Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 15.04.2019


Landespolitik

Trotz heftigem Protest: Tiroler Spitalsreform geht ins Finale

Das LKH Natters soll ab 2025 eine Pflegeeinrichtung werden, die Kinderstation in St. Johann teilweise bleiben. Viele Patienten sind verunsichert.

Das Landeskrankenhaus in Natters.

© Thomas Boehm / TTDas Landeskrankenhaus in Natters.



Innsbruck — Nach den Gesprächen mit den Betreibern der neun öffentlichen Krankenhäuser im Land — den Tirol Kliniken und den Gemeindekrankenhausverbänden — geht die geplante Spitalsreform ins Finale. Es soll eine verbesserte Angebotsabstimmung unter den Spitälern und rund 200 Betten weniger geben. Gleichzeitig wird die Anzahl der Betten für die Akut- und Übergangspflege auf 124 aufgestockt.

Zuletzt entzündeten sich die Auseinandersetzungen vor allem an der mittelfristigen Schließung des Krankenhauses Natters, das auf Lungenheilkunde spezialisiert ist, und der Kinder- und Jugendstation im Bezirkskrankenhaus St. Johann. Derzeit werden die Stellungnahmen zu den Vorschlägen des Landes eingearbeitet, zu Natters und St. Johann fallen sie aus der Sicht der Betroffenen vor Ort kritisch aus. Morgen Dienstag, 19.30 Uhr, stellt sich Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) bei einem TT-Forum im Gemeindesaal in Natters der Diskussion über die Zukunft des Landesspitals. Unter den dortigen Mitarbeitern und Patienten macht sich schließlich große Verunsicherung breit.

Vor der abschließenden Gesprächsrunde mit den Spitalserhaltern im Mai, in denen der Regionale Strukturplan Gesundheit 2025 endgültig finalisiert wird, sickerte allerdings durch, dass Natters zu einer Pflegeeinrichtung umfunktioniert wird. Das käme auch Lungenpatienten mit Pflegebedarf zugute.

Für die Region Kufstein-Kitzbühel soll zwar die Kinder- und Jugendheilkunde schwerpunktmäßig im Bezirkskrankenhaus Kufstein angesiedelt werden, in St. Johann dürfte jedoch eine stationäre Außenstelle bleiben. Und Tirol wird überdies Gespräche mit dem Land Salzburg über finanzielle Beteiligungen führen. Denn viele der 2365 inländischen Gastpatienten in St. Johann stammen aus Salzburg.

Jedenfalls kämpfen die Tiroler Bezirkskrankenhäuser schon jetzt mit einem Fachärztemangel: In fast jedem Spital können die Wochenenddienste in der Geburtshilfe nur mit externen Fachärzten gesichert werden. (pn)

Fachärztemangel belastet Spitäler: Lage vor allem in Hall angespannt

Die Spitalsreform mit den geplanten strukturellen Anpassungen in allen neun öffentlichen Krankenhäusern des Landes lässt die Wogen hochgehen. Doch die explodierenden Abgänge, vor allem der Tirol Kliniken mit der Klinik Innsbruck, zwingen die Landespolitik zum Handeln.

75,5 Millionen Euro mussten das Land Tirol und die Gemeinden im Vorjahr nachträglich finanzieren, allein das Landeskrankenhaus/Klinik Innsbruck wies ein negatives Betriebsergebnis von 46,1 Millionen Euro auf. Deshalb kommt es im Zentralraum Innsbruck zu den weitreichendsten Schwerpunktsetzungen. Denn das LKH Natters wird mittelfristig zugesperrt, die dortige Lungenheilkunde in Innsbruck konzentriert und die Innere Medizin mit der Akutnachbehandlung von Herz- und Tumorpatienten an das Landeskrankenhaus Hall verlagert.

Derzeit verfügt Natters über 164 Betten und zwei Primariate (Lungenheilkunde und Innere Medizin) sowie mehrere Institute, für die 250 Mitarbeiter gibt es eine Arbeitsplatzgarantie. In den nächsten Wochen finden die finalen Abstimmungsgespräche statt, Natters soll eine Pflegeeinrichtung werden. In der emotionalen Diskussion über die Spitalsreform gehen die personellen Probleme der Spitäler nahezu unter.

Denn diese kämpfen hauptsächlich im Bereich der Geburtshilfe und Gynäkologie durchwegs mit einem Fachärztemangel. In einer Antwort auf eine Landtagsanfrage von Liste-Fritz-Klubobfrau Andrea Haselwanter-Schneider bestätigt Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (VP), dass nicht nur in Hall Ärzte für Wochenend- und Bereitschaftsdienste von außen geholt werden müssen, um diese besetzen zu können.

Im Landeskrankenhaus Hall ist es jedoch eklatant: 2018 wurden an Wochenenden bzw. Feiertagen insgesamt 66 Bereitschaftsdienste durch externe Fachärzte abgedeckt, dazu kamen noch einmal 70 Bereitschafts- dienste durch Mediziner von außen während der Woche. In den anderen Krankenhäusern mussten zwischen 2016 und 2018 ebenfalls auswärtige Fachärzte aushelfen. In den Spitälern Zams, Reutte und Lienz gab es kein Jahr ohne externe Unterstützung. Im Vorjahr blieb dies dem BKH Schwaz auch nicht erspart. Dort konnten 40 Wochenenddienste nicht mehr intern geregelt werden. (pn)

Aus für Natters: Die Sorgen der Patienten

Das Krankenhaus in Natters soll geschlossen werden: Die Pläne stoßen bei Personal und Patienten auf Unverständnis, die TT berichtete. Viele sind verunsichert. Einer dieser Patienten ist Ingo N. — er möchte anonym bleiben, sein Name ist der Redaktion bekannt. Seit einem Lungeninfarkt vor 18 Jahren ist er Akutpatient in Natters. „Mein Mann hat ein sehr instabiles Bronchialsystem und eine Lungenfunktion von nur 46 Prozent. Seine Infekte bilden sich meistens nachts oder bis Mittag mit auf 40 Grad steigendem Fieber. In diesem Fall muss er sofort aufgenommen werden, da er dann auch dringend Sauerstoff benötigt", schreibt seine Frau an das Ombudsteam.

In den vergangenen Jahren hat sich sein Zustand verschlechtert, seit zwei Jahren wird der Tiroler etwa einmal im Monat zur Bronchoskopie stationär in dem Krankenhaus aufgenommen, inzwischen hat er bereits den 27. Eingriff dieser Art hinter sich — immer mit Narkose. An dem Krankenhaus schätzt das Ehepaar, „dass man sich dort unermüdlich um die Patienten bemüht. Man wird sogar zu Hause informiert, wenn sich besondere hartnäckige Keime nach Abstrichen gebildet haben, um sie mit den richtigen Medikamenten zu behandeln."

Es sei außerdem beruhigend, dass immer ein persönliches Gespräch mit den Ärzten möglich ist. „Natürlich sind viele beunruhigt, auch da niemand so genau weiß, wie es weitergehen soll", sagt Markus Hirsch, Facharzt für Lungenkrankheiten in Natters und behandelnder Arzt des Tirolers. „Mitarbeiter und Patienten fragen sich, warum ausgerechnet eine Einheit, die die Bevölkerung jahrzehntelang so gut versorgt hat, geschlossen werden soll."

Täglich rufen Patienten an — Menschen, die seit Jahren regelmäßig zur Kontrolle kommen — und fragen, ob die vereinbarten Termine noch gelten, ob es das Krankenhaus dann überhaupt noch geben wird, und vor allem, ob sie nach der Schließung wohl weiterhin so gut versorgt werden wie bisher.

Die geplante Spitalsreform sieht derzeit vor, dass das Landeskrankenhaus in Natters bis 2025 geschlossen werden soll, die Abteilung für Pulmologie wird in die Klinik in Innsbruck eingegliedert. Hirsch: „Natters ist das Versorgungszentrum für Lungenkrankheiten in Tirol, wir betreuen viele Akutfälle und chronisch Kranke. Natürlich wird diskutiert, wie und wo es weitergehen soll. Viele teilen die Befürchtung, dass die sehr gute Zusammenarbeit der Anästhesieabteilung und der Pulmologie, die auch durch die kleine Struktur ermöglicht wird, zerschlagen werden soll."

Ingo N. ist einer seiner Hochrisikopatienten, „wegen seiner Erkrankung kommt er regelmäßig ganz akut mit schwerer Atemnot zu uns nach Natters, es ist eine heikle Situation, er könnte ersticken. Seine Frau meldet ihn dann immer zur Bronchoskopie an, er kann es in diesem Moment selbst nicht mehr. Für ihn geht es um die Sicherheit, einen Ansprechpartner zu haben, bei dem er sich jederzeit melden kann. Er kennt uns und wir ihn und dadurch gibt es Hilfe auch für heikle Fälle wie diesen." Bronchoskopien werden zwar auch in anderen Krankenhäusern vorgenommen, laut dem Oberarzt aber nicht in diesem Ausmaß und mit dieser Expertise.

„Wird das hier alles zerstückelt, ist die Qualität der Patientenversorgung in größter Gefahr und damit auch die Ausbildung der künftigen Ärzte." Für den Tiroler Patientenanwalt Birger Rudisch steht fest: „Bei der Spitalsreform und bei den Diskussionen müssen das Wohl und die Versorgungssicherheit der Patienten im Vordergrund stehen." Der Tiroler Patientenvertretung ist von Gesetzes wegen bei grundlegenden Planungsvorhaben des Landes Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.

„Die ausführliche Information wurde uns angekündigt. Wir werden sie genauestens prüfen und uns für die Interessen und Sorgen der Patienten bzw. ihrer Angehörigen einsetzen", beteuert Rudisch und lädt Betroffene ein, „sich jetzt mit ihren Anliegen zu Spitalsbehandlungen, insbesondere betreffend den Standort Natters, bei uns zu melden". Die Patientenvertretung in der Meraner Straße 5 in Innsbruck ist ereichbar unter Tel. 0512/508-7702, patientenvertretung@tirol.gv.at. (Michaela Spirk-Paulmichl)