Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 17.03.2019


Tirol

Missbrauch im Heim Martinsbühel: “Man muss die Opfer ernst nehmen“

Einer Tirolerin wurde 2016 eine Rente zuerkannt, da Martinsbühel sie gebrochen hat. Michael Fill von VertretungsNetz Erwachsenenvertretung fordert vom Land Verzicht auf Verjährung.

In Martinsbühel wurde Anna F. vor Jahren missbraucht.

© Vanessa Rachlé / TTIn Martinsbühel wurde Anna F. vor Jahren missbraucht.



Von Alexandra Plank

Innsbruck – Die gute Nachricht zuerst: Sie betrifft Anna F. (Name der Redaktion bekannt). Die Klientin des Vereins VertretungsNetz erhält bis zum Lebensende eine Rente von 1300 Euro nach dem Verbrechensopfergesetz, 14-mal pro Jahr. Das lässt die Tirolerin, die in Martinsbühel Schreckliches erleiden musste, erstmals ohne finanzielle Sorgen in die Zukunft schauen. Von der Rentennachzahlung sind nach Abzug der Anwaltskosten (die Kanzlei Tschütscher/Kapferer war sehr kulant) und der Rückzahlung der Sozialhilfe noch rund 20.000 Euro übrig geblieben.

Anna F.s Erwachsenenvertreter Gottfried Lichtmannegger, der die Ansprüche für die 53-Jährige durchgesetzt hat, erzählt, dass sie sehr zufrieden sei. Erstmals konnte sie ihre Mietwohnung nach ihren Vorstellungen einrichten. „Unsere Klientin war eine der wenigen, der die Pension in dieser Form zuerkannt wurde, sie war wohl die letzte in Österreich, bei der die Gerichte davon ausgingen, dass sie im Leben nicht Tritt fassen konnte, weil sie fürchterlichem Missbrauch in Martinsbühel ausgesetzt war“, so Lichtmannegger.

Mittlerweile wurde vom Land eine Kommission zu den Vorgängen im Erziehungsheim in Zirl eingesetzt. Die Ansprüche von ehemaligen Klienten des Erziehungsheimes werden nun aber automatisch über das Heimopferrentengesetz abgewickelt. „Ich schätze die Personen, die in der Kommission vertreten sind, aber die Zustände, die in Martinsbühel geherrscht haben, sind hinreichend bekannt“, sagt Michael Fill, Bereichsleiter von VertretungsNetz für Tirol. Es ginge darum, dass man die einstigen Heimkinder ernst nehme. Das würde bedingen, dass man ihnen zugesteht, dass sie Opfer eines Verbrechens geworden sind. So wie das bei Anna F. der Fall war. Das psychiatrische Gutachten kam zum Schluss, dass „eine Arbeitsunfähigkeit aufgrund der kausalen psychischen Gesundheitsschädigung vorliegt“.

Anna F. hatte sich einer Freundin anvertraut, es gibt eine Zeugin für das Unfassbare: Das Mädchen wurde in eine Art Zwangsjacke gesteckt, stundenlang ins „Loch“ gesperrt und bekam kein Essen. Vergessen wird Anna F. das nie, aber sie nagt wenigstens nicht mehr am Hungertuch. Lichtmann­egger pocht wie Fill darauf, dass die Verjährung fällt. „Frau F. hat mir erst spät erzählt, was sie ertragen musste. Als wir das Verfahren für die Rente eingeleitet haben und zur Psychiaterin mussten, ist sie abgehauen“, erzählt Lichtmannegger. Es sei für die Opfer auch nach Jahrzehnten sehr schwer, über das Erlebte zu sprechen. Es bestehe die Gefahr, dass es zu einer Retraumatisierung komme.

Aktuell erhalten Opfer nach dem Heimopferrentengesetz 314,57 Euro, zwölfmal im Jahr. Der geringe Betrag signalisiere, alles sei nicht so schlimm gewesen. „Übernehmen wir Verantwortung. Begegnen wir den Opfern auf Augenhöhe, indem wir alle entschädigen, die Missbrauch unterworfen waren – nicht erst am Nimmerleinstag.“ Fill tritt auch für eine Beweislastumkehr ein: „Der Missbrauch in den Heimen, nicht nur in Martinsbühel, war systematisch. War jemand in den 70er-, 80er-Jahren dort, kann man davon ausgehen, dass er Gewalt erfahren hat“, schließt Fill.




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