Letztes Update am Di, 16.04.2019 09:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Bischof Glettler: „Diese beschämenden 1,50 Euro“

Im TT-Interview warnt Innsbrucks Diözesanbischof Hermann Glettler davor, ein neues Armutsproletariat zu schaffen. Für ihn findet Ostern dort statt, wo Menschen solidarisch mit und für andere ,aufstehen‘“.

Die Sozial- und Flüchtlingspolitik in Österreich stimmt Glettler nachdenklich.

© Thomas Boehm / TTDie Sozial- und Flüchtlingspolitik in Österreich stimmt Glettler nachdenklich.



Herr Bischof, Mitglieder von NGOs und Vertreter von kirchlichen Organisationen kritisieren die zunehmende soziale Kälte in Österreich. Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Bischof Hermann Glettler: Mit dem Ausdruck „soziale Kälte“ möchte ich vorsichtig umgehen. Es gibt in unserem Land auch eine verlässliche Grundtemperatur von sozialer Wärme und Solidarität. Aber auf unsere Sprache müssen wir achten. Sie kann achtsam oder verletzend sein. Dazu gehört auch die politische „Körpersprache“. Wenn vermittelt wird, dass armutsgefährdete Menschen nur eine Last für die Tüchtigen sind, dann wird sich eine gefährliche Aggression aufbauen. Dasselbe gilt für das permanente Gerede von der Bedrohung durch Asylwerber und Fluchtreisende.

Die 1,50 Euro als Stundenlohn für gemeinnützige Jobs, die von Asylwerbern geleistet werden, haben Sie unlängst in einem Interview als Hohn bezeichnet. Warum?

Glettler: Es geht hier nicht um ein paar Euro mehr oder weniger, sondern um Anstand. Ich will das Thema nicht künstlich verlängern, aber Menschen, die sich konstruktiv einbringen und gerade mal Jobs erledigen dürfen, die ohnehin sonst niemand machen würde, brauchen Anerkennung. Das leisten diese beschämenden 1,50 Euro mit Sicherheit nicht, ganz im Gegenteil. Die so genannten Remunerationstätigkeiten tragen auch viel zu einer Integration vor Ort bei.

So schnell konnten Leser gar nicht fragen, wie der Bischof tippte.
So schnell konnten Leser gar nicht fragen, wie der Bischof tippte.
- Thomas Boehm / TT

Die aktuelle Reform der Mindestsicherung mit den Kürzungen durch die Bundesregierung sorgt für heftige Debatten. Sind für Sie die Einschnitte nachvollziehbar?

Glettler: Wie die Bezeichnung schon sagt, geht es um das Mindeste, das Menschen für ihren Lebensunterhalt garantiert bekommen sollten. Hier Einschnitte zu machen, ist gefährlich. Da kann leicht ein neues Armutsproletariat geschaffen werden. Und den Anreiz zu einer größeren Eigeninitiative wird Sozialhilfe neu wahrscheinlich auch nicht bieten. Ich bin also abwartend skeptisch. Ich hätte mir ein stärkeres Hinhören auf jene gewünscht, die mit den Betroffenen arbeiten.

In den vergangenen Wochen sorgte vor allem der Protest von jungen Menschen für die Umwelt und für Maßnahmen gegen den Klimawandel für Aufsehen. Ein Hoffnungszeichen für Sie?

Glettler: Ja, definitiv. Wir müssen vom vielen Reden ins Handeln kommen, wie die junge schwedische „Prophetin“ es fordert. Die Jugendlichen, die eigentlich in die Schule gehen sollten, machen Stress. Diesen Stress brauchen wir, um den Grad der Gefährdung unserer Umwelt zu erkennen. Der aktuelle Bericht über das Schrumpfen der Gletscher ist nur eines der alarmierenden Zeichen. Es braucht einen Zusammenschluss aller Hirne, Herzen und Hände, um das Ruder noch herumzureißen. Wir müssen primär unseren Lebensstil ändern. Das tut weh.

Die Nachlese: Das war der TT-Chat mit Bischof Hermann Glettler

Monika Schramm und Christoph Rauth begleiteten ihn durch den Chat.
Monika Schramm und Christoph Rauth begleiteten ihn durch den Chat.
- Thomas Boehm / TT

Ostern ist ein buntes und widersprüchliches Fest mit Tod und Auferstehung Jesu. Wie zeitgemäß ist Ostern heute noch?

Glettler: Ein Fest, das Zuversicht vermittelt, ist immer zeitgemäß. Das österliche Drei-Tage-Fest kann den Grundwasserspiegel von Lebensfreude heben. Wir leben in einer nervösen Wohlstandsgesellschaft – vage Verlustängste und ständige Empörung. Sündenböcke werden gesucht. Ostern könnte entlasten. Es geht um eine innere Versöhnung, die Jesus vorgelebt und ermöglicht hat. Sein Sterben und Auferstehen haben jeder Lüge und Bosheit das letzte Wort genommen. Das hat Bedeutung für alle Enttäuschten, Verbitterten und durch Schicksale Verletzten. Ostern verspricht ein Leben, das mit dem irdischen Ablaufdatum nicht vorbei ist.

Wo vollzieht sich vor Ort, also in Tirol, für Sie das Wesen von Ostern?

Glettler: Das Eigentliche von Ostern lässt sich nicht auf einen geographischen Ort fixieren. Jesus, der Auferstandene, ist überall erfahrbar. Gerade dort, wo es ganz und gar nicht österlich ausschaut. Christsein bedeutet, mit ihm verbunden sein. Mit dem Lebendigen! Ich könnte auch von den tollen Ostergräbern sprechen. Diese faszinierenden Schaugräber sind ein spezielles Tiroler Kulturgut, weil sie trotz der Anordnung von Joseph II. nicht gänzlich vernichtet wurden. Ostern findet auch überall dort statt, wo Menschen solidarisch mit und für andere „aufstehen“, d. h. ihre Stimme gegen Unrecht erheben. Auch das gehört zum Wesen von Ostern – der nötige Mut und ein langer Atem.

Was ist für Sie heuer die ganz zentrale Botschaft des bevorstehenden Osterfestes?

Glettler: Versöhnung! Wir tragen zu viele Altlasten mit uns. Und es gibt die Unkultur des ständigen Anklagens und Verurteilens. Ostern unterbricht diesen Teufelskreis. Wenn Schuld nicht verdrängt, sondern eingestanden wird, ist ein Neubeginn möglich. Der Friede, mit dem Jesus die verängstigten Jünger überraschte, hat eine positive Sprengkraft. Auch eine soziale. Der Gekreuzigte hat sich mit allen Leidenden dieser Welt solidarisiert.

Die Kinder in Tirol freuen sich vor allem über den Gotlpack. Hat es das auch in Ihrer Jugend in der Steiermark gegeben?

Bischof Glettler bereitete der TT-Chat auch sichtlich Freude.
Bischof Glettler bereitete der TT-Chat auch sichtlich Freude.
- Thomas Boehm / TT

Glettler: Nein, das ist speziell für Kärnten und Tirol. Aber bei uns gibt es das so genannte „8. Sakrament“, die österliche Speisensegnung. Am Karsamstag sind alle Kirchen und Kapellen mehrmals voll. Die Leute lassen die Speisen für den Ostertisch segnen. Auch ein schöner, recht niederschwelliger Zugang zum Geheimnis von Ostern.

Abschließende Frage: Was würden Sie als Bischof gerne den heimischen Politikern ins Osternest legen?

Glettler: Ich würde Geduld und gute Nerven hineinlegen. Auch den Segen Gottes. Ich will das Positive stärken. Es ist nicht leicht, bei einer ständig lauernden Unzufriedenheit ausgleichend zu wirken und nicht nur die eigene Klientel zu bedienen. Ostern schenkt Weitblick und neue Lebensenergie – das wird uns allen ins Osternest gelegt, was auch immer unser Beruf und unsere Verantwortung sind.

Das Interview führte Peter Nindler