht Kindern eine Klasse eröffnet, bis zu 25 Schüler sind möglich. „Das ist mit einer Lehrkraft sehr schwierig, es bräuchte eine zweite.“

Keine genauen Zahlen gibt es auch aus Vorarlberg, wo den Schulen wie in Tirol der Lehrplan des Ministeriums empfohlen wurde: Laut Elisabeth Mettauer-Stubler von der Bildungsdirektion gab es im Herbst elf Deutschförderklassen, im zweiten Semester sind es 13. „Wir haben viele Kinder dazubekommen, es sind aber auch einige weggezogen.“ Die Gesamtzahl sei von 108 auf 131 Schüler angestiegen.

Wie in Tirol verließen auch in Niederösterreich wenige Kinder die Förderklassen. Wie Bildungsdirektor Johann Heuras erklärt, „zeigen die Unterschiede, dass offensichtlich unterschiedliche Niveaus bei den Deutschkenntnissen angenommen wurden. Dies zeigt, wie wichtig unsere Forderung nach standardisierten Messmethoden ist.“ In Kärnten muss die Statistik wieder anders gelesen werden. Dort wurde kein Kind von den Deutschförderklassen in die Regelklasse übernommen. „Das ist ein Übergangsjahr. Ein Resümee ziehen kann man erst, wenn alles einheitlich läuft“, sagt Bildungsdirektor Robert Kinglmair. Dann könne man auch die Unterschiede in den Bundesländern auswerten.

3 Fragen an Bildungswissenschafter Stefan Thomas Hopmann

1 Was sagt die Wissenschaft, wie erlernt ein Kind am besten eine Sprache? Am besten lernt man eine Sprache im Umgang mit jenen, die diese Sprache beherrschen. Je nach Umfeld ist es für Kinder keine Schwierigkeit, mit mehreren Sprachen aufzuwachsen. Einen festen Zeitrahmen kann man dafür nicht angeben. Das hängt auch davon ab, wie gut man die Ausgangssprache beherrscht, und wie gut die Hilfen sind, die man bekommt, die Sprachen miteinander zu verknüpfen. Letzteres ist besonders schwierig, wenn man mit anderen zusammen lernen soll, die die neue Sprache auch nicht können, oder wenn die jeweilige Lehrkraft die jeweiligen Ausgangssprachen nicht versteht. Integriert in eine Gruppe, in der andere die Schulsprache beherrschen, sollten die meisten Kinder nicht länger als ein halbes Jahr brauchen, um im Alltag mitmachen zu können, und nicht mehr als ein Jahr, um in den meisten Schulfächern gut mitfolgen zu können. Sie werden aber immer wieder Hilfe benötigen, wenn neue Unterrichtsinhalte neue Sprachinhalte erfordern.

2 Was ergibt der internationale Vergleich? Wie man an vielen bilingualen oder internationalen Schulen lernen kann, ist die Mehrsprachigkeit als solche kein großes Hindernis, sondern der Forschung nach im Gegenteil ein metakognitiver Vorteil. Sie wird nur dann zum Problem, wenn den Schülerinnen und Schülern innerhalb und außerhalb der Schule die Ressourcen fehlen, allfällige Defizite aufzuholen. In vielen Ländern wie etwa Kanada oder Norwegen gelingt das besser als bei uns. Dementsprechend haben wir es in Österreich weniger mit einem Sprachproblem als mit den Folgen fehlender sozialer und ökonomischer Ressourcen außerhalb und dementsprechend zu geringer Lernunterstützung innerhalb der Schulen zu tun.

3 Was hat die Vermittlung von Sprache mit Ideologie zu tun? Die Erwartung, dass die jeweilige Schulsprache gelernt werden soll, ist nicht das Problem. Wir haben in Österreich sogar Schulen, in denen der Unterricht ganz oder teilweise auf Englisch erteilt wird, ohne dass das jemanden aufregt. Schulsprache wird erst dann zur Ideologie, wenn sie als Instrument benutzt wird, um bestimmte Bevölkerungsgruppen auszugrenzen und deren Kinder auch noch dafür zu bestrafen, dass ihnen die Voraussetzungen verweigert werden, die es bräuchte, um ihre Schulprobleme zu lösen. Das ist gegenwärtig in Österreich vorsätzlich der Fall.

Das Interview führte Sabine Strobl