Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.03.2019


Bezirk Kufstein

Wenn röhrende Hirsche auf ein Hoteldorf treffen

Hitzige Debatte um das geplante Bad Häringer Hoteldorf im Gemeinderat. SPÖ schmetterte alle Einwände mit Absoluter ab.

Gemeindevorstand Werner Drexler (stehend) verlas die Stellungnahme der SPÖ Bad Häring.

© OtterGemeindevorstand Werner Drexler (stehend) verlas die Stellungnahme der SPÖ Bad Häring.



Von Wolfgang Otter

Bad Häring – Röhrende Hirsche und brüllende brünstige Kühe als Argumente der Gegner, ein für Bad Häring ungewöhnlicher Zuhöreransturm und ein entnervter Bürgermeister, der das Publikum nach Gelächter aus dem Saal schmeißen wollte – die Debatte zum geplanten Hoteldorf in der Gemeinderatssitzung geriet fast zur Dorfposse. Aber sie zeigte auch, wie groß der Spalt ob dieses Themas im Ort geworden ist, nicht nur politisch.

Seit knapp drei Jahren bemüht sich eine Gesellschaft darum, am Areal des ehemaligen Campingplatzes das Hoteldorf mit Appartements für 76 Betten zu bauen. An und für sich war in der vorangegangenen Gemeinderatssitzung die Sonderflächenwidmung bereits mit neun zu sechs Stimmen abgesegnet worden, die TT berichtete. Die SPÖ hat dazu Gebrauch von ihrer absoluten Mehrheit gemacht. Grüne und ÖVP stemmten sich dagegen. Zwei Stellungnahmen machten nun aber in der jüngsten Sitzung eine neuerliche Behandlung notwendig.

„Sind jetzt bei 
uns in der Gemeinde Bad Häring die Investoren wichtiger als die Jungfamilien?“
Andreas Aufinger 
(Gemeindevorstand)
„Sind jetzt bei 
uns in der Gemeinde Bad Häring die Investoren wichtiger als die Jungfamilien?“ Andreas Aufinger 
(Gemeindevorstand)
- Otter

Eine Stellungnahme kam vom VP-Gemeindevorstand Andreas Aufinger, der Beeinträchtigungen für seine Landwirtschaft ins Spiel brachte. Brünstige brüllende Kühe und das Aufbringen von Mist und Gülle seien mit einem Tourismusbetrieb in unmittelbarer Nähe nur schwer vereinbar, meinte er. Und der Trend zum Urlaub mit Hund halte an. „Ich habe bereits viele durch Hundekot erkrankte Kühe im Stall“, fügte der Bauer an. Ein zweiter Landwirt brachte nicht nur Formalfehler, sondern auch den nahen Bach als Gefahrenquelle und sein Wildgehege als Störfaktor ins Spiel. Auch hier gebe es eine Lärmbelastung durch „röhrende Hirsche“.

Der Raumordner wies aber alle Argumente, nicht nur tierischer, sondern auch raumordnerischer Natur, ab. Außerdem, so Bürgermeister Hermann Ritzer, „grenzt die Sonderfläche gar nicht an das Hirschgatter“.

„Wir können den Saal räumen lassen. Ich sage es zum letzten Mal, einmal noch, und der Saal ist leer.“
Hermann Ritzer 
(Bürgermeister)
„Wir können den Saal räumen lassen. Ich sage es zum letzten Mal, einmal noch, und der Saal ist leer.“ Hermann Ritzer 
(Bürgermeister)
- Otter

Blieb noch die politische Diskussion, bei der es laut wurde. Die Bürgermeisterliste (SPÖ) stimmte neuerlich mit Ja, auch weil das Projekt Nutzen für die Gewerbetreibenden im Ort bringe, „die Gäste gehen einkaufen und essen im Dorf, sie sorgen für die Belebung des Ortes“, sagte GV Werner Drexler. Die Fläche sei lange als Campingplatz genutzt gewesen, so BM Ritzer, der zudem sehr beliebt und ausgelastet war. Auch seien Tennisplatz, Kegelbahn und Schwimmbad in der Nähe. Und es entspreche dem örtlichen Raumordnungsplan. Auch der TVB Kufsteinerland begrüße das Hoteldorf, wie es in einem vom Bürgermeister verlesenen Schreiben hieß.

Die ÖVP argumentierte mit mehr Verkehr und damit, dass keine neuen Arbeitsplätze entstehen, „weil Zutritt und Buchung elektronisch erfolgen und die Hausmeisterarbeiten über Drittfirmen passieren“. Außerdem brauche der Antragsteller keine Fläche für den erschwinglichen Wohnbau abzutreten. „Sind Investoren wichtiger als heimische Jungfamilien?“, fragte Aufinger provokant und erntete Applaus von den Zuhörern, was dem Publikum den ersten Ordnungsruf des Dorfchefs einbrachte.

„Ich muss euch bitten, einmal eine Schulung in Raumordnung zu machen, dann kennt ihr euch vielleicht einmal aus“, warf Ritzer der ÖVP entgegen.

Aber auch die Grünen pochten darauf, dass durch den „höchstmöglichen Automatisierungsgrad nur wenige Arbeitsplätze entstehen“, wie GR Stefan Lettenbichler meinte. Es fehle zudem die ökologische Bauweise und das gemeindeeigene Gasthaus Pölvenblick sei nicht ins Konzept eingebunden. Außerdem werde landwirtschaftliche Fläche verbaut. Noch eine Gefahr gebe es: nämlich dass „Freizeitwohnsitze durch die Hintertür geschaffen werden“. Die Diskussion gipfelte nach Gelächter aus dem Publikum in einer bürgermeisterlichen Drohung: „Wir können den Saal räumen lassen. Einmal noch, und der Saal ist leer.“

Fazit: Die Sozialdemokraten drückten neuerlich Widmung und Bebauungsplan gegen ÖVP und Grüne durch, Gäste, Kühe und Hirsche werden sich also aneinander gewöhnen müssen.

Laut Betreibern werde es durchaus neue Arbeitsplätze geben, auch das Nebeneinander von Kühen und Gästen sei in Bad Häring nichts Neues.